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Iranische Rennfahrerin Mit 240 Sachen in die Zukunft

 ·  Viele Männer schauen in Teheran hinter ihr her. Denn Laleh Seddigh ist nicht nur schön, sondern auch unglaublich schnell. Die Formel-3-Fahrerin ist auf rasante Weise zum ersten weiblichen Star des iranischen Rennsports geworden.

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Als sie ihr erstes Rennen fuhr, waren sie plötzlich da. Sie stürmten die Tribüne, sie klatschten, sie kreischten vor Begeisterung, sie riefen ihren Namen. Wie ein Traum kommt ihr das noch immer vor. Sie lacht, als sie es erzählt. Nie hätte irgend jemand gedacht, dass sie, diese kleine zierliche Frau, einmal so etwas bewirken würde. „Das war der schönste Tag meines Lebens“, sagt Laleh Seddigh, der erste weibliche Star des iranischen Rennsports - und rückt ihre Kopfbedeckung zurecht.

Die kreischenden Fans waren ihre weiblichen Zuschauer, die Männer waren fassungslos. „Manche meiner Konkurrenten waren verärgert, andere ignorierten mich, die wenigsten haben mir zu meinem Sieg gratuliert.“

Im Norden stehen die Frauen im Mittelpunkt

Rennfahren ist in Iran kein Sport der Reichen und Schönen. Man muss sich die Hände schmutzig machen, man muss selbst anpacken. Und zimperlich ist Laleh Seddigh wirklich nicht. Ganz natürlich plaudert sie mit ihren Technikern, setzt sich in ihren Designerkleidern auf schmutzige Autoplanen, schiebt das riesige Garagentor auf, als es zum Technik-Check geht. Sie ist ungefähr so groß wie Kylie Minogue und sieht ihr ein wenig ähnlich, nur in persisch, dunkel und hübsch. Einen Halswirbelbruch und eine Beinverletzung erwähnt sie nicht einmal. „A beautiful muslim“, sagt sie lachend - als ob es ein Gegensatz in sich wäre. Iranische Frauen, sagt sie, können all das gleichzeitig sein: schön, erfolgreich, modebewusst, muslimisch.

In Teherans Norden stehen die Frauen im Mittelpunkt. Gucci, Chanel, Prada, Dior: So viel Modebewusstsein und so viele selbstbewusste Frauen auf einmal hat man selten gesehen und ganz bestimmt nicht mitten in Teheran erwartet. Iran hat eben nicht nur eine hässliche Fratze. Irans Gesicht ist auch perfekt geschminkt und facettenreich schön. Wie kann man Kleidungsvorschriften und Model-Ästhetik überhaupt in Einklang bringen?

Die Kleidung ist ihr Protest

Während sich die Iranerinnen mit der islamischen Bekleidung nach der Revolution gegen das westlich geprägte Frauenbild abgrenzen wollten, setzen sie heute ein Statement gegen das Frauenbild, das noch drei Jahrzehnte nach der Revolution hochgehalten wird. Ihre Kleidung ist ihr Protest. Jede Mode in Iran ist auch Ausdruck einer politischen Haltung. Mutig reizen die Frauen in dem nicht ungefährlichen Spiel die Grenzen aus. Heute einmal das bunte Kopftuch weit zurückgeschoben, morgen etwas Nagellack, übermorgen offene Sandalen.

Die kleinen Freiheiten täuschen nicht über die Einschränkungen hinweg. Aber sie geben die Möglichkeit zu wählen, ob man wie ein Model aussehen möchte oder das Kopftuch konservativ trägt. Wie schafft man es, von einer Staatsdienerin am Basar darauf hingewiesen zu werden, dass die Mäntel beim nächsten Mal doch bitte etwas länger sein sollten - und trotzdem seinen eigenen Stil zu finden?

Formel-3-Rennen in Monza und in Bahrein

„Du musst immer startklar und auf alles vorbereitet sein“, sagt Laleh Seddigh. Und sie ist es. Gerade hat sie einen Werbevertrag mit dem größten Automobilhersteller Irans, Saipa, unterschrieben. Sie soll demnächst die Juniorklasse der Rennfahrerinnen trainieren. Nachwuchsförderung ist der Dreißigjährigen wichtig. Sie hatte das Glück, von ihrer Familie gefördert zu werden. Erst begann sie als Profisportlerin im Springreiten. Nach drei Jahren wollte sie in den Rennsport. Seit acht Jahren fährt sie nun, schnell und erfolgreich.

Sie hat Formel-3-Rennen in Monza und in Bahrein gefahren. „Da hätten Sie einmal die Gesichter der Männer sehen sollen! Ich war die einzige Fahrerin, die waren baff.“ Nicht ohne Stolz bemerkt sie, dass in manchen arabischen Ländern Frauen nicht einmal den Führerschein machen dürfen. In Teheran dagegen gibt es Taxifahrerinnen, die mit ihren männlichen Fahrgästen beinhart die Preise aushandeln, souverän über die steigenden Benzinpreise lamentieren und locker durch das wahnsinnige Verkehrschaos steuern.

