07.01.2010 · Homosexuelle Sportler trauen sich nur selten an die Öffentlichkeit. Dabei gab es schon einige mutige Vorbilder. Bei den Olympischen Spielen in Vancouver soll es nun erstmals ein „Pride House“ geben, einen Treffpunkt für Schwule und Lesben.
Von Peter-Philipp SchmittRyan Miller war ein Hoffnungsträger. Der Snowboarder hatte die Chance, 2002 an den Olympischen Winterspielen in Salt Lake City teilzunehmen. Dort wäre er der einzige offen homosexuelle Athlet gewesen. Doch Miller verletzte sich und konnte sich nicht rechtzeitig qualifizieren. Mental war er ebenfalls angeschlagen. Der Mann aus Colorado hatte sich im Winter 2000/2001 geoutet - während eines Wettkampfs im kanadischen Vancouver. Als seine Teamkollegen abends noch in ein Strip-Lokal fahren wollten, hatte der Vierundzwanzigjährige genug davon, so zu tun, als törnten ihn nackte Frauen an. „Da steh' ich nicht drauf“, sagte er zu seinen Kameraden. „Ich bin schwul.“ Was für ihn eine Befreiung war („ich musste nicht mehr lügen“), entpuppte sich für seine Karriere als schwerer Fehler. Miller war in seiner Mannschaft fortan Außenseiter. Keiner wollte mehr etwas mit ihm zu tun haben, er war unerwünscht, auch beim Trainer, und musste sich schließlich einen neuen Verein suchen.
Ryan Miller wäre in Salt Lake City eine Ausnahme gewesen. Kaum ein Sportler wagt es, sich während seiner aktiven Karriere zu outen. Die Gründe der meist noch jungen Aktiven sind vielschichtig: eigene Unsicherheit, Angst vor den Kollegen und vor der (Welt-)Öffentlichkeit - immerhin gibt es bis zu 70 Länder, in denen Homosexualität ein Straftatbestand ist, was für einen angehenden Sportstar zum Problem werden kann - und sei es nur, weil ihm lukrative Werbeverträge entgehen. Ist das Lügengebäude in jungen Jahren erst einmal errichtet, erscheint es einem versteckt lebenden homosexuellen Leistungssportler unmöglich, ja sogar gefährlich, die Existenz noch einmal in den Grundfesten zu erschüttern.
Seine Ehe diente nur zur Tarnung
Ausgerechnet einer der besten - gerade noch so aktiven - Rugby-Spieler der Welt wagte zuletzt den Schritt: der Waliser Gareth Thomas, der für sein Land zum Teil als Kapitän 100 Länderspiele bestritten hat. Kurz vor Weihnachten sagte Thomas in einem Interview, dass er schwul sei. Er wisse das schon seit seinem 16. Lebensjahr. In einem Sport, der als besonders männlich gilt, ließ er sich darauf ein, eine Jugendfreundin zu heiraten. Die Ehe, die ihm nur zur Tarnung diente, scheiterte 2006. Damals vertraute er sich auch seinem Trainer und zwei seiner Teamkollegen an. Ihre Reaktion: Ist uns doch egal. Thomas spielte weiter, als wäre nichts geschehen, und trat sogar bei der Rugby-Weltmeisterschaft 2007 in Frankreich an - vermutlich genauso wie noch einige andere nicht offen schwule Rugbyspieler.
Auch bei den Olympischen Winterspielen im Jahr 2002 gab es selbstverständlich homosexuelle Teilnehmer. Die schwedische Eishockeyspielerin Erika Holst zum Beispiel, die mit ihrer Mannschaft in Salt Lake City Bronze gewann. Dass sie lesbisch ist, erzählte sie erst vier Jahre später, wenige Wochen vor den Olympischen Spielen in Turin, bei denen sie sich mit ihrem Team eine zweite Medaille sichern konnte - Silber. Auch in Vancouver im Februar wird Holst wieder antreten. Dort könnte sie zum stolzen Vorbild werden. Denn erstmals wird es bei Olympischen Spielen ein „Pride House“ geben, das sich an homosexuelle Athleten wendet.
Ein Treffpunkt für Schwule und Lesben
Die Idee dazu hatte Dean Nelson. Den Treffpunkt für Schwule und Lesben - allerdings nicht ausschließlich - will er in einem Hotel in Whistler (British Columbia) einrichten, wo unter anderem die Ski-Alpin- und Biathlon-Wettbewerbe stattfinden. Das Organisationskomitee der Olympischen Spiele hat wissen lassen, dass es Nelsons Vorstoß durchaus begrüßt. Es legt aber Wert darauf, dass es keine offizielle Initiative von Seiten der Ausrichter sei - genauso wenig wie die anderen Nationenhäuser, die von vielen Teilnehmerländern für ihre Mannschaften zur Verfügung gestellt werden.
