29.10.2011 · Die Bild beendet Spekulationen über Arne Friedrich und deckt in ihrer investigativen Tradition Mogeleien bei RTL auf. Um Paris Hilton wird sich unterdessen gesorgt.
Von Jörg ThomannSagenumwobene Phänomene, auf deren Entdeckung das deutsche Volk wartet: Atlantis, der Stein der Weisen, der heilige Gral, der Yeti, das Ungeheuer von Loch Ness, der homosexuelle Fußballspieler. Vor allem Letzterer regt die Phantasie an: Man ahnt, dass es ihn gibt, doch wird er sich je zeigen? Oder tut er gut daran, wie Nessie sein Versteck nie zu verlassen? Dem modernen Fußballprofi ist ja mancher Exotismus erlaubt: Er darf sensibel sein bis zum Burn-out, er darf Bücher schreiben, er darf studieren. Schon immer durfte er ein Volldepp sein. Homosexuell aber, das geht gar nicht.
Insofern ist es verständlich, doch auch beunruhigend, wenn Linn Rödenbeck, die langjährige Freundin des Spielers Arne Friedrich, nun in einem offenen Brief beteuert, dass ihr Arne wirklich heterosexuell sei: "Nein, Arne ist nicht schwul, und ich bin mir sicher, dass er der Letzte wäre, der nicht dazu stehen würde!" Damit "dürfte die Diskussion beendet sein", fügt Bild hinzu und glaubt das ganz bestimmt selbst nicht.
Wie sehr das Thema die Nation bewegt, beweist ein Besuch bei Google. Gibt man dort etwas in die Suchmaske ein, zeigt die automatische Vervollständigung, wonach die Leute am eifrigsten suchen - und da lautet bei Friedrich der häufigste Begriff: schwul. Dito bei Philipp Lahm und Jogi Löw. Bei Mario Gomez hingegen ganz oben: "Frisur". Bei Lukas Podolski wiederum zählt "schwul" zu den vier Top-Begriffen, aber auch "Schulabschluss". Schon ärgerlich, wie im Netz Gerüchte verbreitet werden: Wir jedenfalls können uns nicht vorstellen, dass Podolski einen Schulabschluss hat. Und was steht bei Lothar Matthäus, dem heterosexuellsten aller Fußballer? "Englisch, Sprüche, Freundin, neue Freundin". Dem Kollegen Friedrich sollte das zu denken geben: Er wechselt einfach zu selten.
Fortschrittlicher als der Fußball zeigt sich "Bauer sucht Frau", wo ein homosexueller Landwirt verkuppelt werden soll. Nun aber enthüllt Bild, dass in der RTL-Show gemogelt wird. So waren die Tränen der von ihrem Bauern abgewiesenen Kandidatin Charlyn ein Resultat der Augentropfen, die man ihr eingeflößt hatte. Und Ramona musste erfahren, dass ihr Bauer "eigentlich kein richtiger Landwirt, sondern Busfahrer ist". Gehen RTL schon die Bauern aus? Sind am Ende alle Kühe aus Pappmaché? Wir sind gespannt, wie RTL reagiert, allein mit einer Titeländerung ("Busfahrer sucht Frau") wird die Sache nicht aus der Welt zu schaffen sein. Dabei war der Sender die Woche schon unangenehm aufgefallen, als wiederum Bild berichtete, dass der alternden Stammkraft Dieter Bohlen (57) per digitalem Weichzeichner die Falten geglättet würden, was dieser nun nicht mehr hinnehmen will: "Ich sehe ja aus wie der tote Michael Jackson." Als Nächstes müsste RTL noch den Sprachfilter ausbauen, damit Bohlen nicht mehr so redet wie ein Fünfzehnjähriger.
Auch den Volksmusikanten glauben wir nichts mehr, seit bekannt wurde, dass Stefanie Hertel und Stefan Mross ihre innige Liebe zuletzt nur noch vorspielten. Hoffnung verbreitet nun die Schlagzeile der Neuen Welt: "Geheime Fotos aufgetaucht - Stefanie & Stefan - Reumütig kehrt er zur Familie zurück".
Besagte Fotos, auf denen beide gutgelaunt nebeneinander posieren, wurden laut Neuer Welt aufgenommen, "kurz bevor" sie die Trennung bekanntgaben. Hm. Drei Fragen, Neue Welt: 1. Was an diesen Fotos ist geheim? 2. Wären sie, um deine These zu illustrieren, nicht besser nach der Trennung entstanden? 3. Warum findet sich im Artikel kein Wort über die reumütige Rückkehr, die du auf deiner Titelseite ankündigst?
Sorgen müssen wir uns um Paris Hilton. Das einstige It-Girl muss heute laut Gala "all die Supermarkt-Eröffnungen und Boutique-Jubiläen" an den Hotspots den Kardashian-Schwestern überlassen. Und wo tritt It's-Over-Girl Hilton noch auf? In Kattowitz, in Kiew und in Oberhausen.
Auf Tournee ist auch Tony Marschall (73): Er reist zu den Gräbern verstorbener Kollegen wie Harald Juhnke, Rudolf Schock und Roy Black. "Für sie singe ich dort das geistliche Lied ,Ave Maria' voller Inbrunst und fange dabei an zu weinen", so Marschall im Neuen Blatt. Er habe dabei "das Gefühl, ich erwecke Roy und die anderen zum Leben", sagt der Sänger und fügt hinzu: "Natürlich kommen Leute vorbei, aber die meisten halten respektvoll Abstand." Das mit dem Abstand glauben wir, das mit dem Respekt weniger: Womöglich haben die Leute auch einfach Angst.
Lange nichts gehört von Sara Schätzl (23), die vor Jahren durch eine Fake-Beziehung mit Schauspieler Bernd Herzsprung (69) ein bisschen bekannt wurde. Nun hat sie ein Buch über die Sucht nach Prominenz verfasst, in dem laut Bunte auch ein Fußballer auftaucht, "der neben seinem regulären Handy noch ein ,Tussi-Phone' besitzt, auf dem seine weiblichen Bekanntschaften anrufen". Das wäre die Gelegenheit für Arne Friedrich, durch einen neuen offenen Brief alle Zweifel für immer aus der Welt zu räumen: "Ich bin der Mann mit dem Tussi-Phone."
Es wurden noch keine Lesermeinungen zu diesem Beitrag veröffentlicht.
Möchten Sie den ersten Diskussionsbeitrag verfassen?
Die Welt des Boulevards
Jörg Thomann Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Jüngste Beiträge