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Autisten in israelischer Armee : Die Augen des Landes

  • -Aktualisiert am

Ein Blick für die kleinsten Nuancen: Ein Soldat aus dem Programm „Roim Rachok“ der israelischen Armee im Büro in Tel Aviv. Bild: Jan Ludwig

Um Raketenbasen und Waffenlager zu entdecken, wertet der israelische Geheimdienst Satellitenbilder aus. Diese Aufgabe übernehmen nun Autisten – ihre Krankheit prädestiniert sie dafür.

          Ein junger Mann rennt über den Flur, wirft einen Jonglierball immer wieder in die Höhe. Linke Hand, rechte Hand, linke Hand, rechte Hand. Dann presst er einen Laut hervor, der entfernt nach Stöhnen klingt, und verschwindet hinter einer Tür. Der junge Mann im olivgrünen Dress ist kein Zirkuskünstler und kein Spinner. Er ist Soldat einer israelischen Eliteeinheit - und er ist Autist.

          Der Flur, auf dem all das passiert, befindet sich im Hauptquartier der israelischen Armee, mitten in Tel Aviv. Ein Komplex aus Bürohochhäusern und einem sandgrauen Antennenturm, der fast alle anderen Gebäude der Stadt überragt. Fotografieren ist auf dem Gelände unerwünscht. Statt einzelner Gebäude zeigt Google Maps einen großen grauen Fleck.

          Hier arbeitet die Einheit 9900, gesprochen „Neun-Neunhundert“, zuständig für visuelle Aufklärung. Bis vor wenigen Jahren war diese Einheit geheim. Sie wertet Luftbilder von Syrien oder Iran aus, sucht Raketenbasen, Waffenlager, Truppenbewegungen. Jedes Detail auf den Fotos könnte für Israel wichtig sein. Vielleicht sogar: überlebenswichtig.

          Ein Spalier aus Augen

          Weil das so ist, dienen hier seit Herbst 2013 Autisten. Wegen einer Entwicklungsstörung kapseln sich Menschen mit Autismus von ihrer Umwelt ab. Reden fällt ihnen schwer. Ihre Krankheit macht sie zudem empfindlicher gegenüber Änderungen, und seien sie noch so klein.

          So können sie, wenn sie für die israelische Armee Bilder vergleichen, kleinste Nuancen erkennen. Doch diese Empfindlichkeit kann auch dazu führen, dass die Welt einem Autisten zu viel wird. Hin und wieder müssen sie sich abreagieren. Dann greifen sie zum Beispiel zum Jonglierball wie der junge Mann.

          Hinter einer Bürotür sitzen seine Kameraden, Männer allesamt, um die 20 Jahre alt. Zwei Dutzend Augenpaare wenden sich dem Besucher aus Deutschland zu wie ein Spalier. Fremde Gäste sind hier sehr selten. Jede Abweichung vom Alltag, der Routine, ist für einen Autisten anstrengend.

          Etwa ein Prozent der Weltbevölkerung lebt mit Autismus. Männer betrifft es weit häufiger als Frauen. Weil Autisten anders kommunizieren als gesunde Menschen, hält man sie leicht für zurückgeblieben. Das sind sie nicht. Man kann sie mit einem Computer vergleichen, der ebenso schnell rechnet wie jeder andere. Doch zeigt eben der Monitor nur schwarz-weiß.

          Es gibt Autisten, die sich fragen, warum Menschen nach manchen Sätzen das Gesicht verziehen. Die sich daraufhin das Lächeln antrainieren wie eine Grimasse. Sie wissen, dass diese Mimik Gesunden viel bedeutet, aber es dauert lange, bis sie verstehen, warum.

          Andere imitieren Blickkontakt, indem sie dem Gesprächspartner auf die Nasenwurzel schauen. Gefühle zu äußern fällt ihnen nicht leicht. Wenn Autisten sich als solche outen, nennen sie das in Israel: „aus dem Kühlschrank kommen“.

          Jugendzimmer trifft Geheimdienst

          Der Raum, in dem die Autisten von Einheit 9900 ausgebildet werden, ist schmucklos. Einfache, braune Schreibtische, aufgeräumt, fast leer. Darauf schwarze Flachbildschirme, zwei pro Platz. An der Wand hängen Pinnwände, Karten des Nahen und Mittleren Ostens, von Israel und der Welt. Dazwischen ein Poster von Lionel Messi. Jugendzimmer trifft Weltpolitik.

          An einem dieser Tische saß bis vor kurzem auch Y., Anfang 20. Wie viele in diesem Text darf er nicht mit vollem Namen genannt werden. Y. trägt die olivgrüne Uniform des Militärgeheimdienstes, eine dunkle Brille, sein Haar ist militärisch kurz. Zwei Streifen an seinem Ärmel weisen ihn als Corporal aus.

          Wenn Y. spricht, redet er langsam, schnippst nervös mit seinen Fingernägeln. Er braucht oft einige Sekunden, bis er zu antworten beginnt. Aber was er dann sagt, klingt wie bei jedem anderen in seinem Alter. Er chattet abends auf Facebook, kocht gern Hähnchen-Curry, spielt nach der Arbeit auf seiner E-Gitarre Riffs von Metallica.

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