Nelson glaubt selbst nicht daran, dass Dutzende Sportler in seinem Haus erscheinen werden. Allerdings hat unter anderen schon der einstige Weltklasseschwimmer Mark Tewksbury sein Kommen zugesagt. Der Kanadier, der 1988 und 1992 in Seoul und Barcelona olympisches Gold, Silber und Bronze gewann, hatte sich 1998 zu seiner Homosexualität bekannt. „Hätte es in Barcelona schon ein ,Pride House' gegeben“, sagt der Einundvierzigjährige heute, „ich wäre sicherlich mal hingegangen, um zu sehen, wer noch so da ist“.
„Für eine Lesbe sehen sie aber verdammt gut aus“
Bis zu zehn Prozent der Bevölkerung sollen homosexuell sein. Auch wenn niemand genau weiß, wie viele Lesben und Schwule sich dem Leistungssport verschreiben, so dürfte der Anteil nicht unbedingt wesentlich geringer sein. In Kanada wären also im nächsten Monat bis zu 550 homosexuelle Athleten am Start. Außer Erika Holst jedoch ist bislang kein zweiter Name bekannt geworden. Bei den Sommerspielen in Peking vor zwei Jahren traten elf offen homosexuelle Sportler (von mehr als 11.000 Teilnehmern) an - unter ihnen nur ein Mann, der Australier Matthew Mitcham, der für sein Land beim Zehn-Meter-Turmspringen die Goldmedaille holte. Auch zwei deutsche Sportlerinnen standen auf der „Out-Liste“: die Radrennfahrerin Judith Arndt und die Degenfechterin Imke Duplitzer.
Die Soldatin Duplitzer (sie ist Hauptfeldwebel) weiß genau, was Leistungssportler davon abhält, sich offen zu ihrer sexuellen Orientierung zu bekennen. „Es gibt natürlich schon gewisse unbestreitbare Zusammenhänge, die zum Beispiel im Sport über die Vergabe von Sponsorverträgen, Vermarktungschancen und Verbandsverträglichkeiten im Umgang mit offen Homosexuellen eine Rolle spielen“, schreibt sie auf ihrer Internetseite. Dass selbst der eigene Verband nicht vorurteilsfrei mit dem Thema umgehen kann, hat die vierfache Olympiateilnehmerin erst vor kurzem erfahren. Als sie sich für die Gay Games in Köln 2010 - die Olympischen Spiele für Homosexuelle - einsetzen wollte, indem sie einen schwul-lesbischen Fechtverein in Köln trainierte, fragte sie beim Deutschen Fechter-Bund nach, ob er dafür die Schirmherrschaft übernehmen würde. Die Antwort: Generell spreche nichts dagegen, schließlich habe man ja auch schon die Behinderten-Fechtweltmeisterschaft unterstützt. Ähnlich ärgern Duplitzer Sätze wie: „Für eine Lesbe sehen sie aber verdammt gut aus.“ Den bekam sie unter anderem bei den Olympischen Spielen in Athen 2004 zu hören.
Homosexuelle finden sich in allen sportlichen Disziplinen
Viele Sportler outen sich erst am Ende ihrer Karriere. So scheint es fast erstaunlich, dass sich in einem Sport wie dem Eiskunstlaufen, der besonders viele Schwule anzuziehen scheint, derzeit kein einziger offen Homosexueller namentlich bekannt ist. Tragischerweise sahen sich einige der größten Eiskunstläufer gezwungen, sich zu ihrem Schwulsein zu bekennen. Der Brite John Curry, Olympiasieger 1976 in Innsbruck, starb genauso an Aids wie der Eistänzer Robert McCall (Bronze mit Tracy Wilson in Calgary 1988) und der Slowake Ondrej Nepela, Goldmedaillengewinner in Sapporo 1972. Offen schwul leben unter anderen der Kanadier Brian Orser, zweifacher Silbermedaillengewinner (in Sarajevo 1984 und 1988 in Calgary) und der Kanadier Toller Cranston, Bronze in Innsbruck 1976.
Auch wenn es im Eiskunstlaufen besonders viele Schwule zu geben scheint und im Frauentennis eine ganze Reihe von Lesben bekannt sind (etwa Martina Navratilova oder die Französin Amélie Mauresmo, die 2004 in Athen im Einzel Silber gewann), Homosexuelle finden sich in allen sportlichen Disziplinen, das zeigt nicht zuletzt die „Out“-Liste der vergangenen Olympiateilnehmer. Dean Nelson kennt inzwischen sogar noch einige Olympioniken mehr, die nach Vancouver kommen werden. Einige versteckt lebende homosexuelle Athleten hätten sich bei ihm gemeldet, um ihm zu sagen, wie toll sie seine „Pride House“-Idee fänden. Zu ihrem eigenen „Coming Out“ aber, da müsse er bitte Verständnis haben, seien sie trotzdem nicht bereit.
Peter-Philipp Schmitt Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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