Vom Buckingham Palast bis zur Westminster Abbey sind es exakt 4109 Schritte. Der Garnisonsfeldwebel William Mott hat sie mit seinem Schrittzähler, einem langen Holzzirkel mit Messingscharnier, akkurat ausgemessen. Mott ist Gardesoldat und Zeremonienmeister des Hochzeitstages. Seine Schritte sind Gardeschritte, jeder misst 30 Inch, also knapp 80 Zentimeter. Der lange Unteroffizier mit den kurzrasierten Haaren, der seiner Königin schon vor fast drei Jahrzehnten im Falklandkrieg diente, hat am Freitag ein Auge auf 1300 Soldaten zu Fuß, 200 Reiter, sechs Militärkapellen und ein halbes Dutzend Kutschen. Er ist der Choreograph des öffentlichen Spektakels, das sich um zwölf Uhr entfalten wird, wenn die frisch Vermählten, Prinz William und Prinzessin Catherine, unter Glockengeläut aus der Kirche treten, ihre offene Landauer-Kutsche besteigen und die Prozession der Kaleschen zum Palast anführen.
Die Nervosität vor dem Ereignis ist auf Sergeant Major Motts Kasernenhof wie Pulverdampf zu wittern. In den Wellington Barracks, der Gardekaserne südlich vom Buckingham Palast, sind Soldaten sämtlicher fünf Wachregimenter der Königin mit Vorbereitungen beschäftigt. Die bedeutendste Aufgabe haben die Welsh Guards: Sie halten am Festtag mit 100 Mann Ehrenwache vor dem Palast und dürfen dem Hochzeitspaar, das seinen Wohnsitz ja bald in Wales haben wird, ihre Regimentsfahne präsentieren. Die meisten anderen Soldaten rücken als Straßenposten aus. Alle fünf Meter wird auf beiden Seiten der Paradestrecke ein Mann postiert sein: Deshalb ist das Zirkelmaß des Garnisonsfeldwebels so wichtig, von dessen Rechnungen abhängt, ob jeder nach dem Aufmarsch morgens sofort seine Position findet.
Generalprobe nachts um vier Uhr
„Hoffentlich krieg’ ich einen Platz im Schatten“, sagt der kleine Matthew Bonsell. Der Siebzehnjährige ist erst seit drei Wochen bei seinem Regiment, den Coldstream Guards, aber er weiß schon, dass drei Stunden Stillstehen in der Morgensonne eine Tortur sein können, besonders unter einer Bärenfellmütze und in einer Uniform aus dicker schwarzer Filzhose und roter Flanelljacke. Zur Garde wollte Bonsell schon als Kind, weg aus seiner Heimat in Yorkshire, hinaus in die Welt und hinein in die Fernsehbilder, die vielleicht am Freitag einen Moment lang auch sein Gesicht zeigen werden. Andererseits liegen noch viele Stunden Exerzierdienst und Zeugputzen vor ihm. Zur Generalprobe muss er nachts um drei aus dem Bett. Um vier Uhr früh, lange vor Sonnenaufgang, rückt seine Einheit dann auf die Straße ab. Der Garnisonsfeldwebel erläutert, die Übung könne nur zu einer Stunde stattfinden, zu der noch kein Autoverkehr unterwegs sei.
Bis zur Parade muss Gardesoldat Bonsell den größten Fleiß seinen Schuhen widmen. Die schwarzen Lederstiefel müssen mindestens auf der Kappe so glänzen, als seien sie mit Lack behandelt. Das Geheimnis besteht aus vielen Schichten. Zuerst eine Grundierung mit Bienenwachs, dann mehrere Lagen Schuhcreme. Am Schluss die lange und geduldige Politur, mit Lappen, nicht mit Bürste. Übrigens leiden auch die Schuhe im Sonnenschein: „Zuerst gibt’s so Eierschalen-Risse“, erzählt der junge Gardemann, „dann fängt die Wichse an zu schmelzen.“
Shampoo aufs kanadische Grizzly-Fell
Koppelschloss und Kinnriemen rückt Bonsell mit Messingpolitur zu Leibe. Der weiße Ledergürtel hingegen ist heikel: Gegen die dunklen Flecke, die der Gewehrkolben beim Marschieren auf dem weißen Leder hinterlässt, hilft zuerst Nagellackentferner, dann weiße Turnschuhfarbe. Schließlich die Mütze, die „Bärenhaut“. Bonsell hält sich an die Tipps seiner Kameraden: Das kanadische Grizzly-Fell, das über dem ledernen Mützenband auf einen hohlen Weidenkorb montiert ist, hält man am besten unter die Dusche und wäscht es mit Shampoo. Anschließend muss die Mütze kopfüber langsam trocknen. Dann ausbürsten. Ein wenig Festiger könne auch nicht schaden.
