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Herzblatt-Geschichten Zarte Küsse an der Küste

24.06.2007 ·  Nach den Tabellen der It-Girls macht Peter Carstensen Horst Seehofer Konkurrenz mit seiner Enthüllungsgeschichte in der Klatschpresse. Christian Geyer über Christiansen-Glamour und Holmes-Hacken in den Herzblatt-Geschichten.

Von Christian Geyer
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Wie es kommt, dass der eine Politiker im Wald der bunten Blätter Stammgast ist, während der andere - bei erkennbar gleicher Qualifikation - dort nie oder allenfalls am Rande auftaucht? Horst Seehofer ist einer der wenigen Politiker, denen es gelungen ist, nicht nur den Verstand, sondern auch die Phantasie der Bürger anzusprechen, und deshalb wird am Ende nicht der herzlich wenig schillernde Erwin Huber, sondern Schillerherz Seehofer das Rennen um den Parteivorsitz machen.

Seine Geliebte hat in der Berliner Charité soeben ein gesundes Kind zur Welt gebracht, und die Revue war dabei, als Seehofer vor dem Fahrstuhl des Krankenhauses von einem Bein aufs andere hüpfte, derweil die Erwartung, den kleinen Kegel endlich in den Arm zu nehmen, durch den verzögerten Fahrstuhl naturgemäß groß und immer größer wurde. Seehofer nutzte die quälende Wartezeit am Lift, um mit einer prophetischen Bemerkung den Spannungsbogen über den Sommer hindurch zu sichern: Er werde sich zwischen seinen beiden Frauen kurz vor dem entscheidenden Parteitag im Herbst entscheiden - und dann auch ganz bestimmt, ein für alle Mal.

Berechnet nach den Tabellen der It-Girls

Mit vergleichsweise gezügelter Energie hat es Peter Harry Carstensen geschafft, als grauer Politiker eine Farbstrecke in Bunte zu besetzen. Unter der Überschrift „Zarte Küsse an der Küste“ findet sich Schleswig-Holsteins Regierungschef mit seiner Freundin Sandra Thomsen im hohen Gras lasziv in Szene gesetzt. „Drei Jahre versteckte der CDU-Ministerpräsident seine Freundin. Exklusiv in Bunte stellt er seine große Liebe vor“, heißt es im Vorspann der Geschichte, die erkennbar an Seehofers Aura-Gewinn anschließen möchte.

Wird jetzt jede Woche irgendein Politiker irgendeine lang versteckte Freundin hervorzaubern? Wobei zu bedenken ist, dass Carstensen kein Vereinbarungsproblem wie Seehofer hat: Er ist seit sechs Jahren Witwer. Der Klatschbonus von Freundin Sandra liegt daher nicht auf der Hand, er muss auf alle Fälle anders berechnet werden als nach den Tabellen der It-Girls. Bunte sieht sich in einer redaktionellen Erklärungsnot und begründet das öffentliche Interesse an Carstensens Küstenbeziehung schließlich mit dem schieren Altersabstand zwischen ihm (60) und ihr (35): „Es trennen sie nicht nur 24,5 Lebensjahre, sondern auch einige Kilos.“

Abschied von Christiansens Glamour-Effekt

Während Peter Harry Carstensen die Politisierung des Privaten noch etwas zaghaft betreibt, ist Sabine Christiansen hier längst zu Hause. Bislang war sie es, die dem politischen Apparat ermöglichte, einen Glamour-Effekt diesseits der zarten Küsse zu entfalten. Nun hört sie auf, am heutigen Sonntag läuft ihre Sendung zum letzten Mal, danach ist die Politik auf sich selbst zurückgeworfen. Christiansen verlagert ihren Lebensmittelpunkt und zieht bis auf weiteres zu ihrem Freund, dem Jeans-Magnaten Norbert Medus, nach Paris. Von verschiedenster Seite werden ihr zu diesem Akt der biographischen Entschleunigung freundliche Ständchen gebracht, in Gala etwa vom Moderator Thomas Koschwitz, in Revue vom Friseur Udo Walz, in Bücher hält der Schriftsteller Pascal Mercier an dem belletristischen Satz fest, dass eine neue Zeitrechnung beginnt.

Ob es mit dem Jeans-Magnaten auch in geballter Dauernähe noch so gut laufen wird wie bisher aus sicherer Entfernung? Bunte verspricht, die Entwicklung im Auge zu behalten, während sich für den ungünstigen Fall Neon mit einer Titelgeschichte zum Thema „Lass uns Freunde bleiben“ bereithält. Es geht da um die Frage, „wie man das Kunststück schafft, eine Liebe zu beenden, ohne alles kaputtzumachen“ - eine fürwahr wichtige Frage für alle, die mit der Offenheit der Zukunft geschlagen sind und die work-life-balance noch nicht gefunden haben.

Die hochhackige Rache von Katie Holmes

Dass sich die Zukunft von Tom Cruise und Katie Holmes möglicherweise gerade an den Absätzen abläuft, legt Frau im Spiegel nahe. Die Zeitschrift beobachtet bei den beiden, die im Augenblick zu Filmaufnahmen in Berlin weilen, eine zunehmende Disproportion im Bereich der Schuhabsätze: Während Katie Holmes bislang aus Rücksicht auf ihren nur 1,70 Meter großen Ehemann betont flache Absätze getragen habe, könnten jetzt „die Hacken gar nicht hoch genug sein“ (man sieht im Bild, wohin das führt: Katie überragt Tom tatsächlich auf schwer vermittelbare Weise). Hier ist ein Emanzipationsschub unterwegs, der dem Ehemann ein böses Erwachen bescheren könnte: „Tom Cruise scheint erkannt zu haben, dass Katie aus dem goldenen Ehe-Gefängnis ausbrechen will“, schreibt Frau im Spiegel.

Es gibt stets viele Gründe, warum Beziehungen scheitern. Von einem absoluten Beziehungskiller aber wird man sprechen müssen, wenn die Partnerin den Partner an Körpergröße signifikant überragt. Dann fällt den beiden bald der Himmel auf den Kopf, und es ist hohe Zeit, um mit Frau im Spiegel das Frühwarnsystem einzuschalten. Nimmt man zu den hohen Hacken der Katie Holmes noch ihren plötzlichen Kurzhaarschnitt hinzu, so scheint das Ende dieser Herzblattgeschichte zum Greifen nahe.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 24.06.2007, Nr. 25 / Seite 64
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Jahrgang 1960, Redakteur im Feuilleton.

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