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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Im Gespräch: Cro „Ich wurde pädagogisch wertvoll erzogen“

 ·  Er ist das neue Gesicht hipper deutscher Musik - soweit man das von einem sagen kann, der eine Panda-Maske trägt. Im Gespräch mit der F.A.S. spricht der schwäbischen Rapper Cro über Anonymität, Hotel Mama und die Liebe.

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© Marcus Kaufhold Cro der Bär: Fotografieren lässt sich der Rapper ausschließlich mit seiner putzigen Panda-Maske. Im Internet kursiert trotzdem ein Foto, das Cro unverhüllt zeigt - als genauso putziges Kerlchen

Du bist viel zu spät zu unserem Interview gekommen - sind das schon erste Starallüren?

Oh, ich war völlig raus heute. So was gab’s echt noch nie, und das tut mir leid. Ich bin erst um sechs ins Bett, weil ich die ganze Nacht Musik gemacht habe. Um elf bin ich dann aufgestanden, die Sonne hat geschienen, alles war schön, und ich habe weiter Musik gemacht. Als es dann Zeit gewesen wäre, wollte ich einfach nicht aufhören.

Für die Musik, die du machst, hast du einen eigenen Namen erfunden.

Ja, „Raop“, also Rap und Pop. Ich mache leichte Musik, die gut ins Ohr geht, mit ’nem kleinen Pop und ’nem großen Rap. Die meisten meiner Lieder klingen sommerlich. Im Sommer funktionieren sie, weil die entsprechenden Bilder da sind, und im Winter funktionieren sie, weil man sich an die Sommerbilder erinnert.

Selbstmarketing, Kleinlabel, Riesenerfolg: Bist du der fleischgewordene Albtraum der Plattenfirmen?

Ja, denke ich schon. Am Anfang haben die uns mehrfach nach Berlin eingeflogen und in immer bessere Restaurants eingeladen. Es wurden ständig höhere Summen geboten, damit ich bei denen unterschreibe. Wir haben aber schließlich abgelehnt, weil wir zuversichtlich waren, es auch alleine zu schaffen.

Für unser Gespräch hast du sie ja abgelegt, aber warum trägst du eigentlich diese Pandabären-Maske?

Das war bloß ein spontaner Einfall. Ein Kumpel und ich haben damals eine Eisbär- und eine Panda-Maske bestellt. Ich habe dann, ohne zu überlegen, den Panda genommen. Wäre es anders gelaufen, könnte ich jetzt auch der rappende Eisbär-Idiot sein. Mittlerweile hat die Maske aber den Vorteil, dass sie meine Anonymität wahrt, und das schätze ich. Wir haben auch immer mehrere identische Masken parat, falls mal eine kaputtgehen sollte.

CD der Woche: Cro „Raop“

Was soll denn das umgedrehte Kreuz auf der Maske?

Das ist völlig sinnlos und hat überhaupt keine Bedeutung. Anfangs war die Maske so leer, dann lag da ein dicker Stift herum, und mittlerweile gehört das Kreuz eben dazu.

Der Wunsch nach Anonymität ist nachempfindbar, aber wieso willst du dein Alter nicht preisgeben?

Ich finde das Alter generell nicht so wichtig. Bin ich jetzt zwanzig oder einundzwanzig? Ist doch egal.

Wie hast du es geschafft, in so kurzer Zeit so gute Chartpositionen zu belegen?

Wenn ich das wüsste, würde ich sofort Manager werden, mir irgendjemanden schnappen und das dann nochmal machen. Bei mir waren es jedenfalls viele Zufälle, die alle glücklich ineinanderliefen und perfekt gepasst haben. Ich finde meinen Erfolg nicht logisch, sondern total verrückt.

Du machst deine eigene Musik, zeichnest und gestaltest Klamotten. Steckt dahinter ein Mitteilungsdrang?

Es ist eher die Lust an diesen Dingen. Früher waren das nur meine Hobbys. Wobei es jetzt wieder ähnlich ist: Derzeit ist mein Beruf eigentlich, auf Tour zu gehen, und Musikmachen ist wieder das Hobby.

Deine Songs entstehen angeblich in rasantem Tempo. Ohne raptypisches Geflunker - was ist dein Rekord im Schnellproduzieren?

Für „Easy“ habe ich den Beat in einer halben Stunde gebaut. Am Text saß ich dann etwas ausführlicher, vielleicht eine halbe Nacht. Als es hell wurde, war der Song im Kasten. Manchmal dauert es länger, aber die Lieder sind oft nicht gut, weil es dann zu verkopft wird. Bei mir sind die spontanen und schnellen Aufnahmen die besten.

