Im Hungerwahn hatte sie von Schweinebauch geträumt. Dann war es ein Teller fettiger Nudeln - und er hätte Anka Bergman fast getötet. Eine der SS-Wachen brachte ihn. „Es war eine menschliche Geste. Aber ich hatte drei Wochen keine Nahrung zu mir genommen, wog nur noch 35 Kilo und hatte gerade ein Kind geboren.“ Sie verschlang die Mahlzeit, das in Zeitungspapier gewickelte Baby an ihre Brust gedrückt. Irgendwie hat ihr Körper auch das überlebt.
Konzentrationslager Mauthausen, 29. April 1945. Aus den Kohlewaggons ist das Bahnhofsschild „Mauthausen“ zu erkennen. Bei Anka Bergman setzen die Wehen ein. Es ist acht Uhr abends. Obwohl die Sonne noch am Himmel steht, ist es kalt. Wer gehen kann, muß zur Festung marschieren. Wer sich vor Erschöpfung nicht mehr auf den Beinen halten kann, kommt auf einen Karren. Auch Anka Bergman liegt dort. Ein Schmerzensschrei. Das Baby ist beinahe da. Ein SS-Mann befiehlt anderen Häftlingen, die Klappe zu halten. Dann sieht er die Hochschwangere. „Du kannst weiterschreien!“ Als sie im KZ ankommt, liegt das Kind zwischen ihren Beinen. Ein Gefangener, Professor der Gynäkologie aus Belgrad, schneidet die Nabelschur durch und gibt dem Baby einen Klaps. 1,5 Kilogramm Leben brüllen aus voller Kehle.
Ein Kind, nur etwas schwerer als ein Päckchen Zucker
„Du warst gerade mal etwas schwerer als ein Päckchen Zucker“, sagt Anka Bergman. Auf der Lehne ihres Sessels sitzt ihre Tochter Eva, geboren an jenem Abend in Mauthausen. „Wir kamen 1948 nach Großbritannien“, sagt Anka Bergman. „Mein zweiter Mann fand hier in Cardiff Arbeit in der Handschuhfabrik eines Freundes. Wir waren froh, endlich ein neues Leben anfangen zu können.“ Die Bücher im Regal, auf dem blaue Usambaraveilchen in weißen Porzellantöpfen blühen, zeugen von Anka Bergmans erstem Leben: „The Third Reich“, „Nazi-Germany and the Jews“, „Albert Speer“, „Fear and Hope“, „The Goebbels-Diaries“. Von 1943 bis 1945 lebte Bergman zwischen Ghettomauern und KZ-Stacheldraht. Zwei Mal wurde sie schwanger. Zwei Kinder hat sie während der Gefangenschaft geboren. Sie selbst sagt, sie wisse von keiner anderen Mutter und ihrem Kind, die das gemeinsam überlebt haben und heute noch darüber berichten könnten. „Mein erster Mann Bernd, der Vater von Eva, hat den Holocaust nicht überlebt.“
Sie hatten sich in Prag kennengelernt. Bernd Nathan war Deutscher - und Jude. Der junge Architekt verließ Hamburg 1933, gleich nach der Machtergreifung. In der damaligen Tschechoslowakei fühlte er sich vor den Nazis sicher, selbst als das Land 1939 von Hitlers Truppen besetzt wurde und die Hakenkreuzfahnen überall flatterten. Die Jurastudentin Anka, geborene Kaudrova und selbst Jüdin, traf ihn, als er die Wohnung ihrer Kusine ausstattete. Sie heirateten und bezogen eine hübsche Wohnung. Selbst als Anka die Universität verlassen mußte, Juden nicht mehr auf Parkbänken und in der Straßenbahn nur noch im hintersten Waggon sitzen durften, dachten die beiden: „Was kann uns schon passieren?“ Sie hätten auswandern können. Über Schanghai, über Rußland. „Aber wir hatten hier unsere Freunde. Und Bernd verdiente wunderbar, weil die Deutschen ihre Wohnungen und Kaffeehäuser in Prag herrichten ließen und die Arbeit gerne einem deutschen Architekten anvertrauten. Es war einfach dumm von uns.“ Irgendwann war es zu spät für die Flucht. Ein „J“ war auf die Ausweise gestempelt, der gelbe Stern am Revers Pflicht. „Aber wir arrangierten uns. Wir waren noch so jung. Als die Sperrstunde galt und nach einer Feier die Gäste nicht mehr nach Hause gehen konnten, übernachtete man eben auf dem Fußboden. Es war wie ein großes Abenteuer.“
„Wir waren die Pioniere von Theresienstadt“
Theresienstadt, 14. Dezember 1941. Mit Transport M 315 und 1499 anderen Tschechinnen kommt Anka ins Ghetto Theresienstadt (heute Terezín), 60 Kilometer nordwestlich von Prag. Im Gepäck ein vollgestopfter Koffer und eine Hutschachtel mit zwei Dutzend selbstgebackenen Berlinern. Durch die lange Fahrt im Zug ist der Karton aufgeweicht, eine Paketschnur hält die süße Fracht zusammen. „Es ist scheißegal, ob die Schachtel mitkommt“, hatte ein junger SS-Mann am Bahnhof gebrüllt. Wo dieser Zug hinrollte, spielten Berliner keine Rolle. Also hatte Anka das Lieblingsgebäck ihres Mannes mitgeschleppt, der zwei Wochen zuvor seinen Deportationsbefehl erhalten hatte.
