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Herzblatt-Geschichten Victorias Engel

27.12.2011 ·  Nur das Baby einer schwedischen Thronfolgerin vermag schon vor Geburt Wunder zu vollbringen – doch an der Liebe des nordkoreanischen Diktators zu Modern Talking kann selbst ein Wunderkind freilich nicht rütteln.

Von Sascha Zoske
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Es begab sich aber zu der Zeit, da der König des Nordlandes die weisesten Männer der Welt zur Ehrung gerufen hatte, dass des Königs Tochter, die guter Hoffnung war, ein Rühren im Leib verspürte. Dies dem Erdkreis zu verkünden, fühlte sich das Offenbarungs-Organ Die Aktuelle berufen, und so posaunte es auf dem Titelblatt hinaus, was sich zugetragen hat an der Tafel des Monarchen: "Victoria: Das Baby! Schweden jubelt! Es passierte in der Nobelpreis-Nacht."

Ein Kind ward also der Kronprinzessin geboren – beglückt von dieser Kunde, blättern wir auf Seite zehn der Aktuellen und müssen feststellen, Zeuge einer publizistischen Frühgeburt geworden zu sein. Mitnichten ist Victoria im Stockholmer Konzerthaus unter den Augen des Wappen- und Geistesadels niedergekommen. Das für März erwartete Thronfolgerlein hatte lediglich ein wenig im Bauch der Mutter gestrampelt, woraufhin diese ihrem Mann Daniel zugeraunt haben soll: "Schatz, unser Baby ist aufgewacht!"

Die Kunst des Leserfangs mit dem Überschriftenköder beherrscht auch das Goldene Blatt. "Ihr Baby bewirkt ein Wunder", ist der dortige Victoria-Report überschrieben. Leider hat es der ungeborene Heilsbringer noch nicht geschafft, seinen Großvater Carl Gustaf von der Last der Sünden zu erlösen, die ihm vorgehalten werden – inklusive der Freundschaft zu einem Mann mit Mafiakontakten. Aber wenigstens sorgt der Nachwuchs für gute Stimmung bei Hofe: "Die Vorfreude auf Victorias Baby lenkt von allen Sorgen ab!"

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© Lüdecke, Matthias Leidenschaftlich auch im Garten: André Rieu

Unbezähmbar war unsere Vorfreude darauf, Intimes aus dem Leben von Schmalzgeiger André Rieu zu erfahren, als wir unter der Schlagzeile "Seine neue Leidenschaft" das Foto einer Dame mit Wuschelhaar und Siebziger-Jahre-Hornbrille erblickten. Diese Marjorie aber hält schon seit vier Jahrzehnten ihrem André die Treue, und daran wird sich auch so schnell nichts ändern, wie das Goldene Blatt eingestehen muss. Denn die nun enthüllte Passion des Spielmanns besteht lediglich im Beackern der Grünanlagen seines Maastrichter Schlosses.

Während Herr Rieu zwischen der Pflege von Garten und Gattin die rechte Balance gefunden zu haben scheint, ringt sein Fachkollege David Garrett noch um eine konzise Haltung zum anderen Geschlecht. "Musiker werden Musiker, weil sie Frauen erobern wollen", zitiert ihn das Goldene Blatt, während die Konkurrenz vom Neuen Blatt so ziemlich das Gegenteil aus seinem Mund vernommen haben will: "Frauen werden bei mir immer die zweite Geige spielen" – es geht doch nichts über ein Liebesduett mit Signora Stradivari.

Immer tiefer in moralische Abgründe hinab

Welchem Herzblatt wir glauben, ist keine Frage, erweist sich doch das Neue Blatt als ein Forum des kritischen Journalismus, der vor allem soziale Missstände rücksichtslos anprangert. Auf Seite acht geht es los: "Dreist" ist das, was sich Suri Cruise erlaubt. Die fünfjährige Göre hat sich von Papa Tom und Mama Katie zu Weihnachten Diamantohrringe, ein Pferd und eine Prinzessinnenkleid-Kollektion im Gesamtwert von 100 000 Euro gewünscht – und vermutlich auch bekommen. Da ist die Verschwendungssucht, die Norwegens Mette-Marit zwei Seiten weiter attestiert wird, noch als minder schwerer Fall zu bewerten: Für ihre drei neuen Kleider hat die Prinzessin schlappe 15 000 Euro ausgegeben.

Richtig widerlich wird's aber auf Seite 18: Da blickt uns Milliardenerbin Athina Onassis mit Eisaugen an, während ihre neunzigjährige Tante vor einem Müllhaufen abgelichtet wurde, in dem sie nach Verwertbarem kramen muss, weil ihre Rente nicht reicht. Einmal hat Frau Olga ihre hartherzige Nichte in Athen getroffen: "Sie war wunderschön und sehr nett. Doch leider spreche ich kein Englisch – und sie hatte es eilig."

So steigen wir immer tiefer in moralische Abgründe hinab, um ganz unten auf Kim Jong-un zu treffen. Während Nordkorea noch in unbeschreiblicher Trauer über das Ableben seines Vaters erstarrt ist, richtet Bild den Blick schon bang in die Zukunft: "Wie gefährlich wird dieser Dicktator?", fragt die Zeitung neben einem Bild des Jungführers, einem ins Dämonische entrückten Stiefbruder von Loriots pummeligem Hoppenstedt-Buben. Kurz beruhigen wir uns mit Shakespeare ("Lasst wohlbeleibte Männer um mich sein"), aber dann müssen wir etwas lesen, was unsere schlimmsten Ahnungen bestätigt: Der kleine Kim war nach Aussage von Jugendfreunden ein Fan des Gruselduos Modern Talking.

Verzweifelt versuchen wir aus unserem Kopf die Bilder von Regimegegnern zu verdrängen, die zum Takt von "Cherie Cherie Lady" auf den Appellplätzen der Arbeitslager strafexerzieren. Dann tröstet uns die frohe Botschaft aus 7 Tage: "Victoria & Daniel: Ihr Baby wird ein Friedensengel". Der wird nach Pjöngjang schweben und dem bösen Dicki die Atomsprengköpfe wegnehmen. Damit wir auch an Weihnachten 2012 wieder erleichtert feststellen können: Es hat nicht "puff" gemacht.

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Jahrgang 1969, Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

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