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Veröffentlicht: 12.02.2017, 11:59 Uhr

Herzblatt-Geschichten Geschichten aus der Grusel-Gruft

Helene Fischer lebte früher in einer „Grusel-Gruft“, ein „Bild“-Kolumnist hat sich in Martin Schulz verliebt und die Klatschpresse versucht weiter, mit dem Leid von Michael Schumacher Geld zu verdienen.

von
© dpa Helene Fischer in ihrer Gothic-Phase 2003? Oder doch Ozzy Osbourne?

Dass die Familie des verunglückten Michael Schumacher ihn vor der Öffentlichkeit schützt und praktisch keine Informationen über seinen Gesundheitszustand preisgibt, macht sie irre, die Klatschblätter, einerseits. Andererseits nutzen sie die Ungewissheit dazu, jede Woche aufs Neue dubiose Storys herauszuposaunen, für die nahezu jeder herhalten muss, der Schumacher irgendwann mal die Hand geschüttelt hat. Die vermeintlich brisanteste Geschichte präsentiert aktuell Das neue Blatt, welches titelt: „Dramatische Entwicklung in Lausanne – Michael Schumacher – Sein Arzt gibt auf!“ Daneben ein kleines Foto eines Arztes mit der Zeile: „Prof. Frackowiak behandelte Schumacher nach seinem Unfall, jetzt ging er nach London.“ Dramatisch, so viel vorweg, ist hierbei nur, wie Das neue Blatt seine Leser täuscht.

Jörg Thomann Folgen:

Wegen ausbleibender Gelder für ein Forschungsprojekt, lesen wir, habe Richard Frackowiak, Chef der neurologischen Abteilung im Universitätsspital Lausanne, die Klinik verlassen: „Resigniert ging er nach London, um beruflich voranzukommen.“ Ein „schwerer Schlag“ sei dies für Schumachers Frau, denn im nahen Lausanne „hätte“ der Arzt stets als Ansprechpartner zur Verfügung gestanden. Wahr ist, dass Frackowiak die Klinik tatsächlich verlassen hat – allerdings nicht „jetzt“, sondern schon im Juli 2015. Nicht, „um beruflich voranzukommen“, sondern weil er ganz regulär in Rente ging. Mit den Schumachers hat er seitdem keinen Kontakt mehr, und er ging auch nicht nach London, sondern lebt heute in Paris. Das jedenfalls hat uns jemand mitgeteilt, der es wissen sollte, nämlich Richard Frackowiak. Unsere Diagnose für Das neue Blatt lautet: schwere journalistische Störung, unheilbar.

Unattraktive Krankheiten und verschenkte Herzen

Ebenfalls unangenehm: die Arthrose, über die Senta Berger laut Neuem Blatt gesagt hat, sie sei „eine unattraktive Krankheit“ und „wenig spektakulär“. Sicher hat sie recht, nur fragen wir uns seitdem, was bei Frau Berger wohl als richtig attraktive Krankheit durchgehen mag: ein cooler Tennis-Arm? Ein schillernder Burnout?

44743953 © dpa Vergrößern Martin Schulz

Trost spendet uns eine anrührende Liebesgeschichte. „Blindverliebt ist die Liebe. Es ist das Verliebtsein“, dichtet der Bild-Briefeschreiber Franz Josef Wagner und überrascht mit einem Bekenntnis, wem sein Herz gehört: Martin Schulz. „Ich bin quasi verliebt in ihn. Er verspricht mir so viel, aber ich weiß nicht, was.“ Und als wäre das nicht rätselhaft genug, setzt er hinzu: „Verliebte weinen viele Tränen.“ Sehr geehrter Herr Schulz: Was, um Himmels willen, haben Sie dem Wagner bloß versprochen, dass er ihretwegen die ganze Zeit heult?

