31.01.2009 · Hugo Junkers, der vielseitigste Pionier des technischen Zeitalters, wurde vor 150 Jahren geboren. Sein Name ging um die Welt wie Daimler, Krupp und Zeppelin. Man kennt sein Lebenswerk, doch aus dem Menschen ist niemand schlau geworden.
Von Dieter VogtMan kennt sein Lebenswerk, doch aus dem Menschen ist niemand schlau geworden. Hugo Junkers schuf und verspielte ein Imperium. Die alten Fotografien zeigen ein aristokratisches Gesicht, strenge Augen, zusammengepresste Lippen. „Der Kampf ist alles“, hat er gesagt. „Ich werde noch im Grabe mit den Würmern kämpfen.“ An dem Tag, an dem die Nachricht vom tödlichen Absturz seines ältesten Sohnes kam, erschien er wie üblich zur Konferenz.
Er war Rheinländer, am 3. Februar 1859 in Rheydt geboren, Sohn eines Textilfabrikanten. Nach dem Studium an den Technischen Hochschulen in Berlin, Karlsruhe und Aachen wagte er schnell den Sprung in die Selbständigkeit. In Dessau beteiligte er sich an einer „Versuchsstation für Gasmotoren“. Der erste große Wurf des einfallsreichen Ingenieurs war der 1896 patentierte „Flüssigkeitserhitzer“ – ein Abfallprodukt seiner thermodynamischen Forschungen. Junkers wurde zum Vater des modernen Gasbadeofens. Er baute und vermarktete seine Erfindung selbst. Es dauerte zehn Jahre, bis die Gasversorgung und das Sauberkeitsbedürfnis der Leute ein gewinnbringendes Ausmaß erreichten.
1915 war das Metallflugzeug geboren
Als Professor für Thermodynamik an der Technischen Hochschule Aachen scheint Junkers kein akademisches Glanzlicht gewesen zu sein; der Lehrbeamte lag ihm nicht. Nach fünf Jahren, 1912, gab er das Amt auf. Mit ungeheurem Gründerfleiß richtete er verschiedene Versuchsanstalten und Produktionsstätten ein, entwickelte Schwerölmaschinen, auch Schiffsdiesel, und etablierte in Magdeburg ein Motorenwerk, das später die halbe Welt belieferte. Ein Aachener Kollege, Hans Reißner, regte ihn zum Bau von Flugzeugen an. Was Junkers vorschwebte, war ein aerodynamisch perfekter Nurflügler, der alle Widerstand erzeugenden Teile, also Motoren und Nutzlast, in sich trug. Am 1. Februar 1910 wurde Junkers’ berühmtes „Nurflügelpatent“ (DRP 253788) ausgestellt.
Die erste Junkers-Maschine, die sich in die Luft erhob, rief 1915 ungläubiges Staunen hervor: Die J 1 bestand nicht aus Holz und Leinwand, wie gewohnt, sondern aus Stahl und Blech. Und flog. Es war die Geburtsstunde des Metallflugzeugs. Die J 3 zeichnete sich dann schon durch Wellblechverkleidung aus, eine leichte, steife Haut, die eine Stützfunktion nach Käferart hatte. Das Wellblech wurde Junkers’ Markenzeichen in der Luft. Sein Anteil an der Kriegsproduktion war verschwindend gering. Es gehört zu den delikaten Pointen der Industriegeschichte, dass die Stunde des Flugzeugbauers Hugo Junkers zu Beginn der zwanziger Jahre schlug, als die Alliierten den besiegten Deutschen das Fliegen verboten.