Die alte Garnisonsstadt, Ende des 18. Jahrhunderts von Kaiser Joseph II. erbaut, funktionierten die Nationalsozialisten in ein jüdisches Ghetto um. Die Zivilbevölkerung wurde umgesiedelt. Auf den Festungsmauern Wachen postiert. Für mehr als 120.000 Juden wurde Theresienstadt zum Zwischenstop auf dem Weg in die Vernichtungslager. „Wir waren die Pioniere von Theresienstadt. Unsere Männer bauten die ersten Baracken“, sagt Anka Bergman. Allmählich gewöhnte sie sich an Strohmatratzen, verdreckte Latrinen, lilafarbene Graupen-Pampe und die permanente Bedrohung durch die SS. Alte Leute seien gestorben, „wie die Fliegen“. „Etwa einen Monat nach unserer Ankunft wurden 16 junge Männer öffentlich gehängt. Ich weiß nicht, was ihnen vorgeworfen wurde und ich habe so etwas nie wieder dort erlebt. Aber wir verstanden die Warnung.“
„Jeder sehnt sich in einer solchen Situation nach Liebe“
Mit der Zeit konnten sich die Häftlinge innerhalb der Ghettogrenzen freier bewegen. Professoren hielten Vorträge, Musiker gaben Konzerte, Künstler malten. Das Rote Kreuz kam zu Besuch in Heydrichs Vorzeige-Ghetto. Ehepaare und Familien trafen sich, „das wurde toleriert.“ 15 Familienmitglieder der beiden waren in der Zwischenzeit nach Theresienstadt deportiert worden. Anka machte die Bekanntschaft ihrer Schwiegereltern aus Deutschland. Tags arbeitete sie in der Proviant-Stelle. Nachts teilte sie sich in der ehemaligen Dresden-Kaserne einen Schlafsaal mit elf anderen jungen Frauen. Ihr Mann lebte in der Sudeten-Kaserne. Manchmal sahen sich die beiden tagelang nicht. „Wir waren frisch verheiratet, jung und verliebt. Wir vermißten uns sehr.“ Jeder sehne sich in einer solch extremen Situation nach Liebe und Zuneigung. Auch körperlich. Jeden Tag habe man schließlich den Tod vor Augen gehabt. Drei Jahre Theresienstadt, aber man habe eben versucht, ein normales Leben zu leben. „Manchmal übernachteten zwölf junge Männer bei uns. Und keine von uns verlor je ein Wort darüber. Dazu hatten wir alle zu viel Taktgefühl - und zu viel Angst.“
Anka wurde schwanger. Die Deutschen seien unglaublich wütend gewesen. „Die konnten gar nicht fassen, daß wir es wagten, uns vor ihren Augen fortzupflanzen.“ Sie schmunzelt, als freue sie sich noch heute über die Verblüffung der SS-Leute. „Wir waren insgesamt fünf Paare, die ein Kind erwarteten. Alle mußten wir ein Papier unterzeichnen, in dem wir uns verpflichteten, die Kinder nach der Geburt abzugeben.“ Damals habe sie zum ersten Mal das Wort Euthanasie gehört. Am 11. Februar 1944 wurde Ankas Sohn Dan geboren, doch nichts passierte. „Niemand fragte nach meinem Kind.“ Die anderen Säuglinge wuchsen heran. Dan starb im Alter von zwei Monaten an einer Lungenentzündung.
