22.03.2010 · Eine Baronesse aus altem Wiener Adel ist das Gesicht der Stunde im jungen deutschen Film: Nora von Waldstätten hat bereits im „Tatort“ brilliert und ist derzeit gleich zweimal im Kino zu sehen. Akribische Vorbereitung sieht sie als Teil ihrer Arbeit, ihr Credo: Bloß nicht beliebig werden.
Von Jörg ThomannWer sich mit diesen Frauen einlässt, der sollte starke Nerven haben. Sonst könnte es ihm gehen wie Richie, den seine fröhlich flirtende Freundin Hannah in wahnhafte Eifersucht treibt, oder wie Frederick, der nicht verkraftet, dass Nadine ihn verlassen hat, und sie über Jahre heimlich beobachtet. Die Marokko-Reisende Pia probiert einfach mal aus, ob es ihrer schal gewordenen Beziehung Würze verleiht, wenn sie ihren Freund mit einer jungen Frau aus Tanger zusammenbringt - um sie dann, als ihr das Ganze zu weit geht, zu verraten. Das freilich ist gar nichts gegen Viktoria, die intrigante Eliteschülerin, die bei ihrer knallharten Karriereplanung ungerührt über die Leichen ihrer Mitschüler geht.
Hannah, Nadine, Pia und Viktoria haben, sosehr sich ihre Geschichten unterscheiden, vieles gemeinsam: Es sind junge, starke Frauen, stärker auf jeden Fall als die Männer, die sie umschwirren, und sie scheuen sich nicht, vom Leben ihre Portion Glück einzufordern. Vor allem aber haben sie dasselbe Gesicht, welches man als das der Stunde im jungen deutschen Film bezeichnen darf. Es gehört Nora von Waldstätten. Fein geschnitten, heller Teint, kühn geschwungene Augenbrauen und faszinierende Augen, die den, der sie beschreiben möchte, unweigerlich ins Reich der Felidae führen; wobei die Tendenz nicht zur Kuschelmieze geht, sondern klar in Richtung Raubkatze. Besonders galt dies für Viktoria im „Tatort“-Fall „Herz aus Eis“, mit dem von Waldstätten im vergangenen Jahr die Zuschauer gleichermaßen beeindruckte wie verstörte. Weil sie einem alten Wiener Adelsgeschlecht entstammt, schwärmte der Boulevard von der „Baronesse mit den eiskalten Augen“.
Von wegen eiskalte Augen
An diesem Nachmittag indes ist kein Eiseshauch zu spüren, als Nora von Waldstätten das Café in Prenzlauer Berg betritt, und das nicht nur, weil sie vor ihren Augen eine schwarze Hornbrille trägt. Seit acht Jahren lebt sie in Berlin, wo sie die Schauspielschule besuchte und noch während der Ausbildung von jener Agentur verpflichtet wurde, die von Nina Hoss über Moritz Bleibtreu und Daniel Brühl bis zu Christoph Waltz die größten heimischen Kinostars vertritt. Sie spielte am Deutschen Theater und trieb ihre Film- und Fernsehkarriere voran, war die Nichte von Jan Josef Liefers im Münsteraner „Tatort“ und die Titelfigur in „Meine fremde Tochter“ mit Götz George. Für ihre Darstellung der Viktoria im „Tatort“ erhielt sie den New Faces Award, für ihre Rolle als Nadine in Maximilian Erlenweins „Schwerkraft“, der am Donnerstag ins Kino kommt, wurde sie beim Ophüls-Festival als beste Nachwuchsdarstellerin geehrt. Mit Marc Rensings „Parkour“ ist ein weiterer Film mit ihr gerade angelaufen. Wohl im Herbst folgt der dritte Kinofilm in diesem Jahr: In der internationalen Großproduktion „Carlos, der Schakal“ fügt von Waldstätten als Carlos' Geliebte Magdalena Kopp sich ein in die Riege hochattraktiver Terroristen, die uns zuhauf schon im „Baader Meinhof Komplex“ begegneten.
