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Veröffentlicht: 05.04.2015, 21:32 Uhr

Hundertfünfjähriger Boris Kit Im Kosmos des zwanzigsten Jahrhunderts

Der Mathematiker Boris Kit, der am Montag 105 Jahre alt wird, ist der lebende Beweis dafür, wie kosmopolitisch Weißrussland einst war.

von Felix Ackermann
© Helmut Fricke Weißrusse und Amerikaner: Boris Kit, der am Montag 105 Jahre alt wird

Das Altenzentrum der Jüdischen Gemeinde an der Bornheimer Landwehr in Frankfurt ist ein Stück Mitteleuropa. Nach dem Mittagessen plaudert die Warschauerin Zofia Skrzeszewska auf Polnisch mit Eliza Wysocka aus Lublin, während ihr Mann Romek, der 1920 in der Ukraine zur Welt kam, in der Zwischenzeit ein Nickerchen hält.

Zur selben Zeit erzählt der zehn Jahre ältere Boris Kit angeregt von seiner Immatrikulation im Jahr 1928. „Nach dem Abschluss des Lyzeums in Nawahradak war klar, dass ich an die Universität Wilna gehe. Aber die Schlange vor der Historischen Fakultät war so lang, dass ich mich spontan für Mathematik/Physik einschrieb.“ Der kahlköpfige alte Herr fügt mit einem Augenzwinkern hinzu: „Und so bin ich der berühmteste Weißrusse aller Zeiten geworden.“

Nach Ende des Kriegs machte Boris Kit Karriere als Mathematiker in den Vereinigten Staaten. Er trug mit seinen Berechnungen zur Entwicklung der bemannten Raumfahrt der Nasa bei. „Das ist unser Mann vom Mond“, scherzt eine Schwester. „Boris ist unser Star hier auf der Station.“ Aber wie kommt ein Weißrusse aus Litauen über die Vereinigten Staaten in ein jüdisches Altersheim in Frankfurt?

Boris Kit, der 1910 in Sankt Petersburg geboren wurde, erzählt seine Geschichte gerne - und nicht zum ersten Mal. Wenn er eine Episode für einen Moment nicht parat hat, hilft ihm seine 60 Jahre jüngere Pflegerin. Sie stammt selbst aus Riga und hat eigens für ihren Liebling Borisotschka Weißrussisch gelernt. Immer wieder liest sie ihm aus jenen Büchern vor, die in den neunziger Jahren über Kit geschrieben wurden. Weißrussische Intellektuelle wie der Schriftsteller Wassil Bykau entdeckten nach dem Ende der Sowjetunion das Leben des Mathematikers als lebendigen Beweis für die Existenz kosmopolitischer Weißrussen. Die Republik Belarus wurde erst 1991 unabhängig - Kit hatte davon ein halbes Jahrhundert lang geträumt.

Keine Heldengeschichten

Während an der Bornheimer Landwehr Jiddisch, Hebräisch, Russisch, Deutsch und Polnisch gesprochen wird, unterhält sich Boris noch heute am liebsten auf Weißrussisch. Er hatte sich schon als Student politisch engagiert und saß dafür 1931 kurzzeitig im berüchtigten Wilnaer Lukischki-Gefängnis. Noch während des Studiums begann er als Lehrer an der Belarussischen Schule in Wilna zu unterrichten. Es sind einzelne Episoden, die Kit besonders in Erinnerung blieben: „Im Theater an der Pohulanka feierte das Juliusz-Slowacki-Gymnasium den Schulbeginn. Das war am 1. September 1935. Das Belarussische Lyzeum wurde gerade an das Gymnasium angegliedert, weil es in Polen keine Minderheitenschulen mehr geben sollte. Und so saß ich als 25 Jahre alter Weißrusse in der offiziellen Zeremonie einer polnischen Schule. Oben die Schüler, unten die Lehrer. Der Direktor, der mich noch nicht kannte, kam auf mich zu und schickte mich nach oben. Da sagte ich zu ihm voller Stolz: ,Ich bin der neue Mathematiklehrer an Ihrer Schule.‘“

Bei diesen Worten nimmt Boris Kit etwas Schwung im Rollstuhl und lässt sich nach hinten rollen. Zurück am Tisch, erzählt er in klaren Worten, wie er unter sowjetischer Besatzung zwischen Herbst 1939 und Juni 1941 als Oberstudienrat eine weißrussischsprachige Schule nach der anderen eröffnete, damit die Kinder in seiner Heimat in ihrer Muttersprache unterrichtet wurden. Unter deutscher Besatzung begann er wieder als Lehrer zu arbeiten. Eine Szene, die Kit auch nach 70 Jahren noch wichtig ist, trug sich Ende 1942 in einer Kleinstadt zwischen Wilna und Witebsk zu: „Die Straßen waren übersät von Leichen ermordeter Juden. Ein Deutscher kam auf mich zu und verlangte von mir, die Toten mit meinen Schülern von der Straße zu schaffen. Ich weigerte mich, da zog der Deutsche die Pistole und zielte auf mich.“ Boris Kit erzählt das nicht wie eine Heldengeschichte, seine Stimme ist ganz ruhig, der Blick klar. „Daneben stand mein ehemaliger Schüler Adam Dobrzynski, der von den deutschen Besatzern als Bürgermeister eingesetzt wurde. In letzter Sekunde wurde ich freigelassen. Mein Schüler sicherte zu, die Leichen mit den Leuten aus dem Rathaus zu beseitigen.“

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