„Unter dem Helm bin ich vollständig verhüllt“

Einst wurde Laleh Seddigh von der Teilnahme an einem Rennen ausgeschlossen mit der Begründung, sie sei die einzige Frau, das könne man nicht zulassen. Man schickte sie von der Rennbahn. Die Veranstalter kannten Laleh Seddigh nicht: „Du musst immer einen Schritt voraus sein.“ Mit Hilfe ihres Vaters, eines wohlhabenden Industriellen, erwirkte sie ein islamisches Rechtsgutachten, eine Fatwa eines Rechtsgelehrten. Das Dokument besagt, dass ihre Teilnahme an Wettkämpfen mit männlichen Konkurrenten nicht unislamisch sei - unter Wahrung der Kleidungsvorschriften. „Unter dem Helm bin ich vollständig verhüllt“, sagt sie. „Das ist doch wirklich eine intelligente Lösung, oder? Wenn sie mich nicht zum Rennen zulassen, dann handeln sie unislamisch!“

Der Prophet Mohammed sei ein gutes Vorbild. Er habe die Männer aufgefordert, die Frauen als Partner zu behandeln. Außerdem würden Gesetze ja von Menschen gemacht: „Gesetze kann man ändern.“ Es ist nicht nur ihr Triumph. Auch im Springreiten hat man danach gemischte Wettkämpfe erlaubt. Sicher wirkt es albern, unterm Fahrerhelm noch ein Tuch zu tragen oder über den Rennoverall den Tschador zu hängen. Aber darum geht es ihr nicht.

Energisch und freundlich

Laleh Seddigh trägt zum Interview in ihrem Haus einen eleganten Kurzmantel, der modisch rot gemustert ist, so wie ihn hier sehr viele junge Frauen tragen. Darunter trägt sie enge Jeans, bunte Plateausandalen, alles farblich aufeinander abgestimmt. Ihr Haar ist leicht bedeckt durch einen weißen Schal. Der Seitenscheitel darunter würde Grace Kelly jede Ehre machen. Konzentriert erzählt sie ihren Werdegang. Warum ist sie überhaupt Rennfahrerin geworden? „Weil ich die Geschwindigkeit und die Aufregung liebe!“

Sie ist energisch und freundlich, und sie lacht viel. Als sie einen kleinen Film vorführt, den ein italienisches Fernsehteam gedreht hat, freut sie sich sichtlich. Eine eindrucksvolle und zugleich komische Szene in dem Film zeigt, welche Reaktionen Laleh Seddigh zum Teil hervorruft.

„Der Mechaniker versteht gar nicht, was ich erkläre“

Sie befindet sich in der heiligen Stadt Mashad, mitten in der Wüste, im Osten Irans. Laleh Seddigh, in einen enganliegenden hellblauen Mantel gekleidet, steht vorne im Bild, hinter ihr der riesige Sakralbau zu Ehren des schiitischen Imam Reza. Pilger strömen an ihr vorbei zum Schrein. Frauen im weiten schwarzen Tschador bleiben verdutzt stehen und schauen misstrauisch auf die zierliche Frau, die da einem ausländischen Fernsehteam ein Interview gibt.

Während Laleh von ihren Talenten erzählt, dass sie gerne Klavier spielt, malt und reitet, stolpert im Hintergrund ein irritierter Mann, weil er seinen Blick nicht von ihr lassen kann. Manche Frauen schütteln missmutig den Kopf und gehen weiter. Ungerührt erzählt Laleh weiter.

Dann zeigt sie einen Film, in dem sie die Kamera einmal selbst in der Hand hat. Sie läuft durch den Rennstall, Rennfahrer stehen herum, es regnet, Rennwagen werden begutachtet, man hört ihr Lachen und wie sie ihre Kollegen mit Fragen bombardiert. Die Rennfahrer reagieren so, als ob sie gerade ihre Eltern in der Disko getroffen hätten. Aber obwohl es ihnen sichtlich unangenehm ist, bleiben sie höflich. Laleh sitzt vor ihrem Laptop, kichert und weist auf Kleinigkeiten hin: „Der da ist so eifersüchtig, man sieht es ihm direkt an. Und sehen Sie den Mechaniker: Der versteht gar nicht, was ich ihm da erkläre.“

„Frauen haben überall auf der Welt Schwierigkeiten“

In einem anderen Film rast Laleh Seddigh durch den Stadtverkehr. Ein Taxifahrer vor ihr fährt einfach nicht los, obwohl die Ampel Grün zeigt. Sie hupt. Er steigt aus, geht schimpfend auf ihren Wagen zu. Sie steigt aus - und der Film reißt ab. „Dem habe ich mal gehörig die Meinung gesagt.“

Sie weiß, dass sie sogar für westliche Maßstäbe ein ungewöhnliches Leben führt. „Aber das ist ja mein Leben, also auch Alltag für mich.“ Sie weiß, dass Iran in der Welt nicht mit Schönheit, Erfolg und Dynamik in Verbindung gebracht wird, dass man denkt, der Schleier sei das größte Problem der Frauen.

Darüber kann sie nur lachen. „Frauen haben doch überall auf dieser Welt Schwierigkeiten“, meint sie. „Vielleicht ist es hier in Iran ein bisschen schwerer.“ Aber deshalb, das ist ihre Botschaft, legen die Iranerinnen nicht die Hände in den Schoß. Sie kämpfen. Manchmal mit Gucci, manchmal in einem Rennwagen mit 240 Sachen.

Mitarbeit: Miriam Younes.

Quelle: F.A.Z., 09.08.2007, Nr. 183 / Seite 9
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