„Das Geschrei auf der Rampe war ohrenbetäubend“
Anka Bergmans Stimme verrät keine Bitterkeit. 89 Jahre alt ist sie inzwischen. Aber sie berichtet konzentriert und genau. Die Chronik ihres Lebens kennt keine Schnörkel. Ihr Jurastudium hat sie nie beendet, nach dem Krieg kümmerte sie sich um den Haushalt. Kochen sei für sie nicht Pflicht, sondern Leidenschaft. Ihr süßer Gurkensalat ist eine Spezialität. Wenn sie in ihrem Polstersessel sitzt und erzählt, blickt sie auf die dicke Eiche und die Narzissen in ihrem Garten. Ein Monokel baumelt an einer goldenen Kette um ihren Hals. Ihre Tochter Eva, die feingliedrigen Hände im Schoß gefaltet, kommt oft zu Besuch.
Auschwitz-Birkenau, 1. Oktober 1944. „Raus!“ Das Geschrei auf der Rampe ist ohrenbetäubend. „Schneller!“ Aus den hohen Schornsteinen der Krematorien quillt dicker weißer Rauch. Die Luft riecht nach Unvorstellbarem. Ausgemergelte Häftlinge in gestreiften Pyjamas eilen zu den Neuankömmlingen, entreißen ihnen das Gepäck. SS-Männer brüllen, Hunde bellen. Eine Handbewegung nach links oder rechts entscheidet über Leben oder Tod. „Es war die Hölle auf Erden. Es gibt einfach keine andere Beschreibung für diesen Ort.“ Anka hatte sich freiwillig für den Transport gemeldet, wie viele ihrer Freundinnen. Ihre Männer waren drei Tage zuvor deportiert worden. Von einem neuen Arbeitseinsatz sei die Rede gewesen, irgendwo in Deutschland. Die Paare könnten sich dort wiedersehen. In Dresden bog der Zug dann gen Osten ab. Was niemand wußte: Anka war wieder schwanger, im zweiten Monat.
„Der Tod meines Bruders bedeutete mein Leben“
„Die Mütter, die mit ihren Kindern aus Theresienstadt kamen, wurden sofort ins Gas geschickt.“ Anka Bergmans Stimme bleibt ruhig und klar, als könne sie sich von ihrem eigenen Schicksal distanzieren, um sachlich und korrekt von dem der anderen zu berichten. „Der Tod meines Bruders“, sagt Eva Clarke, „bedeutete mein Leben und das meiner Mutter.“ Sie breitet die Hände aus. Es ist eine hilflose Geste. Bei der Befreiung durch die Alliierten war sie sechs Tage alt, eine der jüngsten Überlebenden des Holocaust. Insgesamt eineinhalb Millionen Kinder wurden in Konzentrationslagern ermordet. Die wenigen, die überlebten, hatten meist ihre Eltern verloren. Ihnen blieb nur das, an was sie sich selbst erinnern konnten. Eva Clarke teilt das Schicksal ihrer Mutter - und so auch deren Erinnerungen. Anders als Anka Bergman, die meist nur mit ehemaligen Mithäftlingen oder der Familie über die Vergangenheit spricht, besucht Eva Clarke regelmäßig britische Schulklassen. „Survivor Speaker“ steht auf ihrer Visitenkarte vom „Holocaust Educational Trust“. Die beiden pflegen eine Art kollektives Familiengedächtnis. Immer wieder kommen neue Details hinzu. Auch sechzig Jahre reichen nicht aus, um alles in Worte zu fassen.
Zehn Tage verbrachte Anka in Auschwitz. Selbst als sie entlaust, rasiert, in Holzschuhen und dreckigen Lumpen in der Baracke standen, war den Frauen noch nicht klar, was an diesem Ort geschah. „Wir waren total geschockt. Meine Freundin fragte, wann sie ihre Eltern wiedersähe, die in der anderen Schlange gestanden hatten.“ Die Mithäftlinge verhöhnten sie: „Die sind schon längst durch den Schornstein!“ „Wir dachten, die sind vollkommen verrückt - und sie dachten das gleiche über uns.“ Schnell begriff sie, daß die anderen die Wahrheit sprachen. Zwischen 1,1 und 1,5 Millionen Menschen wurden in Auschwitz vergast, erschossen oder auf andere Weise ermordet. Unter ihnen Ankas Eltern, ihre beiden Schwestern, ihr Neffe, Kusinen und Cousins. Auch Bernd Nathan, Ankas Ehemann, überlebte das Lager nicht. Am 18. Januar 1945 wurde er bei der Evakuierung des Auschwitz-Außenlagers Bismarckhütte in einem Zug erschossen. Er war 40 Jahre alt. Daß seine Frau schwanger war, hat er nie erfahren. Sie sei froh, sagt Anka Bergman, daß sie nicht mit ihm über die Schwangerschaft gesprochen habe. „Er hätte sich sonst nur noch größere Sorgen um mich gemacht.“