Nicht nachdenken, sondern einfach mal machen - dein Lebensprinzip?

Ja. Meistens ist es wichtiger, einfach zu machen statt nachzudenken, gehe ich links, gehe ich rechts, was treffe ich für Entscheidungen - dann ist der Zug nämlich oft schon abgefahren. Anschließend denkt man: Wäre ich doch nur in irgendeine Richtung gegangen. Deswegen ist einfach machen viel wichtiger, als sich über alles den Kopf zu zerbrechen.

„Ab jetzt wird alles easy“, hast du auf deiner Debütsingle gerappt, dann wurdest du vom Erfolg überschwappt. Immer noch alles easy?

Ja. Es ist sogar noch einfacher geworden. Wenn es gerade Probleme gibt, dann sind das Luxusprobleme. Obwohl es ja eigentlich heißt: More money, more problems.

Gibt es nichts, was dich nachts schlecht schlafen lässt?

Das kommt bei mir nur selten vor, ein- oder zweimal im Jahr vielleicht. Aber wenn, dann hat es manchmal mit der Liebe zu tun.

Woher kommt deine Lockerheit? Auch beim Hören deiner Musik könnte man meinen, dass du noch nie etwas Schlimmes erlebt hast.

Doch, doch, auf jeden Fall. Aber die Menschen, die Probleme haben, machen sich diese Probleme häufig selbst. Man muss mit den Dingen, die geschehen, leben können. Das ist, glaube ich, die Definition von Glück.

Was war denn der glücklichste Moment deines Lebens?

Es gab unendlich viele. Besonders momentan denke ich jeden Tag: Geil, geil, geil. Da muss nur ein Sonnenuntergang schön aussehen, und man sitzt mit ’ner Freundin, oder mit der Freundin, da und schaut sich das an. Das ist schon das Glück, eigentlich. Aber ich empfinde natürlich auch viel Glück in und mit der Musik.

Was haben dir deine Eltern mitgegeben?

Ich glaube, meine Eltern haben mich sehr gut geerdet. Sie sind beide ganz normal, aber natürlich weltoffen und cool. Man könnte sagen, dass ich pädagogisch wertvoll erzogen wurde. Ich habe dann allerdings öfters versucht, die Ketten zu sprengen, und das war wohl das gesunde Mittelmaß: Die Eltern, die einen am Boden halten möchten, und der Junge, der hochspringen will. Gerade wohne ich übrigens wieder dort.

Hotel Mama also?

Ja - wobei ich erstens kaum da bin und zweitens sowieso alles selbst machen muss. Sogar wenn ich von einem Auftritt komme und bloß für eine oder zwei Nächte dort bin, wasche ich meine Sachen selbst.

Es wurde geschrieben, dass du Stuttgart zurück auf die Rap-Landkarte gebracht hast. Kennst du so etwas wie Lokalpatriotismus, und was ist eigentlich toll an Stuttgart?

Ich habe keine so richtig krasse Verbindung zu Stuttgart, weil ich ja nicht direkt dorther komme. Man könnte eher von einem Mini-Patriotismus sprechen. Aber trotzdem ist es meine Stadt, und abends weggehen ist hier cool, weil alles nahe beieinanderliegt. Eine Zeit lang habe ich auch direkt in Stuttgart gelebt, in einer Dreizehner-WG.

Ist es eine wahre Geschichte, dass du dort, trotz getrennter Toiletten, immer aufs Mädchenklo bist?

Ja. Die Mitbewohnerinnen haben sich aber nicht groß daran gestört. Ich fand das Mädchenklo auch deutlich schöner. Man hat da einfach die Liebe zum Detail gesehen. Es waren so nette Plüschteile auf dem Boden. Außerdem gab es ständig frische Handtücher. Und ich habe mich ja auch immer hingesetzt. Vielleicht.

Andere Rapper texten über Straßenkriminalität und Analsex - Themen, die auf deiner Platte nicht vorkommen. Aber du singst von Drogen. Gehört das zum Rappen dazu?

Wo sage ich denn was über Drogen? Da muss ich mal überlegen.

An mehreren Stellen - aber wie hältst du es eigentlich damit? Zum Beispiel mit Rauchen?

Ja, mach’ ich.

Trinken?

Ja.

Kräuterzigaretten?

Nein.Vertrage ich auch nicht.

Neben Amourösem geht es in deinen Songs um Freizeitspaß, Fernweh und das Gefühl jugendlicher Freiheit. Sind das die Themen deiner Generation?