Was Regisseure an ihr schätzen, erschließt sich rasch, etwa in den letzten 15 Sekunden von „Schwerkraft“. In diesem Buddy Movie um einen Banker (Fabian Hinrichs), der mit Hilfe eines alten Kumpels (Jürgen Vogel) seine dunkle Seite auslebt, ist von Waldstätten als Nadine kaum eine Viertelstunde zu sehen; die wenigen Momente aber reichen ihr, um, wie sie es ausdrückt, eine Welt zu erzählen, Nadines Welt. Die Schlusseinstellung gehört ihr allein: Langsam fährt die Kamera an ihr Gesicht heran, das erst erstaunt blickt, dann entsetzt und schließlich - von wegen eiskalte Augen! - eine Wärme und ein Verständnis ausstrahlt, die der zynischen, auch brutalen Geschichte eine Art Happy-End verleihen. Nicht vielen Schauspielern trauen Regisseure es zu, so eine Szene zu tragen. Nora von Waldstätten gelingt es, mit kaum mehr als einem Blinzeln. Dass es die letzte Szene im Film sein würde, hat sie beim Dreh nicht gewusst, und das, sagt sie, sei wohl auch gut so gewesen. Aber es hat sie natürlich gefreut.
Akribische Vorbereitung
Auch die Kamera im „Tatort“ zeigte sich vernarrt in ihr Antlitz, schien sich schier daran festsaugen zu wollen, bis fast nur noch ihre Augen im Bild waren: „Das war das krasseste Close-up, das ich je hatte“, beschreibt sie den Moment, in dem die Mörderin doch noch überführt wurde. Was sie eigentlich schade fand: „Die Konsequenz dieser Viktoria mochte ich sehr.“ Die Gelegenheit, eine so abgründige, schillernde Figur zu spielen, hat sie gern genutzt. Die Dreharbeiten jedoch hatten es in sich. In den Pausen las sie, um die Spannung zu halten, Bücher über Manipulation, und wenn nach Feierabend die jungen Schauspieler einen trinken gingen, klinkte sie sich aus: Mit denselben Menschen gelöst an einem Tisch zu sitzen, die sie in ihrer Rolle wie auf dem Schachbrett hin und her schob, das wäre ihr damals nicht in den Sinn gekommen. Eva Mattes, die die Kommissarin spielte, sei bei der Premiere des „Tatorts“ ganz überrascht gewesen, „dass da eine ganz andere Person vor ihr stand“, erzählt von Waldstätten, lässt ihr prustendes Lachen ertönen, das man in ihren bisherigen Filmen so selten hört, und steckt sich die nächste Zigarette an.
Wenn die Schauspielerin so aufgeräumt wie eloquent über sich und ihre Arbeit spricht, erinnert sie so gar nicht an die meist schwierigen Charaktere, denen sie ihr Gesicht leiht. Parallelen aber gibt es: Auch Nora von Waldstätten weiß sehr genau, was sie will, und arbeitet hart, um es zu erreichen. Jeder ihrer Figuren, ob Hannah, Nadine oder Viktoria, hat sie zur Vorbereitung ein Moleskine-Heft gewidmet, die Eckdaten aus dem Drehbuch eingetragen und losphantasiert. Was für eine Kindheit hatte die Frau, wer war ihr erster Freund, welches war ihr traurigster Moment und welches ihr schönster? Sie betrachte das, sagt von Waldstätten, als ihre Hausaufgabe. „Wenn ich damit fertig bin, weiß ich, zu wem sie betet, was ihr Lieblingsalkohol ist, welche Musik sie hört, was sie isst, halt all solche Aspekte.“ Die ihr dabei helfen, die Rollen mit Leben zu erfüllen und Gesten punktgenau zu setzen. Von den Kollegen erntet sie für ihre Hefte überraschte, aber auch bewundernde Blicke: „Ich weiß, es ist durchaus akribisch. Es gibt andere Schauspieler, für die das überhaupt nichts bringen würde. Für mich funktioniert's.“ All die Büchlein hat sie in Kisten aufbewahrt, gemeinsam mit den Drehbüchern und anderen Utensilien. Den Handschuhen etwa, die sie trug, als sie zwei Tage lang im Verteilerzentrum der Post arbeitete - so wie Hannah in „Parkour“. Auch wenn keine Szene Hannah bei der Arbeit zeigt, hat sie sich ans Förderband gestellt: „Mir war es wichtig, zu wissen, wovon sie müde ist.“
Zu ihren Freundinnen zählt auch Helene Hegemann
Was würde in einem Kästchen für die Figur Nora von Waldstätten liegen? Ein Paris-Reiseführer vielleicht, eine Bowie-CD und ein Päckchen rote Gauloises. Und eine DVD von „Anna“, der ZDF-Weihnachtsserie von 1987, die die damals Sechsjährige so faszinierte, dass sie Ballett tanzen wollte wie die Heldin. Kurz darauf feierte sie ihr Debüt im Stadttheater ihrer Heimat Baden bei Wien in einer Rolle, die sie schon damals als Spezialistin für Kälte auswies: als Schneeflocke in „Frau Holle“. Mit dreizehn kam die erste Sprechrolle und die endgültige Überzeugung, auf die Bühne zu wollen. Seine Affinität zur Kunst hat das Traditionsgeschlecht derer von Waldstätten früh demonstriert, nur beschränkte man sich meist auf die Zuschauerrolle: Die Baronin Elisabeth von Waldstätten war Freundin und Förderin des Herrn Mozart und zahlte ihm den schicken roten Frack. In ihrer Familie, sagt Nachfahrin Nora, seien viele Juristen und Naturwissenschaftler, als Schauspielerin sei sie da „ganz gut aus der Reihe getanzt“. Trotz anfänglicher Bedenken hätten ihre Eltern sie nach Kräften unterstützt.