„Sehr gutes Material“
Der 10. Oktober 1944 wurde der schönste Tag in Anka Bergmans Leben: Sie verließ Auschwitz. Die Schwangere überlebte die Appelle, bei denen sie mehrmals bewußtlos zusammengebrochen war und von ihren Freundinnen wieder aufgerichtet wurde. Sie überlebte die Selektionen durch Doktor Josef Mengele, der ihren Transport mit einem zufriedenen Nicken als „sehr gutes Material“ bezeichnete. Es sei ein unbeschreibliches Glücksgefühl gewesen, als der Zug durch die Tore von Birkenau rollte. Sie erinnere sich an die angespannte Ruhe im Waggon. Totenstille Freude. „Egal wohin sie uns bringen würden, es konnte nirgendwo schlimmer sein als in Auschwitz.“
Die Häftlinge landeten in der Fabrik Freia in Freiberg bei Dresden, ein Außenlager des Konzentrationslagers Flossenbürg. In 14-Stunden-Schichten fertigten sie dort Flugzeugteile für Hitlers Vergeltungswaffen wie die V2. Anka lernte, eine Nietenmaschine zu bedienen. Ende Januar war ihre Schwangerschaft nicht mehr zu übersehen. „Normalerweise wäre das meine Rückfahrkarte nach Auschwitz gewesen - doch das Lager war schon befreit.“ Also hätten die Deutschen ihr eine leichtere Arbeit zugeteilt. Von nun an wischte Anka den Fabrikboden der Halle, die Treppen, und wenn sie fertig war, begann sie wieder von vorne. „Aber das Verrückte ist, solche Bewegungen sind gar nicht schlecht für eine Schwangere. Es hätten natürlich nicht 14 Stunden täglich sein müssen. Aber durch das Bücken und Strecken hatte ich eine wirklich leichte Geburt.“
Anka Bergman lächelt sarkastisch, aber frei von Haß. Sie erzählt, wie sie in Cardiff Anfang der fünfziger Jahre eine Frau kennenlernte, die ebenfalls in Auschwitz war, wie froh sie über diese Bekanntschaft gewesen sei. „Endlich jemand in der Fremde, der das gleiche erlebt hatte, der wirklich wußte, wovon ich sprach.“ Die Nachbarin pflegte die Freundschaft - doch über den Holocaust wollte sie niemals reden. „Sie konnte einfach nicht.“
„Ich hatte Milch für fünf Kinder“
Freiberg, Anfang April 1945. Die SS evakuiert das Lager, alle Häftlinge werden in offene Kohlwagen gesperrt. Drei Wochen - ohne Nahrung, der Sonne, dem Regen, der nächtlichen Kälte ausgeliefert - irrt der Transport quer durch das umkämpfte Reich. Geschützfeuer. Die Front rückt näher. Irgendwann sieht ein Bauer Anka in der Türöffnung des Waggons liegen. Ein schwangeres Skelett. Der Zug rollt Schrittempo, der Bauer verschwindet. Als er wiederkommt, reicht er ihr ein Glas frischer Milch. Die SS-Wache kümmert sich nicht darum. Und Anka trinkt gierig.
„Ich hasse Milch. Aber in diesem Moment war es das Köstlichste überhaupt. Und ich bin mir sicher, dieses Glas Milch hat das Leben meiner Tochter gerettet.“ Als Eva in Mauthausen ihre Tochter zur Welt bringt, kann sie diese problemlos stillen. „Ich hatte Milch für fünf Kinder - und dabei hatte es bei meinem ersten Sohn nur Komplikationen gegeben. Wenn ich gläubig wäre, würde ich sagen, es war ein Wunder. Aber da ich nicht an Gott glaube, kann ich nur sagen: Wir hatten wieder einmal sehr großes Glück.“ Am Morgen des Tages von Evas Geburt wurden in Mauthausen die Gaskammern demontiert. Am 5. Mai 1945 befreiten die Amerikaner das KZ.
„Sie half mir, das Überleben zu überleben“
Drei Wochen später kehrte Anka Bergman nach Prag zurück. Die Stadt war dunkel, die Straßen menschenleer. Schon am Bahnhof wurde ihr klar: „Jetzt bist Du vollkommen allein auf dieser Welt. Du hast niemanden mehr.“ Alles, an was sie sich im Lager geklammert hatten, für das sie weiterleben wollten - es existierte nicht mehr: „Es war eine Illusion gewesen.“ Anka Bergman sucht den Blick ihrer Tochter. „Dafür hatte ich jetzt Eva. Sie half mir, die Zeit danach - das Schicksal des Überlebens - zu überleben.“
Geburtsurkunden gab es, Menschlichkeit
Adam Maliszewski (castaneda67)
- 01.08.2006, 14:28 Uhr