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Veröffentlicht: 05.04.2015, 21:32 Uhr

Hundertfünfjähriger Boris Kit Im Kosmos des zwanzigsten Jahrhunderts


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Später wurde er von der SS der Zusammenarbeit mit den sowjetischen Partisanen verdächtigt. An die Haft erinnert er sich nur ungern: „Ich starb jeden Tag eines neuen Todes. 30 Tage lang. Das Kellerloch lag unter der Gestapo-Stelle im Schtetl. Die meisten Juden waren längst ermordet. Diejenigen, die man in Verstecken fand, wurden hierhergebracht und nach wenigen Tagen hingerichtet. Anwohner warfen durch die Kellerfenster Rote Bete und Kartoffeln - sonst gab es nur wässrige Brühe. Und jeden Tag wurde mehr als ein Dutzend Geiseln erschossen.“

Die Stadt lag in der Nähe von weiten Sumpf- und Waldgebieten, in denen sich Partisanen versteckten. Ihre Verpflegung erpressten sie von den Bewohnern der umliegenden Dörfer. Die Deutschen wendeten Kollektivstrafen an, brannten Dörfer ab und ließen Geiseln öffentlich hinrichten. Kit war darauf gefasst, dass auch er ermordet würde. Doch wie zuvor wurde er im letzten Moment durch einen ehemaligen Schüler gerettet. Trotz der Haftstrafe gelang es ihm, wieder als Lehrer zu arbeiten und in Maladsetschna eine Berufsschule aufzubauen.

Zuerst zur Nasa, dann nach Frankfurt

Beim Heranrücken der sowjetischen Truppen brach er mit seiner jungen Familie nach Westen auf. Kit wusste, dass er in der Sowjetunion als Kollaborateur verurteilt werden würde. Er kam 1944 zunächst nach Lindau. Weil Weißrussisch und Ukrainisch verwandt sind, unterrichtete er schon bald am Ukrainischen Lyzeum in München als Mathematiklehrer. 1948 wanderte er mit Frau und Kind in die Vereinigten Staaten aus, wo er als Mathematiker Fuß fasste. Der Preis für seine Arbeit für die amerikanische Raumfahrtagentur: Er konnte keinen Kontakt mehr zu seiner Heimat Weißrussland unterhalten.

Im Jahr 1972 kam er mit einem Forschungsauftrag nach Frankfurt - und blieb, um an einer amerikanischen Hochschule zu unterrichten. Hier lernte er eine Frau aus der Ukraine kennen, die ihm bis heute treu ist. „Ich wollte nie, dass wir zusammenziehen. So sind wir immer noch ein Paar.“ Mit 100 Jahren wurde er zunehmend pflegebedürftig. Das Altenzentrum der Jüdischen Gemeinde schien ihm als neue Heimat geeignet, hier ist Russisch eine der Arbeitssprachen. Obwohl Boris Kit in einer christlichen Familie aufwuchs, wurde er mit offenen Armen empfangen. Vormittags besucht ihn seine Pflegerin aus Riga, um ihm vorzulesen, und am Nachmittag kommt seine Frau aus der Ukraine, um einige Stunden bei ihm zu sein.

Gäste begrüßt Boris Kit noch immer mit festem Handschlag. Und er erzählt weiterhin die wundersamen Geschichten über sein Leben als mitteleuropäischer Lehrer zwischen Hitler und Stalin und seinen amerikanischen Traum. Und es gibt auch noch immer die Geschichten, die Kit nicht erzählen will: Wie sein Sohn 1941 kurz nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion auf die Welt kam. Wie er sich 1944, ohne es zu wissen, für immer von seinen Eltern verabschiedete. Wie er nach München kam, um am Ukrainischen Lyzeum zu unterrichten, wie er seine erste Frau kennenlernte und warum er sie verließ.

Vielleicht passen diese Geschichten nicht in die große Erzählung vom Weißrussen, der Raketen in den Kosmos schoss und doch seiner Heimat treu blieb.

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