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Geschlechterforschung : „Väter wollen heute mehr vom Kind mitkriegen“

Weg von der klassischen Rollenverteilung? Viele junge Männer geben an, in ihrer Vaterrolle aktiver sein zu wollen. Bild: dpa

Geschlechterforscherin Paula-Irene Villa über sich wandelnde Rollen, die Erwerbsarbeit von Frauen, die Mühen der geteilten Elternschaft und die Frage, wer den Müll runterbringt.

          Frau Villa, Mütter und Väter teilen sich berufliche und familiäre Aufgaben heute häufiger als früher. Welche Folgen hat das für die Familie?

          Wenn diese Aufteilung stattfindet, führt das zu einer Pluralisierung von Rollen und einer Entgeschlechtlichung vieler Tätigkeiten. Damit ist nicht die Abschaffung des Geschlechts gemeint. Aber es steht nicht mehr qua Gebärmutter oder Penis fest, welche Tätigkeiten für wen überhaupt in Frage kommen. Die Entgeschlechtlichung betrifft ganz unterschiedliche Ebenen – die berufliche wie die private, bis hin zu Fragen der Kleiderwahl. Die am Geschlecht orientierte Vorstrukturierung von Aufgaben in Familien besteht ja darin, dass es selbstverständlich heißt: „Papa ist für dies, Mama für das zuständig.“ Wenn das wegfällt, dann wird die Familie offener. Kinder lernen, dass alle Geschlechter alles können, soweit es körperlich geht.

          Wie hat sich die Vaterrolle verändert?

          Wenn man es empirisch genau nimmt, muss man sagen: So viel hat sich nicht verändert. Junge Männer wollen es häufig anders machen als ihre eigenen Väter. Das ist in Westdeutschland ein ziemlich durchgängiges Motiv. Sie wollen aktiver in der Vaterrolle sein, mehr mitkriegen vom Kind und liebevoller sein, als sie es selbst erlebt haben. Sie wollen den Kindern mehr ein Gefährte als eine respekt- oder gar angsteinflößende Autorität sein. Werdende Väter sind auch stark an einer egalitären Teilung von Freud und Leid des Sich-Kümmerns orientiert. Einerseits.

          Paula-Irene Villa ist Professorin für Allgemeine Soziologie und Gender Studies am Institut für Soziologie der LMU München
          Paula-Irene Villa ist Professorin für Allgemeine Soziologie und Gender Studies am Institut für Soziologie der LMU München : Bild: Privat

          Und andererseits?

          Wenn es dann real wird, also das Kind geboren ist und etwa die Entscheidung ansteht, weniger im Beruf zu arbeiten, dann beobachten wir eine starke Retraditionalisierung. Selbst die Väter und Mütter, die es sich anders vorgestellt haben, fallen häufig in Muster zurück, die sie eigentlich nicht wollten. Ein verbreitetes Phänomen ist dann die Behauptung, dieser Vorgang habe nichts mit Geschlecht, Gesellschaftsstrukturen oder Rollenbildern zu tun. Die Rede ist von einer „bewussten Entscheidung, weil es so für uns das beste war“. Und das stimmt ja auch – die Entscheidung war sicher authentisch und individuell. Das ökonomische Kalkül stützt oft noch die bekannte Rolle des Vaters als Ernährer und der Mutter als Kümmernde. Dabei werden die institutionellen Mechanismen übersehen, die eine traditionelle westdeutsche Form nach wie vor begünstigen.

          Worin bestehen die Unterschiede zwischen Ost und West?

          Das ostdeutsche Elternmodell sah vor, dass beide – Vater und Mutter – gleichermaßen erwerbstätig waren, während in Westdeutschland das bürgerliche Ernährerprinzip normativ und empirisch dominant war. Unterschiede bestanden in West- und Ostdeutschland vor allem in Bezug auf die Mütter, wobei sie auch in der DDR das Gros der Care-Tätigkeiten und Hausarbeit übernommen haben. Die Vaterrolle war dort insofern nicht so anders als im Westen.

          Machen sich die Unterschiede heute noch bemerkbar?

          Die Erwerbsquote von Müttern in Ostdeutschland ist noch immer deutlich höher als im Westen, und die Infrastruktur für Kinderbetreuung ist im Osten stärker ausgebaut. Sachsen hat etwa eine Hortplatzgarantie für Grundschulkinder. Insgesamt ist die kulturelle Selbstverständlichkeit von Müttern in Erwerbsarbeit in Ostdeutschland nach wie vor deutlicher als im Westen, wo für Mütter stärker ein Entweder-Oder gilt.

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