Meinem Empfinden nach sind das immer die Themen: Geld, Arbeit, Freizeit und Liebe und ein bisschen Hass vielleicht. Mittlerweile wird es aber schwer, neue Themen zu finden, wobei es da eigentlich so viel gibt. Und man kann ja über alles einen Song schreiben. Man kann auch - was singt Helge Schneider? Käsebrot? Ja, Käsebrot. Oder Wurstbonbon - selbst das geht ja.

Man kann auch sagen, dass „Raop“ eine völlig unpolitische Platte ist.

Ich bin nicht der richtige Mensch, um eine politische Meinung zu vertreten und darüber zu schreiben. Solche Songs über unsere Jugend, und wie die verkommt und so weiter - das möchte ich nicht machen, und meine Fans würden das auch nicht wollen. Ich gehöre eher zu denen, die sagen: Politik ist mir ’n bisschen egal. Es gibt so viele andere Dinge da draußen. Lebt euer Leben und macht das Beste daraus.

„Ich bin harmlos“, erklärst du auf „Hi Kids“. Ist das nicht der Satz, den ein Rapper nie sagen sollte?

Stimmt eigentlich. Aber ich bin ja auch harmlos und will niemandem etwas antun.

Es gibt doch sicher einen Typ Mensch, der dir auf die Nerven geht?

Klar könnte ich jetzt ein paar Menschengruppen nennen, aber ich will wirklich nicht zur Zielscheibe werden. Deshalb sage ich: In jedem steckt etwas Gutes.

Was für Musik ist auf deinem iPod?

Schauen wir mal rein. Momentan - na toll: Cro, „Sunny“, ein unfertiges Lied, das eine Hommage an „Easy“ wird. In dem Song rede ich mit Sunny, der fiktiven Figur aus „Easy“, und erzähle ihr, was bei mir derzeit so passiert.

Was ist sonst noch gespeichert?

Oldschool Hip-Hop, etwa zweitausend Tracks, außerdem Santigold, Sido - um mal ein paar zu nennen.

Worauf kommt es wirklich an im Leben?

Auf Musik, Luft und Liebe. Also ich könnte, glaube ich, allein von Liebe leben.

Welche Dinge möchtest du unbedingt noch machen?

Ich will auf jeden Fall die ganze Welt bereisen. Irgendwann gucke ich mir alles an. Wenn ich dann alles gesehen habe: Vielleicht ein schönes, kleines Häuschen an einem schnuckligen See, ’ne Frau, zwei, drei Kinder, plus Jeep und Sportwagen - perfekt.

Gibt es jemanden, von dem du sagst: Wenn wir den oder die klonen könnten, wäre die Welt besser?

Ich würde eine schöne Frau klonen, ganz oft.

Welche Frau?

Das verrate ich nicht.

Für wen ist eigentlich „Du“?

Ähm - „Du“ ist für ein Mädchen. Mehr sage ich aber nicht.

Wie hat sie reagiert?

Völlig kühl.

Kann man sich kaum vorstellen.

Doch, wirklich. Aber ich glaube, das ist auch ein Stück weit Taktik. Sie tut so, als ob es sie nicht interessieren würde. Wenn man ganz tief in sie reinschaut, merkt man aber schon, dass sie sich freut.

Du rappst Sätze wie: „Ich chill’ im Bett mit ’ner Chick, die sieht aus wie die Sis’ von Beyoncé.“ Sprichst du mit deinen Jungs wirklich so?

Ja, doch, doch - ist ganz normal. Redet ihr nicht so?

Carlo alias Cro

Aus seiner eigenen Person macht der Gute-Laune-Rapper Cro ein Geheimnis. Auf der Bühne trägt er eine Panda-Maske, sein genaues Alter verrät er nicht. Bekannt ist aber, dass er Anfang zwanzig ist und mit vollem Namen Carlo Waibel heißt. Er lebt in der Nähe von Stuttgart. Vor seiner Karriere als Rapper machte er eine Ausbildung zum Mediengestalter und zeichnete Cartoons für eine Lokalzeitung.

Anfang 2011 veröffentlichte Cro seine ersten Lieder im Internet – zum kostenlosen Download. So wurde das Stuttgarter Label Chimperator aufmerksam. Mit der Single „Easy“ schaffte Cro dann den Sprung von Youtube in die deutschen Charts. Im Juli veröffentlichte er sein Album „Raop“, das jetzt in der dritten Woche auf Platz 1 der Charts steht. Gerade tritt Cro auf Festivals auf; von Oktober an geht er mit „Raop“ auf Tour.

Die Fragen stellte Jonas Hermann.

Quelle: F.A.S.
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