27.12.2011 · Für seinen neuen Film besuchte Christian Ulmen sechs Wochen lang eine Gesamtschule in Zeuthen. Im Interview spricht er über seine Rückkehr auf die Schulbank, machtvolle Monster und seine Freude auf die Rente.
Von Jörg ThomannHerr Ulmen, hatten Sie viel mit Rainer Hoppe zu tun?
Wer ist das noch mal?
Rainer Hoppe ist der Sozialarbeiter an der Paul-Dessau-Gesamtschule in Zeuthen, die Sie sechs Wochen lang hinter der Maske des achtzehn Jahre alten Schülers Jonas besucht haben. Als mehrfacher Sitzenbleiber, der die letzte Chance bekommt, noch einen Abschluss zu machen, wäre Jonas doch dessen klassische Klientel.
Ach so! (lacht) Ich habe schon gedacht, das wäre ein berühmter Autor, den ich peinlicherweise nicht kenne. Ja, ich war regelmäßig bei Rainer Hoppe. Das hat es nicht in den Film geschafft, wie so vieles. Sechs Wochen passen halt nicht komplett in 106 Minuten. Bei dem saß ich immer wieder, das war wirklich ein ganz toller Vertrauensmann, dem man alle seine Sorgen erzählen wollte.
Welche Sorgen haben Sie als Jonas dem Herrn Hoppe erzählt?
Ich habe ihm erzählt, dass ich Mathe einfach nicht kann, und ihn gefragt, ob er nicht mit meinem Mathelehrer einen Deal machen könnte, damit er mir eine Vier gibt und ich die Probezeit bestehe. Jonas hat die Funktion von Herrn Hoppe falsch verstanden.
Ist der Film „Jonas“ ein Loblied auf die Schule, die das aber möglicherweise gar nicht merkt?
Ich bekomme ganz unterschiedliche Reaktionen. Manche sagen: Toll, endlich sehen wir mal, wie schön Schule sein kann, und andere sagen: Das war ein Horrorfilm, genauso wie bei mir früher. Der Film schickt jeden auf seine individuelle Zeitreise. Für mich machen eher die beklemmenden Momente den Reiz aus, die blamablen Situationen - an der Tafel etwas vorrechnen zu müssen, getadelt zu werden. Und der allgegenwärtige Druck, der sich bis auf die Zukunft ausdehnt, wenn gesagt wird: Wenn ihr euch in Chemie nicht anstrengt, was soll aus Deutschland werden? Dann landet ihr alle später bei Hartz IV. So einen Druck kannte ich aus meiner Schulzeit gar nicht. Ich habe damals Traumschlösser bauen dürfen.
Die Zeiten mögen andere sein, aber ist Zeuthen in Brandenburg vielleicht auch ein ganz anderes Pflaster als Hamburg, wo Sie einst zur Schule gingen?
Zeuthen ist eigentlich ein ganz bürgerliches Umfeld: alles Einfamilienhäuser, sanierte Villen, teilweise am See. Danach haben wir ja bewusst gesucht: nach einer Schule, die nicht entweder Elite ist oder Rütli, sondern eine ganz normale, durchschnittliche Schule mit einer bürgerlichen Klientel.
Der Filmklassiker „Die Feuerzangenbowle“, aus dem der Spruch mit dem Loblied auf die Schule stammt, bezieht seine Komik daraus, dass die Lehrer selbst für die damalige Zeit arg verknöchert und kauzig wirkten. Waren die Lehrer an der Dessau-Schule für Ihr Filmprojekt nicht geradezu erschreckend modern und normal?
Diese Erkenntnis kann man nur in der Erwachsenendraufsicht erlangen. Ich glaube, kein Schüler dort hat den Eindruck, er habe moderne, coole Lehrer, und mir als Jonas erging es auch nicht so. Das subjektive Druckgefühl und die Angst, die da wabert, wird nach wie vor von diesen Lehrern ausgelöst, die einfach die Möglichkeit haben, dich morgen sitzenbleiben zu lassen oder dich an der Tafel zu demütigen. Es sind in den Augen der Schüler nach wie vor machtvolle Monster. Erst der Film öffnet den Blick auf so etwas wie eine Lehrerseele.
Die Schüler wiederum scheinen alle ausgesprochen brav zu sein.
Sie hören ja auch ständig: Wenn du hier nicht bestehst, dann bestehst du nirgendwo. Da hat man auch keinen Mut mehr, aufzubegehren. Das haben wir früher aber auch nicht gemacht.
Und es hat Ihnen nicht in den Fingern gejuckt, diesen braven Haufen als Jonas ein bisschen mehr aufzumischen?
