Schon der erste Tag des Mordprozesses gegen ihren früheren Schwager William Balfour brachte die amerikanische Oscar-Preisträgerin Jennifer Hudson an die Grenzen ihrer nervlichen Belastbarkeit. Während die meisten Zuschauer im Saal des Strafgerichts in Chicago einen hollywoodartigen Auftritt der Schauspielerin erwartet hatten, begegnete ihnen am Montag eine überraschend schüchterne Zeugin. „Wir alle wollten nicht, dass sie ihn heiratet. Wir waren abgestoßen davon, wie er sie behandelt hat“, beschrieb Hudson kleinlaut die Beziehung ihrer Schwester Julia zu dem Angeklagten.
Zuvor hatte Staatsanwalt Veryl Gambino in seinem Eröffnungsplädoyer dargelegt, wie nach Auffassung der Anklage die Ehe mit dem Bandenmitglied der Familie Hudson schon zwei Jahre nach der Heirat zum Verhängnis wurde. Da Balfour nach der Trennung von Hudsons Schwester angeblich eifersüchtig auf ihren neuen Freund war, habe der wegen versuchten Mordes vorbestrafte Balfour Hudsons Mutter Darnell Donerson und ihren Bruder Jason Hudson am 24. Oktober 2008 getötet. Hudsons sieben Jahre alten Neffen Julian King soll er nach den Schüssen im Problemviertel Englewood verschleppt haben. Das Angebot der Schauspielerin, dem Entführer 100 000 Dollar Lösegeld für den „Tugga Bear“ genannten Jungen zu zahlen, war damals erfolglos geblieben. Julians Leichnam wurde drei Tage später in einem Auto im Westen Chicagos entdeckt.
Laut Balfours Verteidigerin Amy Thompson führte einzig Hudsons Prominenz zur Verhaftung des 30 Jahre alten Angeklagten. Auf gründliche Ermittlungen habe die Polizei im Herbst 2008 verzichtet, um der Öffentlichkeit möglichst schnell einen Verdächtigen zu präsentieren. „Es gibt aber keine DNA-Beweise, Fingerabdrücke oder Schmauchspuren, die Balfour mit den Morden in Verbindung bringen“, fasste Thompson für die Geschworenen zusammen. Als Verdächtigen nannte die Juristin vielmehr einen Nachbarn der Opfer, der nach bisherigen Ermittlungen zusammen mit Hudsons Bruder Drogen verkaufte. Der 29 Jahre alte Jason Hudson, der bei einer Schießerei vor einigen Jahren einen Unterschenkel verlor, war bereits mehrmals wegen Drogenvergehen verhaftet worden. „Er hat als Drogenhändler in Englewood den Unterhalt für die Familie verdient“, sagte Thompson.
Hudson dagegen zeichnete am ersten von voraussichtlich 20 Prozesstagen das Bild eines harmonischen Familienlebens. Sie berichtete unter Tränen, bis zum 16. Lebensjahr habe sie mit ihrer Mutter ein Bett geteilt. Auch die Entdeckung als Sängerin in der Castingshow „American Idol“ vor acht Jahren und die Oscar-Trophäe drei Jahre später ließen demnach den engen Kontakt nicht abbrechen. Noch am Tag vor den tödlichen Schüssen habe sie wie jeden Morgen mit „Mommy“ telefoniert.