17.07.2005 · Der Härtefall: Werbemanager Jörg verliebte sich bei der kreativen Teamarbeit in seine Petra. Doch die Beziehung zwischen dem Chef und der Angestellten wird immer wieder auf die Probe gestellt.
Von Bettina WeigunyEine schöne Frau - das war sein erster Gedanke, als er sie sah. Damals auf der Betriebs-Weihnachtsfeier. Das gleiche denkt Jörg D., 43, noch heute. Nur ist er mit Petra U. inzwischen seit vier Jahren liiert - und zugleich ihr Chef.
Eine problematische Konstellation, wie sie selbst sagen. Angefangen hat es wie die meisten Arbeitsromanzen. Sie ist Graphikdesignerin, er Texter. Bei einer Werbeagentur in Stuttgart haben sie viele gemeinsame Projekte betreut.
„Menschliche Atmosphäre“
Das bedeutete wochenlange harte Teamarbeit, bis tief in die Abende hinein. „Mit ihr hat das viel Spaß gemacht“, erinnert sich Jörg D. Eines Tages - nach einem erfolgreichen Projektabschluß - spendierte der damalige Agenturinhaber dem Team ein Abendessen bei einem Stuttgarter Sternekoch plus 500 Mark Bonus. „Im Restaurant legte Petra ihren Schein zu meinem auf den Tisch und sagte: ,Davon kaufen wir jetzt ein Sofa.'“ Ein eindeutiges Zeichen für Jörg, auch wenn sie heute behauptet, das nie so gemeint zu haben. Wie auch immer, kurz darauf waren sie ein Paar.
In der Werbebranche sind Romanzen dieser Art nicht ungewöhnlich. Schließlich arbeiten in den Agenturen vorwiegend „Kreative“ - Texter, Fotografen, Werber, Grafiker, Designer. Die Anforderungen: Kommunikativ sollen sie sein, jung, teamfähig, engagiert und lustig. In der Satzung Werbeagentur der beiden steht zudem ausdrücklich, daß im Betrieb eine „menschliche Atmosphäre“ gefördert wird. Also feiern sie viele Feste. Und einmal im Jahr fliegen sie gemeinsam weg.
In Sardinien waren sie diesmal. „Daß es da zu Sympathien kommen kann, liegt doch auf der Hand“, sagt Jörg. Nur war er bereits in der Geschäftsleitung, als er mit Petra zusammenkam. Der Chef und die Angestellte - das ist nicht gut, dachten die beiden und hielten die Beziehung geheim. Bald aber hatten sie keine Lust mehr auf das Versteckspiel. Eines Morgens fuhren sie dann gemeinsam bei der Agentur vor, und die Liebe war publik. Bei einem Unternehmen mit 100 Mitarbeitern schafft der Flurfunk das in Windeseile.
Von da an begannen die Probleme. „Wenn sich der Chef eine Untergebene ,nimmt', mutieren auch Freaks zu Moralaposteln“, erzählt der 43jährige Werbemanager. Es wurde getuschelt, gelästert. „Mir hat es ja keiner direkt gezeigt, aber Petra hat es abbekommen.“ Mit der Freundin vom Chef wollte niemand mehr offen reden aus Angst: Die erzählt eh alles weiter.
„Nur im Notfall“
Streß und Frust nahm das neue Paar mit nach Hause. Irgendwann hat Jörg, heute einer von drei Geschäftsführern, durchgegriffen. „Von einigen dieser Mitarbeiter mußten wir uns trennen. Die ganze Agenturarbeit litt darunter.“ Schwierig blieb es aber auch danach. „Man steht unter ständiger Beobachtung, hat keine Intimsphäre.“ Bei jeder Entscheidung haben sie überlegt: Was denken die anderen? An dieser Frage haben sich ihre schlimmsten Streits entzündet. „Das zermürbt“, sagen beide. „Und es hört nie auf. Nur wenn einer geht.“
Petra ist inzwischen gegangen - in den Erziehungsurlaub. Vorerst also ist das Problem gelöst. Ihre Tochter ist jetzt anderthalb Jahre alt. Die Eltern genießen die Situation. Ohne den Druck von außen. Und bei Problemen in der Agentur holt er gerne ihren Rat ein. „Petra kennt die Agentur und hat doch die nötige Distanz.“ Die 37jährige möchte bald wieder arbeiten. Aber ob sie dann wieder bei ihrer alten Werbeagentur anfängt? „Nur im Notfall“, sagen beide.
Bettina Weiguny Jahrgang 1970, freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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