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Interview mit Juan Villoro : Karneval in der Apocalypse

„Ein schwerer Fehler“: Präsident Enrique Peña Nieto empfing Donald Trump in Mexiko. Bild: dpa

Ein nicht enden wollendes Grauen hält Mexiko in seiner Gewalt. Doch nur wenige trauen sich, ihre Stimme zu erheben. Der Schriftsteller Juan Villoro spricht über korrupte Politiker, beliebte Drogenbosse und den richtigen Weg im Kampf gegen die Narcos.

          Señor Villoro, Sie haben geschrieben, in Mexiko werde die Demokratie bestimmt durch ein „Klima der falschen Teilhabe“. Was meinten Sie damit?

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Das Land ist 71 Jahre lang ununterbrochen von derselben Partei regiert worden, der PRI. Als im Jahr 2000 dann der demokratische Wechsel gelang, glaubten viele Mexikaner, nun könnten sie stärker als bisher partizipieren. Was stattdessen passierte: Die politischen Parteien haben die Politik gekidnappt. Das heißt vor allem, dass sie sich großzügig finanzielle Mittel genehmigen. Wir haben eine der teuersten Demokratien der Welt, die Wahlkämpfe dauern monatelang, alles durch den Staat finanziert. In diesem System haben sich die Parteien eingerichtet. Sie profitieren davon – alle.

          Der mexikanische Präsident Enrique Peña Nieto hat sehr schlechte Beliebtheitswerte und ist in mehrere Skandale verwickelt, angefangen von einer plagiierten Abschlussarbeit bis zu massiven Foltervorwürfen. Wie kann es sein, dass er immer noch im Amt ist?

          Die mexikanische Gesellschaft ist eine Gesellschaft des Gehorsams, in der die Leute oft Angst haben, sich einzubringen oder aufzubegehren. Die mexikanische Schriftstellerin Cristina Rivera Garza spricht von „militanter Apathie“. Das heißt: Die Menschen bleiben apathisch, um keine Probleme zu bekommen, um sich vor dem Staat zu schützen. Bestenfalls schreiben sie mal einen Tweet oder einen Post auf Facebook. Dabei sollte ein Präsident, der für so viele Desaster verantwortlich ist wie Peña Nieto, tatsächlich nicht mehr im Amt sein. Man denke nur an den Empfang des damaligen amerikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump in Mexiko: ein schwerer Fehler.

          Der mexikanische Drogenboss Joaquín „El Chapo“ ist nur einer von vielen Verbrechern: „Die Rauschgift-Syndikate sind stärker denn je.“

          Warum?

          Weil der Empfang dazu beitrug, dass Trump Präsident wurde. Ich war damals in den Vereinigten Staaten. Die Republikaner waren von Trump alles andere als begeistert. Aber nach seinem Mexiko-Besuch haben sie zu mir gesagt: „For the first time he looked presidential“ – zum ersten Mal sah er aus wie ein Präsident. Diese Gelegenheit hat ihm unser Präsident verschafft.

          Peña Nieto gehört der PRI an. Hat die Partei durch den zwischenzeitlichen Regierungswechsel an Macht eingebüßt?

          Nein. Die Macht in Mexiko liegt in den Regionen: in den Rathäusern, bei den Drogenbossen, mit denen sie kooperieren, bei den Gouverneuren. Die meisten Gouverneure kommen nach wie vor von der PRI.

          Bei der jüngsten Wahl im wichtigsten Staat des Landes, dem Estado de Mtixico, hat der Kandidat der PRI Geldkarten an die Wähler verteilt, die sich im Fall seines Wahlsieges aktivieren sollten.

          Die PRI hat ein korruptes, patrimoniales System geschaffen. Auch Peña Nieto hat in seinem Wahlkampf den Leuten direkte materielle Vorteile versprochen. Das wollen viele Menschen. Denn in unserem hierarchischen System, das einer Pyramide gleicht, sind sie daran gewöhnt, dass die Zuteilungen von oben kommen. Viele interessiert es dann nicht, ob der Zuteiler korrupt ist oder nicht. Deswegen genießt der Drogenhandel in Mexiko auch eine gewisse soziale Anerkennung. Die Narcos, wie wir die Drogenbosse nennen, werden ja nicht überall verabscheut, sondern an manchen Orten sogar bewundert. Weil sie mit dem Drogengeld auch Krankenhäuser finanzieren oder Straßen bauen. Octavio Paz hat die Figur des helfenden Anti-Heros 1979 in einem Buch beschrieben. Auf Deutsch heißt es: „Der menschenfreundliche Menschenfresser“.

          Ein Militärbeamter vernichtet Waffen in Mexiko.

          Der Journalist Javier Valdes Cárdenas, der vor kurzem ermordet worden ist, bezeichnete Mexiko als „Narco-Staat“. Hatte er recht?

          Je nach Bundesstaat trifft das mal mehr, mal weniger zu. Aber im Grunde stimmt seine Einschätzung. Zum Beispiel die Golfregion: Seit 15, 20 Jahren sind alle Parteien, die dort Politik machen, mit dem Drogenhandel verbandelt. Auch Sinaloa, Javiers Heimat, ist von der Drogenkriminalität total infiltriert. Ich habe mit ihm mehrmals über diese Dinge gesprochen.

          Sahen die Drogenbosse in ihm eine Gefahr fürs Geschäft?

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