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Sonntag, 12. Februar 2012
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Im Gespräch: Die Band Juli „Geil kommt nicht mehr vor“

04.09.2010 ·  Juli sind zurück: Nach einer Schaffenspause bringen die Musiker aus Gießen ein neues Album heraus, das mit neuen elektrischen Klängen aufwartet. Eine Diskussion über die deutsche Sprache und die musikalische Veränderung der Popband.

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Juli sind zurück: Nach einer Schaffespause bringen die Musiker aus Gießen ein neues Album heraus, das mit neuen elektrischen Klängen aufwartet. Eine Diskussion über die deutsche Sprache und die musikalische Veränderung der Popband.

Nach vier Jahren Pause veröffentlichen Sie nun wieder ein neues Album. Was haben Sie die ganze Zeit über gemacht?

Marcel Römer: Na, ja, so lange war es gar nicht. Bis Ende 2007 waren wir unterwegs, und 2008 waren wir für das neue Album schon wieder im Studio. Wir hatten also eigentlich nur ein Jahr Pause.

Eva Briegel: Aber die Zeit war wichtig, um aus dem Mikrokosmos Juli mit Plattenfirma und Studio mal rauszukommen. Wenn wir einfach weitergemacht hätten, wäre ich vor Langeweile gestorben.

Ihre Musik ist elektronischer geworden. Warum?

Eva Briegel: Wir haben uns Ideen von anderen Bands und Musikern geholt, waren viel in Berliner Clubs unterwegs. Dort kommt man an elektronischer Musik kaum vorbei, das hat uns inspiriert.

Jonas Pfetzing: Nach zwei Alben waren wir wie in einer Blase. Davon wollten wir wegkommen. Unsere Musik bildet ja auch immer unseren aktuellen Zustand ab. Der hat sich total verändert.

Eva Briegel: Viele Bands verändern sich ja nicht, die singen 30 Jahre lang immer das Gleiche. Ich finde das furchtbar, das hat was von einer Karikatur. Dafür sind wir viel zu jung.

Sie haben – mit anderen – Deutsch in der Musik wieder populär gemacht haben. Jetzt heißt Ihr neues Album „In Love“. Ist das eine Abkehr vom Deutschen?

Jonas Pfetzing: Dass wir dafür gelobt wurden, auf Deutsch zu singen, haben wir nie als Kompliment verstanden. Deutsch ist ja keine Kategorie, es ist eine Sprache – und zudem einfach die Sprache, die wir am besten können. Daher werden wir auch in Zukunft auf Deutsch singen.

Eva Briegel: Auf Deutsch zu singen ist zwar oft etwas sperriger. Aber ich mag es, dass man unsere Texte auf Anhieb versteht. Also keine Abkehr.

Und wie sind die Reaktionen im Ausland auf die deutschen Texte?

Andreas Herde: Wir treten bisher ja nur im deutschsprachigen Ausland auf. Eine Welttournee würde so wohl nicht funktionieren. Während wir auf Texte Wert legen, suchen Bands wie Rammstein ja nur das Image. Deutsch wird dabei als technoid und kalt verkauft. Das wollen wir nicht.

Eva Briegel: Musik ist Kunst, und die entwickelt sich immer weiter. Zudem wird auch die Musik über Angebot und Nachfrage geregelt. Günter Grass beschwert sich darüber, dass Wörter wie „Labsal“ nicht mehr benutzt würden. Tja, dafür sagen wir jetzt eben „iPad“. Eine solche Sentimentalität ist hier wirklich völlig fehl am Platz.

Beim „Eurovision Song Contest“ wird immer wieder beklagt, dass fast alle nur noch auf Englisch singen.

Marcel Römer: Ja, das verstehe ich auch. Aber dort ist die Musik teilweise einfach richtig schrecklich – egal ob auf deutsch oder auf englisch. Und nur weil auf Deutsch gesungen würde, würden die Lieder nicht schlagartig besser.

Hätte Lena denn gewonnen, wenn sie auf Deutsch gesungen hätte?

Marcel Römer: Nie und nimmer!

Eva Briegel: Die Diskussion über die deutsche Sprache in der Musik, welche Idee dahinter steckt und vielleicht gar welcher gesellschaftspolitische Ansatz – das alles auf dem Rücken einer kleinen Popband auszutragen ist doch etwas viel verlangt. Das gehört in die Feuilletons oder in die Schulen.

Das heißt, Sie machen sich über Ihre Sprache keine Gedanken?

Eva Briegel: Doch. Wenn wir ein Lied komponieren, dann gibt es häufig heftige Diskussionen über die richtige Wortwahl. Jeder assoziiert mit bestimmten Worten etwas anderes, und manchmal passt es dann nicht.

Ein Beispiel?

Eva Briegel: Wir sind jetzt viel textbuchstabenartiger als früher. Ich schreibe zum Beispiel in einem Buch meine ganzen Ideen auf, das schicke ich dann rum, damit jeder aus der Band etwas dazu sagen kann. Das hat mich ganz schön viel Überwindung gekostet. Es fühlt sich an, als würde man sein Tagebuch herumzeigen. Einmal stand in dem Buch die Zeile „zum Schwur zum Gruß“. Da haben die Jungs mich gefragt, ob das wirklich mein Ernst sei. Das könne man doch nicht singen, wir sind doch nicht Rammstein.

Und dann . . .

Simon Triebel: . . . haben wir die Zeile gestrichen.

Eva Briegel: Durch solche Diskussionen sind wir uns viel näher gekommen. In solchen Diskussionen haben wir unsere Vorstellungen verfochten und uns verflochten – oh, Günter Grass wäre jetzt dann doch wieder echt stolz auf mich.

Simon Triebel: Aber es gab auch Fälle, da war das nicht so eindeutig. Wir haben zum Beispiel lange über das Wort „Kissen“ gestritten.

Über Kissen?

Simon Triebel: Ja, manchen hat das einfach nicht gefallen.

Was ist an Kissen denn anstößig?

Simon Triebel: Na, einige hat es eben gestört . . .

Jonas Pfetzing: Okay, okay, ich gebe es zu: Mich hat Kissen gestört. Es hieß: „Immer wenn es dunkel wird, Dein Schatten auf mein Kissen fällt.“ Das ist mir einfach viel zu niedlich, zu teenagerhaft. Und nach sechs Stunden Diskussion war das „Kissen“ dann draußen.

Aber ist der Albumtitel „In Love“ nicht auch kitschig und teenagerhaft?

Eva Briegel: Ja, stimmt. Es ist schon sehr klischeehaft, fast boulevardesk. Aber wir wollten es trotzdem. Wir suchen ja nicht einen Titel, der jedem gefällt. „In Love“ ist schon fast sinnentleert. Wir haben uns für diesen Titel entschieden, um es wieder zurückzuerobern.

An Ihrem Titel „Geile Zeit“ kann man erkennen, wie schnell auch ein deutsches Wort abgenutzt sein kann.

Eva Briegel: Damals hat uns die Redaktion von Sarah Kuttner den Vorwurf gemacht, wir wollten uns mit dieser Wortwahl nur bei der Jugend anbiedern. Aber: Die Leute dort waren im Durchschnitt 40 Jahre alt, wir hingegen noch 20. Wenn jemand das Recht hatte, das Wort „geil“ zu benutzen, dann ja wohl wir.

Aber jetzt ist das Wort verschwunden?

Andreas Herde: Geil kommt auf unserem aktuellen Album nicht vor. Damals waren wir ja echt geil, aber jetzt machen wir Liebe.

Die Fragen stellte Michael Müller.

Quelle: F.A.Z.
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