Der Umzug nach Berlin war gleichwohl eine Art Befreiung für sie: von Wien, wo sie jede Straße kannte, doch auch, wie sie sagt, aus der Position, die ein jeder, ob bewusst oder unbewusst, in seiner Familie einnimmt - was bei einem so stolzen Stammbaum noch mal eine andere Bedeutung haben mag. Also zog die Baronesse ins einstige Arbeiterviertel Prenzlauer Berg, das heute eine so hohe Schauspielerdichte aufweist, dass die zentrale Kastanienallee inoffiziell Castingallee heißt. Und wenn sie auch betont, nicht nur mit Schauspielern befreundet zu sein, zieht sie doch häufig genug mit Kollegen durch den Kiez. Zu ihren Freundinnen zählt auch Helene Hegemann, Skandalautorin der blutjungen deutschen Literatur. Der Debatte um deren Roman „Axolotl Roadkill“ entzieht sich von Waldstätten mit dem Hinweis, das Buch nicht gelesen zu haben und also nichts dazu sagen zu können. Lieber schwärmt sie von Berlins Unfertigkeit, der inspirierenden Weite der Stadt, in der man so viel Himmel sehen könne wie in kaum einer anderen Großstadt.
Bloß nicht beliebig werden
In Berlin und in Köln tritt Nora von Waldstätten derzeit im Theater auf, abgedreht ist ein „Nachtschicht“-Krimi, in dem sie - dafür bedarf es einiger Vorstellungskraft - eine Grillwurstverkäuferin spielt. Und natürlich „Carlos“, der Film, in dem sie erstmals eine reale Person spielt. Stapelweise hat sie Bücher über Terrorismus gelesen, und obzwar sie mit dem Gedanken spielte, hat sie sich entschieden, keinen Kontakt mit Magdalena Kopp zu suchen. „Ich war mir nicht sicher, ob's helfen oder in dem Moment eher etwas zerstören würde“, sagt sie. „Irgendwann musste ich mich einfach ganz frech auf diese Figur raufschmeißen und sagen: Ich nehm sie mir jetzt.“ Auch bei diesem Dreh testete sie ihre Grenzen. Mit dem Kollegen Edgar Ramírez als Carlos entschied sie, einander bei den körperlichen Auseinandersetzungen, die das Buch forderte, nicht zu schonen, Motto: alles bis auf Krankenhaus. Am Ende waren es viele blaue Flecken.
Das Spiel der Nora von Waldstätten ist eine aufregende Mischung aus Leidenschaft und Präzision, die auch bei der Karriereplanung zum Einsatz kommt: bloß nicht beliebig werden. Sie hat die Dinge gern unter Kontrolle. „Ich bin einfach so gestrickt. Ich brauche eine gewisse Form. Dann lasse ich aber auch alles fallen, und das ist der gefährlichste und schönste Moment zugleich.“ Wo sie sich in ein paar Jahren sieht, darüber hält sie sich bedeckt. „Ich habe natürlich ganz verwegene Zukunftsphantasien oder Utopien, aber darüber rede ich nicht.“ Sie glaube an Wünsche, doch die müsse man für sich behalten. Ein großes Vorbild aber nennt sie: Von Audrey Hepburn mit ihrer Würde, ihrem sozialen Engagement, ihrer Eleganz und ihrem Witz sei sie tief berührt. Das wäre wieder eine neue, überraschende Seite im Moleskine-Büchlein: Nora, die Katzenäugige, bewundert sanfte Rehaugen.
Jörg Thomann Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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