Fehlgeschlagene Werbung für „Shades of Grey“

Leidenschaftlich liebt es auch Wagners Bild-Kollege Norbert Körzdörfer, der den neuen „Shades of Grey“-Film gut findet – allerdings die denkbar unglücklichste Werbung dafür macht. „Ex-Unterhosen-Model Jamie Dornan“, schreibt er, „ist muskulöser, ernster, hat noch Schamhaare – und wirkt wie ein junger Maschmeyer.“ Nicht wie ein junger Brad Pitt oder Johnny Depp also, sondern wie der Hannoveraner Unternehmer Carsten Maschmeyer, der in jungen Jahren einen fiesen Schnäuzer trug? Wer, außer Veronica Ferres, wird sich den Film jetzt noch anschauen wollen?

44744066 © AFP Vergrößern So, wie die Buchstaben auf Klums Kette angeordnet sind, steht da eindeutig „VIEH“.

Einen anderen Film hat Freizeitspaß gesehen und macht auf mit der Schlagzeile: „Helene Fischer – Schock-Video! Jetzt kommt ihr dunkles Geheimnis ans Licht“. Ein Video aus dem Jahr 2003 nämlich zeigte Fischers Jugendzimmer, welches, wie sich Freizeitspaß entsetzt, „wirkte wie eine Grusel-Gruft!“ Ein Schwert an der Wand, ein dunkler Spiegel, dämonische Figuren, von denen einer „sogar ein Todeskreuz“ umarmte: „Symbole, die auf die Gothic-Szene hindeuten. War Helene damals etwa ein ,Grufti‘?“

Helene Fischers düstere Seite

Obzwar die Freizeitspaß für uns selbst wie eine einzige Grusel-Gruft wirkt, hat sie einen Punkt getroffen, und nicht nur das: Fischer ist noch immer der Gothic-Szene verhaftet. Ihre Songtexte nämlich sind voll düsterer Symbolik, so in ihrem größten Hit, der nicht von ungefähr „Atemlos“ heißt: „Ich schließe meine Augen“ (Todesahnung), „komm, wir steigen auf das höchste Dach der Welt“ (Lebensmüdigkeit). In einem anderen Lied besingt sie „Die Hölle morgen früh“ und behauptet: „Ich kenn’ sie ja, weil ich schon oft dort war.“ Demnächst beißt sie dann auf der Bühne einer Fledermaus den Kopf ab.

Ruby O. Fee © obs Vergrößern Ist leider noch keine 600 Jahre alt: Schauspielerin Ruby O. Fee durfte trotzdem die Hauptrolle in „Die Ketzerbraut“ übernehmen.

Dass es, wenn Symbole zur Schau gestellt werden, schiefgehen kann, demonstriert ein Foto Heidi Klums, das Frau im Spiegel beschreibt: „In Heidis Dekolleté baumelt eine Kette mit halbem Herz. Darin sind die Buchstaben ,HE‘ und ,VI‘ eingraviert – dazu gibt es offensichtlich ein Gegenstück am Hals von Freund Vito Schnabel, 30, mit den Buchstaben „DI‘ und ,TO‘ – ergibt zusammen die Vornamen ,HEIDI‘ und ,VITO‘.“ Mag ja alles stimmen, aber so, wie die Buchstaben auf Klums Kette angeordnet sind, steht da eindeutig „VIEH“ – und wer freiwillig mit so einer Aufschrift herumrennt, der muss viel Selbstbewusstsein haben.

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Den schönen Titel „Die Ketzerbraut“ trägt ein Sat-1-Film, dessen Hauptdarstellerin Ruby O. Fee von In gefragt wird: „Ruby, sind Sie mit 21 nicht ein wenig zu jung für diese Rolle? Immerhin spielt die Geschichte im 15. Jahrhundert.“ Mensch, In, du hast recht: In dem Fall hätte Sat 1 natürlich eine Schauspielerin besetzen müssen, die 600 Jahre alt ist. Sie haben nur seltsamerweise niemanden finden können.

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