In der Schneiderstube der Kaserne führt Unteroffizier Martin Mitchell das Kommando. Die Garderegimenter sind ja erst vor ein paar Wochen aus ihren Wintermänteln in die roten Sommerröcke gewechselt, da kommen jetzt noch viele Bestellungen, die nach weiteren Taillen oder nach dem Versetzen der Brustknöpfe verlangen. An dem Muster der Knopfreihe lässt sich übrigens das Regiment erkennen: Die Grenadier-Garde, die rangälteste Einheit, trägt einzelne Knöpfe, bei der Coldstream-Guard sitzen sie zu Paaren, und bei den Welsh Guards, nach der Schottischen und der Irischen Garde das jüngste Regiment, besteht die Leiste aus einer Folge von zweimal fünf zusammengerückten Knöpfen.
Die Garde spielt auch Robbie Williams
Durch die Fenster der Schneiderwerkstatt dringt die Musik vom Exerzierplatz. Die Militärkapellen üben im Stehen, im Marschieren, im Kreis stehend oder im Halbrund. Es wird fünf Platzkonzerte entlang der Hochzeitsstrecke geben, die sechste Kapelle spielt vor dem Palast. „Wir haben für mindestens zwei Stunden Musik“, versichert der Musikdirektor der Garden, „überwiegend heiter natürlich, und manchmal patriotisch.“ Einzelne Titel verrät er nicht, nur so viel: „Wir haben auch Robbie Williams mit drin – na, wie ist das?“ Und in dem Moment, in dem Hochzeitspaar und Königin vorbeifahren, wird jede Kapelle nach kurzem Trommelwirbel die Nationalhymne anstimmen.
Auch im bärbeißigen Gesicht des Garnisonsfeldwebels Mott schimmert gelegentlich Vorfreude – aus vielerlei Gründen. Erstens hat er schon die Hochzeit von Williams Vater Charles vor 30 Jahren als Gardesoldat erlebt. Damals stand Mott mit den anderen Walisern Ehrenspalier vor dem Schloss. Noch besser erinnert er sich an den Abend davor. Da hatte er späten Wachdienst vor dem Schilderhäuschen an St. James’ Palace, dem ältesten Gemäuer im Schlossbezirk.
Wenn dein Souverän dich persönlich kennt...
Die Straße war lebendig von lauter Schaulustigen, die sich zum Übernachten auf dem Pflaster einrichteten, „viele junge Mädchen, junge Dinger“ seien darunter gewesen. Und Mott stand zwischen ihnen in seiner roten Paradeuniform. Zweitens freut sich der Zeremonienmeister der Garden, weil zu seinen Dienstpflichten oft auch die anderen, die traurigen Feierlichkeiten zählen. Er hat vor einigen Jahren den Ablauf der Repatriierungen festgelegt, der jetzt für die Heimkehr jedes britischen Gefallenen aus Afghanistan und von anderen Kriegsschauplätzen gilt. Von solchen Totenehrungen, sagt Mott, gebe es zu viele.
Drittens blickt er deswegen mit bangem Stolz auf den Freitag, weil „that lovely Lady over there“ – er deutet in Richtung Palast – mit dem Namen William Mott sein Gesicht und seinen Dienstgrad verbindet. Schließlich hat er schon knapp ein Dutzend Mal die Geburtstagsparade der Queen im Juni und alle anderen großen Gardeparaden ausgerichtet. „Wenn dein Souverän dich persönlich kennt“, sagt Mott und sein grimmiges Gesicht strahlt dabei, „dann ist das schon eine nette Sache.“
schwach recherchiert
Al Heden (DoktorDolittle)
- 29.04.2011, 01:25 Uhr