30.05.2009 · Künstlerin Tinkebell machte aus ihrer Katze eine Handtasche und aus den darauf folgenden Hass-Mails ein Buch. Sie hat ihr Ziel erreicht: Aufmerksamkeit zu erregen. Doch wofür eigentlich? Ein Interview.
Künstlerin Tinkebell machte aus ihrer Katze eine Handtasche und aus den darauf folgenden Hass-Mails ein Buch. Sie hat ihr Ziel erreicht: Aufmerksamkeit zu erregen. Doch wofür eigentlich? Ein Interview.
Frau Tinkebell, haben Sie heute schon Hass-Mails bekommen?
Ja, ich bekomme laufend welche – in den letzten Jahren rund 100.000.
Haben Sie eine Lieblings-Hass-Mail?
Ja, die habe ich: „Liebe Tinkebell, du motherfucker, ich hoffe, dass du von einem Truck überfahren wirst, aber nicht sofort stirbst, sondern nur behindert bist. Dann kannst du dich nicht mehr bewegen, und ich komme mit dem Messer bei dir vorbei.“ Ach, lassen wir das.
Was sagt das über den Verfasser aus?
Man weiß, welche Filme er gesehen hat. Aber ich glaube nicht, dass das ein Einzelner geschrieben hat. Die anderen Briefe waren sehr schnell geschrieben worden, ohne langes Nachdenken. Dieser hört sich so an, als hätten mehrere Leute zusammengesessen und sich zugerufen, was man noch schreiben kann.
In welchem Ton sind denn die anderen Briefe verfasst?
Die meisten beginnen freundlich und werden dann im Ton schärfer. Ungefähr so: „Liebe Tinkebell, ich verstehe, was du sagen willst. Aber du irrst dich. Ich hoffe, du stirbst. Bitte um Antwort.“ Bizarr!
Hatten Sie mal Angst um Ihr Leben?
Nein, ich hatte nie Angst. Ich habe ja auch nicht alle Drohungen gelesen.
1000 Mails haben Sie nun in Ihrem Buch veröffentlicht. Mit Namen, Alter, Beruf, Herkunft und Fotos der Verfasser. Klingt nicht gerade legal.
Ist es auch nicht. Aber es ist auch nicht erlaubt, Hass-Mails zu verschicken.
Haben sich schon Menschen aus Ihrem Buch bei Ihnen gemeldet?
Nein. Aber das holländische Fernsehen hat zwei besucht. Ihm war es egal, dass er im Buch vorkommt, und sie wollte gerne die Fotos tauschen. Sie habe noch welche, auf denen sie schöner aussieht.
Auch von Rechtsanwälten haben Sie noch nichts gehört?
Nein. Ich denke, die meisten waren sehr überrascht, in dem Buch vorzukommen. Sie haben gar keinen Rechtsanwalt. Aber ich habe einen.
Wie haben Sie die Leute, von denen Sie nur eine Mail-Adresse hatten, gefunden?
Das hat meine Ko-Autorin Coralie Vogelaar gemacht. Zunächst gab sie die Mail-Adressen in Suchmaschinen ein, dann in einen Scraper, der Profile auf Facebook oder MySpace absucht. So fanden wir rund ein Drittel der Absender. Das hat mehr als vier Monate gedauert.
Was haben Sie über die Absender herausgefunden?
Sie sind ganz normale Leute. Sie könnten unsere Nachbarn sein, unsere Familienmitglieder. Das ist das Beunruhigende.
Warum haben Sie sich überhaupt die Mühe gemacht?
Ich wollte den Spieß umdrehen. Normalerweise stehe ich als Künstlerin für meine Aktionen in der Öffentlichkeit gerade. Nun wollte ich die Absender für ihr Tun verantwortlich machen. Außerdem sind diese anonymen Hass-Mails eine große Sache. Jede Woche liest man darüber. Es ist mein Ziel, dieses Phänomen aus der Abstraktheit herauszuholen. Und drittens möchte ich die Frage aufwerfen, ob man alles über sich im Internet öffentlich machen muss. Die Menschen sind sehr exhibitionistisch veranlagt.
Sie haben kein Profil bei Facebook?
Doch, ich habe mir während der Recherche eines zugelegt und gemerkt, dass auch alle meine Freunde eines haben.
Was wollen Sie konkret erreichen?
Keine Ahnung. Ich will keinen Gerichtsprozess oder eine Gesetzesänderung. Es ist einfach gut, wenn die Menschen darüber nachdenken. Es ist das erste Mal, dass jemand Hass-Mails veröffentlicht. Dass die 1000 Bücher in nur sechs Tagen ausverkauft waren, spricht für sich.
Gibt es die Handtasche, die Sie aus Ihrem Kater Pinkeltje gemacht haben, eigentlich noch?
Ich habe sie an jemanden verkauft.
Haben Sie die Tasche mal getragen?
Nein, die Angelegenheit war zu delikat.
Haben Sie Ihrem Kater tatsächlich den Hals umgedreht?
Ja, er hatte Depressionen. Klingt komisch. Aber er war schon krank, als er zu mir kam. Er wurde vorher sehr schlecht behandelt.
Und warum die ganze Aktion?
Die Menschen sollten nachdenken, wie wir Tiere als Produkte benutzen. Geht es um eine Kuh, kümmert es niemanden. Aber bei einem Tier, das zur Familie gehört, wird es den Leuten bewusst.
Können Sie die Menschen, die Ihnen daraufhin wütende Mails schrieben, denn ein bisschen verstehen?
Ich kann verstehen, warum sie so reagieren. Aber ich stimme ihnen nicht zu.