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Initiative „Everybody eats“ : Obdachlose und Banker an einem Tisch

  • -Aktualisiert am

Speisen als verbindendes Element der Gesellschaft: Darauf setzt „Everybody Eats“. Bild: Everybody Eats

Die einen verschwenden Lebensmittel, die anderen können sich keine warme Mahlzeit leisten: Die neuseeländische Initiative „Everybody Eats“ bringt jeden Montag Obdachlose mit Bankern an einen Tisch.

          Es ist das Highlight meiner Woche.“ Dass David diesen Satz ernst meint, ist ihm anzusehen. Der schmächtige Grauhaarige hat sich herausgeputzt: das grau-rot-gestreifte Hemd sorgfältig in die dunkelblaue Jogginghose gesteckt, der graumelierte Bart frisch rasiert, die sichtbar nassen Haare aus dem Gesicht gestrichen, die Nägel kurz und sauber. „Es erinnert mich an gute alte Zeiten“, sagt der Mann von Mitte 60 und fährt sich mit der Zunge über die Lippen. „Damals bin ich mit einem Freund jede Woche in ein anderes Lokal gegangen. Was haben wir köstlich gegessen. Und dann erst der Wein!“

          Heute steht statt Wein bloß eine Karaffe Wasser auf dem fein gedeckten Tisch, doch der Besonderheit des Abends tut das für den obdachlosen David keinen Abbruch. Wir befinden uns im libanesischen Lokal „Gemmayze Street“ in der Innenstadt im neuseeländischen Auckland, wo seit gut einem Jahr jeden Montag die Initiative „Everybody Eats“ zum gemeinsamen Essen und Trinken einlädt. Der Name ist Programm: Ein alternativer Student, ein Geschäftsmann mittleren Alters und ein Obdachloser – normalerweise laufen sie in der Aucklander Karangahape Road, die wie kaum eine andere Straße Platz für soziokulturelle Buntheit bietet, aneinander vorbei. Jeden Montag aber zwischen 18 und 21 Uhr sitzen sie an einem Tisch zusammen, quatschen, ratschen, scherzen – oder genießen einfach schweigend das dreigängige Menü. „Meiner Meinung nach ist die Mahlzeit das mächtigste Mittel, um Leute zu verbinden“, bringt „Everybody Eats“-Gründer Nick Loosley auf den Punkt, was schon die alten Griechen wussten.

          Doch dass beim Essen und Trinken die Leute zusammenkommen, ist dem 33-jährigen Gastronomen und seinem Team nicht genug: „Ein Großteil der Bevölkerung kann sich kein Essen leisten“, klagt Nick, der sich im Rahmen seines Studiums der nachhaltigen Wirtschaft mit Ernährungssystemen beschäftigt hat. „Und gleichzeitig werfen wir ein Drittel der Nahrungsmittel weg.“

          Ehrenamtliche in Küche und Service: Abendessen im „Gemmayze Street“ in Auckland

          In Neuseeland etwa, das für seinen Reichtum an natürlichen Ressourcen bekannt ist, landen jährlich Nahrungsmittel im Wert von 525 Millionen Euro in der Mülltonne, während einer von sechs Bewohnern unter Hunger leidet. In Deutschland sieht die Situation nicht besser aus: Laut einer Berechnung des Instituts für nachhaltige Ernährung der Fachhochschule Münster werden jährlich bundesweit 18 Millionen Tonnen Lebensmittel verschwendet; 40 Prozent davon werfen Verbraucher weg. Gleichzeitig ist jeder Fünfte von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen, wie das Statistische Bundesamt unter Berufung auf die EU-weite Untersuchung „Leben in Europa“ 2017 bekanntgab. Die Folge: 2016 mussten sich fast 4,9 Millionen Personen wegen ihrer finanziellen Lage buchstäblich jeden Bissen vom Mund absparen. Sie konnten sich nur jeden zweiten Tag eine vollwertige Mahlzeit leisten, von gesunder, ausgewogener Ernährung ganz zu schweigen. Und auswärts essen, das kommt ohnehin erst gar nicht in die Tüte.

          Extra-Prise Herzlichkeit für 250 Hungrige

          Verschwendung und Armut: „Wenn wir miteinander kochen und essen, lösen wir beide Probleme“ – mit dieser Hypothese ging Nick an den Start. Drei Monate lang bereiste der Restaurantbesitzer Großbritannien, besuchte Food-Projekte, arbeitete ehrenamtlich in Suppenküchen und pickte sich schließlich die Rosinen aus den funktionierenden Ideen heraus: Man nehme nicht mehr verkauf-, aber noch genießbare Lebensmittel, ein ehrenamtliches Küchenteam, das daraus ein Menü zaubert, und Freiwillige, die eben dieses einmal die Woche mit einer Extra-Prise Herzlichkeit 250 Hungrigen servieren – das Rezept von „Everybody Eats“.

          Bezahlt wird, so viel man will, und von dem, der dazu in der Lage ist. Die Box für Gebefreudige steht diskret auf dem Empfangstisch. „Wir wollen gar nicht wissen, wer bezahlt und wie viel sie geben“, so Nick. „Wir möchten, dass sich die Gäste wohlfühlen, egal, ob sie nichts zahlen, wenn sie dazu nicht in der Lage sind, oder ob sie viel Geld geben, weil sie das möchten. Wir wollen nicht, dass sich die Menschen beobachtet fühlen.“ Etwa 30 Prozent der Gäste würden etwas in die Spendenbox werfen, schätzt er. Die Einnahmen von umgerechnet etwa 90 Euro pro Woche reichen aus, um zusätzlich zu den aussortierten Lebensmitteln Zutaten wie Gewürze, Eier oder Butter zu kaufen.

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