Doch, total! Aber Jonas war die Umkehrung meiner sonstigen Rollen: Während alles, was ich vorher als fiktive Fernsehfigur gemacht habe, provokant war, um Situationen zu steuern und in Peinlichkeiten hineinzumanövrieren, war hier das Gegenteil die Idee. Jonas sollte kein extremer Charakter sein, sondern ein durchschnittlicher Typ, der nicht die Kraft hat, etwas zu inszenieren, der einfach mitläuft und vom Umfeld gelenkt wird. Das war auch meine persönliche Lust daran. Dennoch musste ich mich manchmal zusammenreißen; oft nämlich hatte ich diesen Impuls, eine Klassenrevolte anzuzetteln. Aber das wäre langweilig gewesen: Ich bin nun mal 36, und da ist es nicht so schwierig, einen Sechzehnjährigen anzustiften, eine Demo gegen den Mathelehrer zu veranstalten. Ich fand’s viel spannender, sich wirklich mal unterzuordnen und zu gucken: Wie fühlt sich das an?
Einen fiktiven Dokumentarfilm wie „Jonas“ kennt man als Mockumentary. Aber „gemockt“, also verspottet, wird hier keiner.
Ich bin mit keiner Definition zufrieden, man findet wohl auch keine. Für mich ist es eigentlich eine Dokumentation - mit dem Bonbon, dass da ein älterer Schauspieler sitzt, der sich als Teenager verkleidet hat.
Kann das zum Problem für den Film werden, dass man ihm kein klares Etikett verpassen kann? Dass viele Leute mit falschen Erwartungen ins Kino gehen?
Ja, dieser Film bleibt ein Experiment. In seiner Machart, in seiner Entstehung und auch in seiner Bewerbung. Ich glaube, dass er auch Schülern großen Spaß machen kann, aber die haben das ja eh jeden Tag. Der wirkliche Reiz ist es, wenn man das ein paar Jahre hinter sich hat.
War „Jonas“ eher ein Test für Christian Ulmen oder einer für die Schule?
Das war eher ein Test für mich. Die Schule musste sich ja nicht anders verhalten, weil wir auf diese ganzen provokativen Mittel verzichtet haben. Damit haben sie - weil wir sie im Vorfeld ja einweihen mussten, wer da kommt - mit Sicherheit auch gerechnet. Ich fand es gut, diese Erwartungshaltung zu brechen. Für mich war es hart, wenn ich diesen blöden Logarithmus nicht konnte. Denn es war ja mein Begehren, das wirklich zu schaffen: Ich wollte am Schluss aufgenommen werden.
Sie haben mal gesagt, es falle Ihnen umso schwerer, eine Figur zu spielen, je größer das Publikum ist. Mehr Publikum als im Klassenraum oder auf dem Schulhof dürften Sie kaum je gehabt haben.
Sie meinen, vor Ort beim Spielen. Das stimmt. Doch es fällt mir nicht schwer, wenn ich eine Perücke trage oder mich so verwandeln darf, dass ich ein anderer Mensch bin. Da traue ich mich plötzlich ganz viele Dinge. Ich schalte mich immer auf ganz seltsame Weise aus.
Wie sah als Jonas Ihr Tagesablauf aus?
Ich saß um vier in der Maske, wurde bis halb sieben geschminkt - dabei schlief ich meistens ein. Danach sind wir zur Schule aufgebrochen, das war eine Stunde Fahrt, wurde dort verkabelt, bin mit Autor und Regisseur noch mal den Tag durchgegangen - und um acht Uhr ging’s los. Nachmittags habe ich mich oft mit Freunden aus der Schule verabredet. Abends ging es dann gleich ins Bett. Es war hart, auch weil Brandenburg im Herbst eine gewisse Tristesse hat, die einen runterziehen kann. Das war nicht wirklich eine schöne Zeit.
Wussten seine Mitschüler, dass sich hinter Jonas Christian Ulmen verbarg?
Wem wir es sagen mussten, das waren die Elternvertreter, weil die für ihre minderjährigen Kinder unterschreiben mussten, sowie die Schulleitung und die Lehrer - und da ist es mit Sicherheit auch zu den Schülern durchgesickert.
Wie sind diese dann mit Ihnen umgegangen?
Ich glaube, das ist eins zu eins vergleichbar mit einem neuen jungen Schüler - bei dem will man auch erst mal wissen, was das für ein Vogel ist. So war’s hier auch: Da war dieses ,Das ist ja eigentlich der Ulmen, wie ist denn der jetzt’, aber das fällt schnell weg. Es ist auch anstrengend, sich über sechs Wochen jeden Tag zu sagen: Dieser Typ hat in Wirklichkeit eine andere Frisur, der sieht eigentlich anders aus. Das ist so ermüdend und kräftezehrend, dass man irgendwann einfach mit der Figur interagiert, die einem da vorgesetzt wird. Du hast nur die Chance, mit Jonas zu reden, du erreichst nicht den Schauspieler dahinter. Es ist so wie im Disneyland, wo gestandene Familienväter der Mickymaus zurückwinken. Die reden nicht mit dem Typen, der die Figur steuert.
