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Hochbegabte : Warum hat keiner was gemerkt?

Robin Müller ist hochbegabt, was allerdings sehr spät erkannt wurde. Heute hat er keine Lust mehr auf Schule und zählt zu den Minderleistern unter seinesgleichen. Bild: Busse, Christoph

Ist ein Kind hochbegabt, hat es nicht automatisch eine Zukunft als Genie. Im Gegenteil: Im Kindes- und Jugendalter treiben Hochbegabte ihre Eltern und Lehrer oft in die Verzweiflung - und manchmal auch sich selbst.

          Der Einbruch kommt plötzlich und unerwartet in der sechsten Klasse. Statt Einsen und Zweien bringt Robin Müller auf einmal Vieren und Fünfen, manchmal sogar eine Sechs mit nach Hause. Am Ende des Schuljahres ist er versetzungsgefährdet. Robin hat keinen Bock mehr auf Gymnasium; er weigert sich, am Unterricht teilzunehmen, ruft stattdessen ständig rein, redet laut mit Mitschülern, passt nicht auf. Am Ende des siebten Schuljahres kommt die Quittung: Er muss die Klasse wiederholen.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Die Eltern sind verzweifelt. Was ist mit ihrem Sohn los? „Wir konnten uns das alles nicht erklären“, erzählt Mutter Heike Müller, 41. „Wir wussten, dass er intelligent ist und mehr kann“, sagt Vater Thomas Müller, 45. Zu dritt sitzen sie in ihrem Wohnzimmer in Aschersleben, einer Kleinstadt am Ostrand des Harzes, und berichten von den Turbulenzen, die sie mit Robin, inzwischen 17 Jahre alt, bis heute durchleben.

          Schon als Kind kapiert Robin blitzschnell

          Im Alter von zwei Jahren sprach ihr Sohn bereits in ganzen Sätzen und erzählte Dialoge aus Filmen, die er einmal gesehen hatte, fehlerfrei nach. „Er konnte auch als Kind schon sehr gut diskutieren und argumentieren“, sagt der Vater. Mit der Disziplin freilich stand es auch da nicht zum Besten. „Wird Zeit, dass er in die Schule kommt“, predigt die Kindergärtnerin, die Robin als sehr wissbegierig, aber auch als kaum zu bändigen erlebt.

          Mit sieben wird Robin eingeschult, er lernt blitzschnell; vieles kapiert er sofort, bei Wiederholungen langweilt er sich jedoch und beginnt zu stören. Dennoch weiß er stets die richtige Antwort und bewältigt Tests mühelos, so dass auf dem Zeugnis außer einer Drei und Vier für Lern- und Sozialverhalten nur Einsen und Zweien stehen. Die Lehrerin aber empfiehlt, Robin auf Aufmerksamkeitsdefizit und Hyperaktivität (ADHS) zu testen.

          Der Arzt diagnostiziert tatsächlich ADHS und verschreibt Medikamente, die Robin ruhigstellen sollen. Die Eltern konsultieren eine Psychologin, die sein Verhalten als für das Alter normal einstuft und anregt, er solle eine Klasse überspringen. Die Schule aber will keine Ausnahme; als Kompromiss darf er ab Klasse 3 weiterführend Englisch bei einer Gymnasiallehrerin lernen. „Das hat richtig Spaß gemacht“, erzählt Robin. Die Aufgaben sind herausfordernd, er bewältigt sie mit links.

          Lernen hat er nie gelernt

          Problematisch wird es, als er beginnt, seine Lehrerin im regulären Englischunterricht zu korrigieren. „Der Junge weiß zu viel“, beschwert sie sich und fordert, die Zusatzstunden zu streichen. „Da verhärteten sich die Verhältnisse“, erinnern sich die Eltern. „Wir waren doch froh, dass ihm endlich mal was richtig Spaß machte.“ Robin bleibt an der Schule, doch er ist ein Sonderfall: ein Einzelgänger, der zu den Besten seines Jahrgangs zählt. Bei der Zeugnisübergabe hören die Eltern den Satz: „Verdient hat er’s ja nicht, aber die Leistung stimmt.“ Neue Klasse, neue Lehrer und neuer Stoff scheinen Robin zu beruhigen - zunächst. „Aber dann ging alles von vorn los“, erzählt der Vater. Die Eltern sind Dauergast in der Schule, vor Elternabenden fragen sie sich, wie lang die Frevelliste des Sohnes wieder sein wird. Und dann lassen noch seine Leistungen nach.

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