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Interview „Man weiß nie vorher, was die Queen trägt“

04.11.2004 ·  Ein Deutscher schneidert für die Queen: Karl-Ludwig Rehse ist nah dran am Königshaus und ein Vertrauter von Elisabeth II. Im F.A.Z.-Interview spricht er über die modischen Vorlieben und die Faszination der Queen.

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Ein Deutscher schneidert die Garderobe für die Queen. Karl-Ludwig Rehse aus Essen ist ganz nah dran am Königshaus und ein enger Vertrauter von Elisabeth II. Im F.A.Z.-Interview spricht der Inhaber von „Karl Ludwig Couture“ über seine tägliche Arbeit, die modischen Vorlieben und die Faszination der Queen.

Die Königin ist mit großer Garderobe auf Deutschland-Reise. Trägt sie auch Ihre Entwürfe?

Was "Her Majesty" trägt, kann man vorher nie sagen. Ich schaue mir das im Fernsehen an und lasse mich selbst überraschen. Nur einmal hat mich eine Assistentin aus dem Palast vorher angerufen. Das war am Silvesterabend 1999. Zur "Millennium Party" im Dome von Greenwich trug die Königin Kleid und Mantel von mir. Ansonsten weiß das vorher niemand.

Schließlich hängt es von Witterung und Anlaß ab!

Genau. Deshalb nimmt sie auf die Reise auch so viele Sachen mit. Zudem muß sie auf die Etikette achten. Denken Sie nur daran, wie groß das Commonwealth ist! Da muß man Rücksicht nehmen auf die Hitze in Australien oder Tabus in muslimischen Ländern. In Pakistan war zum Beispiel vor Jahren ein Besuch in einer Moschee geplant. Da habe ich ihr einen langen Mantel aus weißem Baumwollpique entworfen, den sie über das Tageskleid zog und der bis zum Boden reichte.

Die Königin hat all ihre altbekannten Schneider überlebt: Sir Hardy Amies, Ian Thomas, John Anderson und Sir Norman Hartnell, der sie für Krönung und Hochzeit ausstattete. Ist jetzt eine neue Generation am Zug?

Ja und nein! Immerhin habe ich schon seit 1988 mit John Anderson in der Damenmode zusammengearbeitet und bin jetzt Anfang sechzig. Als Anderson am zweiten Weihnachtstag 1996 starb, stand ich vor der Entscheidung: Soll ich weitermachen oder aufgeben? Und ich habe sofort gewußt: Wenn ich es weitermachen will, dann sofort, um nicht die Frühjahr- und Sommersaison auszulassen.

Und dann haben Sie das Geschäft gleich unter eigenem Namen weitergeführt?

Die ersten Jahre habe ich den Namen "John Anderson" noch beibehalten. Seit 2000 heißt die Firma nun "Karl Ludwig Couture".

Ist der Eindruck richtig, daß sich die Königin modisch meist bedeckt hält?

In den letzten Jahren hat sich das geändert. Die Stoffe sind leichter geworden. Ich habe mir vor kurzem im Archiv meine eigenen Entwürfe aus den letzten acht Jahren angesehen. Im Vergleich haben ihre Kleider und Mäntel heute einen einfacheren und moderneren Schnitt.

Die Farben sind oft kräftig!

Ja, ich habe schon viel in Blau gemacht, auch in Apfelgrün und Mintgrün.

Zu den Anproben gehen Sie in den Palast?

Ja, ich gebe die Stoffmuster im Palast ab, die Queen sieht sich das an, sucht sich etwas aus, und beim nächsten Mal sprechen wir über das, was ihr am besten gefällt. Mit dabei ist meine Assistentin und die "Personal Assistant" der Königin.

Pro Kleid müssen Sie also mehrmals hinfahren?

Das hängt davon ab, wie eilig es ist. Zudem ist "Her Majesty" sehr beschäftigt, da muß man oft schnell handeln.

Die Entwürfe sind immer sehr gut mit Hüten und Taschen abgestimmt.

Ja, zu Kostüm und Mantel gehört immer ein Hut. Wenn sich die Queen für einen Entwurf entschieden hat, dann gehe ich zum Hutmacher Philip Somerville, der auch hier in Marylebone, gleich bei mir um die Ecke, sein Atelier hat, zeige ihm die Entwürfe und gebe ihm Stoffmuster wegen der Farben. Zur Anprobe fahren wir dann öfters zusammen zum Palast.

Haben Sie noch Konkurrenten?

Zwei weitere Schneider aus London beliefern die Königin.

Aber Sie sind zufrieden mit dem Geschäft?

Besser geht's nicht! An meinem Haus hängt die Plakette "By Appointment to Her Majesty The Queen". Ich habe auch das Patent der Königinmutter, das noch bis zum Jahr 2007 gilt, bis fünf Jahre nach ihrem Tod. Dann muß ich es abgeben. Neben Normann Hartnell und John Anderson bin ich der einzige der Branche, der jemals zwei königliche Warrants gehalten hat - und meiner kleinen Firma hilft das sehr. Ich sehe es als große Auszeichnung und bin sehr stolz drauf.

Und wir sind stolz, daß Sie ein Deutscher sind, noch dazu aus Essen.

Ja, dort habe ich zuerst die Königin gesehen, wenn auch nur auf der Leinwand. Meine Mutter nahm mich und meine zwei Brüder 1953 mit ins Kino, und wir sahen den Farbfilm über die Krönung. Schon da war ich fasziniert von ihrer Erscheinung!

Und wie kamen Sie aus Essen zur Mode?

Ich wußte nicht, ob ich Modemacher oder Goldschmied werden sollte. Auf einer Handwerksmesse in München, wo ich zu Besuch bei meiner Großmutter war, zeigte ich an der Mode das größte Interesse. Das gab den Ausschlag. In Essen habe ich die Gesellenprüfung als Herrenschneider abgelegt - als Mann durfte man damals noch nicht Damenschneiderei lernen. Dann ging ich nach Düsseldorf in eine Maßschneiderei. Und in München habe ich dann doch noch meine Meisterprüfung für Damenschneiderei gemacht. Schließlich habe ich den Sprung nach London gewagt und für John Cavanagh und Belleville Sassoon gearbeitet. Seit 16 Jahren arbeite ich nun auch für die Königin.

Ist das überhaupt noch aufregend?

Immer noch. Ich vergesse nie, wem ich gegenüberstehe. Entspannt bin ich eigentlich nie dabei. Erst hinterher.

Sie sind zur Verschwiegenheit verpflichtet und plaudern nicht aus dem Nähkästchen. Aber können Sie wenigstens dementieren, daß die Königin ihre Sachen nur einmal trägt, wie viele Leute annehmen?

Das stimmt natürlich nicht, das wäre ja pure Verschwendung.

Und können Sie bestätigen, daß die Königin einen Sinn für Humor hat?

Soviel kann ich bestätigen: Es wird oft gelacht.

Die Fragen stellte Alfons Kaiser.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
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