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Herzblatt-Geschichten Klein und erbärmlich

27.02.2010 ·  Tiger Woods will dieser Tage bewusst unbedeutend wirken. Besonders wenn er öffentlich Buße tut. Andere hingegen hoffen seit Jahren, dass ihre wahre Größe erkannt wird. Leider vergeblich.

Von Jörg Thomann
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Böse Geschichte, die wir da im Stern lesen müssen über unser Leitherzblatt, die Bunte. Systematisch sollen Spitzenpolitiker ausspioniert worden sein, um Brisantes aus ihrem Privatleben zu enthüllen, durch eine Agentur namens CMK, Auftraggeber: Bunte. Dort will man von den im Stern verbreiteten Methoden - angemietete Observationswohnungen, präparierte Briefkästen - natürlich rein gar nichts gewusst haben, verteidigt aber grundsätzlich die Praxis, über Privates von Politikern zu berichten: Weil sie „Leitfiguren unseres Wertesystems“ seien, schreibt die Bunte-Chefredaktion, habe ihr privates Verhalten „Auswirkungen auf die Moral der Gesellschaft und damit unter Umständen auch auf politische Entscheidungsprozesse“.

Und tatsächlich fällt es uns jetzt wie Schuppen von den Augen, wie sich mit der CMK/Bunte-Story, dass Müntefering, seinerzeit 69, eine neue Partnerin, damals 29, habe, die Gesellschaft moralisch verändert hat: Mit einem Mal fanden auch ältere Männer junge Frauen attraktiv. Von den politischen Entscheidungen, die die Sache angestoßen hat, gar nicht zu reden: Wir erinnern nur an die „Viagra für alle“-Kampagne der SPD, die aus heutiger Sicht gewiss kein Zufall war. Wir meinen: Die Bunte-Zentrale für politische Bildung sollte ihre Aufklärungsarbeit unbeirrt fortsetzen.

Von kleinen und großen Sakkos

Ihr allein verdanken wir auch in dieser Woche manch neue Erkenntnis, etwa jene, dass sich die kümmerlichen Englischkenntnisse unserer Politiker allmählich zur Staatskrise ausweiten: Nach Oettinger und Westerwelle outet sich auch Dirk Niebel als Nachsitzkandidat. Vom Einhitwunder und Weltenretter Bob Geldof hatte sich der Minister vor einem Gala-Publikum fragen lassen müssen, wie er als „hässlicher Mann“ denn an eine so schöne Frau komme. Der Bunten erzählt Niebel nun: „Ich habe Geldofs Wort ,ugly‘ für mich eher mit ,unkonventionell‘ und ,durchsetzungsstark‘ übersetzt.“

Das gibt höchstens in Autosuggestion die Note eins. Weiter berichtet Niebel, dass er seinem Golden Retriever Hermann eine eigene Internetseite gewidmet hat, ohne aber die Adresse zu nennen, und sinniert über Parallelen zwischen Fallschirmjägern und Politikern: „Sich selbst überwinden, das Angstgefühl. Und dann im freien Fall das machen, was richtig ist. Das kann auch helfen, wenn man es auf die Politik überträgt.“ Etwa auf die im freien Fall befindliche FDP.

Der Absturz von Tiger Woods hingegen scheint erstmal gestoppt, nachdem er öffentlich Buße getan hat - an der Seite seiner Mama und, wie Bunte observiert hat, „in viel zu großem Sakko und mit hängenden Schultern“. Die PR-Frau Karen Heumann sagt, warum: „Er wollte bewusst klein und erbärmlich wirken.“ Wir hingegen tragen seit Jahren viel zu kleine Sakkos, damit endlich mal jemand unsere wahre Größe erkennt, leider vergebens. Wiederum Bunte berichtet vom hässlichen Streit ums Familienerbe zwischen dem Schauspieler Albert Fortell und seinem Bruder, der extra eine Website geschaltet hat, um seine Position zu verdeutlichen. Die Adresse lautet: www.albertfortellhatmichbetrogen.com.

Profundes Wissen

Erfreulicheres gibt es von den Windsors zu berichten. „William & Kate: Der Beweis! Nur noch zwei Monate bis zur Verlobung“, frohlockt 7 Tage. Und was ist nun der Beweis? „Alleine die Tatsache, dass die seriöse Fernsehanstalt BBC eine Dokumentation über William und Kate vorbereitet, ist der Beweis für eine bevorstehende Verlobung und Hochzeit.“ Wenn nun auch noch die seriöse 7 Tage berichtet, dürfte dann ja endgültig alles klar sein. Charles und Camilla dagegen, weiß die Neue Welt, geben ihre Ambition auf den Thron auf und werden sich ins Privatleben zurückziehen: „Nun kann das Prinzenpaar sonntags über den Markt bummeln, ohne von Fotografen verfolgt zu werden“, schreibt die Neue Welt und druckt zum Beweis ein Foto, auf dem die beiden über den Markt bummeln.

Profundes Wissen demonstriert auch Frauke von Rinken, „Adelsexpertin“ von 7 Tage. Auf die Leserfrage, was die Queen eigentlich in ihrer Handtasche trage, antwortet sie, dass man dort „einen Lippenstift, ein goldenes Puderdöschen, ein Stofftaschentuch und natürlich ein Portemonnaie“ finde. Solch Detailkenntnis stimmt misstrauisch: Frauke von Rinken, ebenfalls CMK-Spitzel?

Stutzig macht uns auch eine Antwort des Schauspielers Hannes Jaenicke im Neue-Welt-Interview: „Ich wasche nie heißer als 30 Grad und kaufe nichts mehr, was weiß ist, weil alles in eine Maschine gehen muss.“ Das weiße Hemd, das er auf einem Bild neben dem Artikel trägt, ist dann wohl geliehen. Tieftraurig wiederum stimmt uns, dass böse Menschen den guten alten Jopie Heesters (106) verhöhnen. Auf der Internetseite gutefragen.net werde Heesters als „Zombie“ tituliert, erregt sich das Neue Blatt: „Was fühlt Johannes Heesters, wenn er solche Dinge über sich hören muss?“ Oder sie in seinen Surf-Touren durchs Web sogar liest? Auch wir waren eben im Netz unterwegs und haben nun doch noch die Adresse gefunden, unter der Dirk Niebel seine Hundeseite angemeldet hat. Sie lautet www.bobgeldofkannmichmal.de.

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Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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