„Das ist ja keine Fabrik, das ist eine Universität.“
Junkers F 13 hieß das erste für den zivilen Luftverkehr entworfene Flugzeug, das zum Vorbild aller späteren Airliner wurde: Tiefdecker, Ganzmetall, Doppelsteuer für zwei Piloten, Anschnallgurte für die Passagiere. In den wilden Pionierjahren der Verkehrsfliegerei nach dem Ersten Weltkrieg spielte sie eine überragende Rolle. Sie flog nach Osteuropa und Skandinavien, sie überquerte Nordamerika und die Anden, sie eroberte die Welt auf Rädern, Schwimmern und Kufen, und es heißt, in Persien sei Junkers das Wort für Flugzeug geworden. Mit vier Passagieren war die F 13 ausgebucht. Etwa 1000 Maschinen entstanden, viele in Lizenz im Ausland, so in Schweden, wo der Versailler Vertrag nicht wirksam war. Junkers wurde zum Wegbereiter der zivilen Luftfahrt. In vielen Ländern organisierte er Fluggesellschaften. „Luft ist überall, wo Menschen sind und wirtschaften können“, sagte er. „Sie stellt den umfassendsten Verkehrsweg dar, der die ganze Erde umgibt.“
Der Unternehmer blieb Wissenschaftler, und Forschergeist durchwehte seine „Materialprüfungsanstalt“. Ein amerikanischer Industrieller schüttelte beim Besuch der Junkers-Werke in Dessau nur den Kopf: „Das ist ja keine Fabrik, das ist eine Universität.“ Der Ausnahmemensch Hugo Junkers, Vater von zwölf Kindern, Inhaber von 178 Patenten, zwang sich zeitlebens auch physische Hochleistungen ab – noch mit sechzig Jahren schaffte er die Riesenwelle am Reck, und bis zuletzt lief er Schlittschuh.
„Tante Ju“, das zuverlässigste Verkehrsflugzeug der dreißiger Jahre
Von der Reichsregierung ermuntert, hatte er ein Flugzeugwerk in der Sowjetunion aufgebaut, ein Abenteuer, aus dem er sich verschuldet zurückziehen musste. Der Gipfel seines Ruhms war noch nicht erreicht, der Gipfel seiner Macht aber überschritten. 1925 wurde er aus dem Luftverkehr hinausgeworfen. Das Reich vereinigte zwangsweise die Konkurrenten „Junkers Luftverkehr AG“ und „Deutscher Aero Lloyd“ zur „Deutschen Luft Hansa AG“. Doch von Junkers kamen weiterhin zukunftweisende Flugzeuge und Motoren. Mit einer W 33 gelang Hermann Köhl 1928 die erste Atlantiküberquerung von Ost nach West. Etwa gleichzeitig mit Claude Dornier (Do-X) verwirklichte Junkers seine Vorstellung vom wirtschaftlichen Großtransporter. Seine G 38 war das größte Landflugzeug der Welt. Sie hatte 44 Meter Spannweite und 34 Sitzplätze und kam dem Nurflügelkonzept recht nahe. Die Tragflächen waren an der Wurzel etwa zwei Meter dick und nahmen nicht nur die Motoren, sondern auch Passagiere hinter Panoramafenstern auf.
Aber Junkers’ Clou war die „Tante Ju“, eine dreimotorige Nachfahrin der W 33, die wiederum eine Nachfahrin der F 13 war. Die Ju 52 gilt als zuverlässigstes Verkehrsflugzeug der dreißiger Jahre. Sie wurde das Rückgrat der Lufthansa und vieler anderer Gesellschaften in vierzig Ländern. Bei der Luftwaffe machte sie eine zweite Karriere als Transporter im damals großdeutschen Luftraum zwischen Eismeer und Sahara. Junkers hat nur den Anfang ihres Triumphzuges miterlebt.
Größenwahnsinnige Idee
Im Alter von 74 Jahren wurde der unbequeme Konzernchef 1933 von den Nationalsozialisten aus seinem Imperium vertrieben. Er musste Dessau verlassen, die Stadt, die er zum Luftfahrtzentrum gemacht hatte. Seine letzte große Idee war eigentlich dem Größenwahn der Hitlerzeit angemessen: ein tausend Meter hohes Haus aus Eisen und Blech, in dem die Bevölkerung einer ganzen Stadt leben und arbeiten konnte. Hugo Junkers starb an seinem 76. Geburtstag in Gauting, und mit ihm starb die babylonische Idee.
Dem Markenzeichen „Ju“ war ein fragwürdiges Weiterleben beschieden. Es stand auf Bombern, Sturzkampfflugzeugen und frühen Düsentriebwerken aus dem größten Luftfahrtkonzern der Welt. Der beschäftigte während des Krieges zeitweilig 150 000 Mitarbeiter, bevor er unterging.