Sie freunden sich im Film mit dem zurückhaltenden Max an. Ist so etwas möglich, eine Freundschaft zwischen einem Erwachsenen und einem Sechzehnjährigen?
Offenbar. Allerdings war ich ja als Erwachsener nicht wirklich anwesend, sondern selber wieder 18. Ich habe den Altersunterschied dabei gar nicht gespürt, die Ansprache war eins zu eins. Bei der Rollenentwicklung hatten wir uns gefragt, ob ich mir einen Jugendjargon aneignen müsste - doch die reden jetzt auch nicht so wie bei Kiss FM. Als das junge Mädchen mir in der Nachhilfe den Logarithmus beibrachte, dachte ich wirklich, ich sitze hier bei einer älteren Frau, die mir Idiot das erklärt. Die hatten eine solche Reife. Wahrscheinlich waren wir mit sechzehn auch so reif, wir haben es nur vergessen.
Wäre der Schüler Christian Ulmen mit Jonas befreundet gewesen?
Nein! Der war mir zu lasch.
Zu einem Schulfilm gehört eine Schülerliebe: Jonas verliebt sich in seine Musiklehrerin. Eine Romanze mit einer Mitschülerin verbot sich vermutlich von vornherein, weil man Sie sonst der Pädophilie beschuldigt hätte.
Ja. Wir haben lange drüber nachgedacht, aber ich hätte das wirklich als unangenehm empfunden.
Manche meinen, jeder Mensch habe eine Lebensphase, die am besten zu ihm passt. Es gibt Kinder, die schon erwachsen wirken, und ewig Pubertierende. Haben Sie ein solches ideales Lebensalter?
Ja - achtzig! Ich habe es als Kind total faszinierend gefunden, dass mein Opa machen konnte, was er wollte, eine Rente bekam, sich heute in den Garten setzte und morgen spazieren ging; das fand ich super, das wollte ich auch. Ich ertappte mich auch dabei, dass ich es auf Klassenreisen als Eingriff in meine Privatsphäre empfand, mit sechs Leuten in einem Zimmer schlafen zu müssen. Ich war durchaus ein integrierter Mensch in der Schule, hatte Freunde, aber das ging mir zu weit. Ich wollte nicht hören, wie die schnarchen. Das lag vielleicht daran, dass ich mich im Geiste schon auf meine Rente freute.
In einem Fragebogen haben Sie als Jahr, in das Sie gern einmal zurückreisen würden, 1995 genannt - das Jahr Ihres Abiturs.
Ich glaube, dieses Gefühl habe ich nie wieder gehabt: dass jetzt alles möglich ist. Ich muss nicht mehr zur Schule gehen, es ist alles drin. Das ist ein nie wieder erlangbares Gefühl.
Erstaunlich, dass gerade Sie das sagen, der sich auf so vielen verschiedenen Feldern betätigt.
Na, so ein paar Züge sind trotzdem bereits abgefahren. Meinen Lebensunterhalt verdiene ich hauptsächlich als Schauspieler. Es kommen immer mehr Dinge dazu, die dich zwingen: Ich habe ein Kind, so richtig zurückgehen auf null kann ich da nicht mehr. Das ist aber gut so. Und bald kommt ja auch schon die Rente.
Die Fragen stellte Jörg Thomann.
16 Jahre nach dem Abitur in Hamburg ist Christian Ulmen für den Film „Jonas“ wieder zur Schule gegangen. Sechs Wochen lang besuchte er die Paul-Dessau-Gesamtschule in Dessau. Täglich wurden bis zu 60 Mitschüler und Lehrer mit Mikrofonen verkabelt, um seine Erlebnisse festzuhalten. „Jonas“ (Regie: Robert Wilde) kommt am 5. Januar ins Kino. Kunstfiguren hat Ulmen, geboren am 22. September 1975 in Neuwied, schon in Sendungen wie „Mein neuer Freund“ gespielt. Daneben hat er sich als Kinoschauspieler etabliert (“Maria, ihm schmeckt’s nicht“, „Männerherzen“). Ulmen ist in zweiter Ehe verheiratet mit der Moderatorin Collien Fernandes und lebt in Berlin, wo sein sechsjähriger Sohn die Grundschule besucht.
Jörg Thomann Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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