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Herzblatt-Geschichten Ein Leben als Exsymbol

29.08.2010 ·  Während Mario Adorf und Jack White über ihr wahres Mannesalter sinnieren, schreibt - die erheblich jüngere - Daniela Katzenberger auf originelle Weise über ihr Leben. Hoffentlich wird sie nicht bald genauso „überhyped“ sein wie Thilo Sarrazin.

Von Jörg Thomann
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Mit väterlichem Wohlwollen verfolgen wir hier seit kurzem den unaufhaltsamen Aufstieg der Daniela Katzenberger, einer jungen Dame, die sich pflichtbewusst für jede Doku-Soap und jede plastische Operation zur Verfügung stellt, die ihrer Karriere förderlich sein könnten. Dafür ist sie soeben mit einer eigenen Bild-Serie belohnt worden („Mein Leben, meine Liebe, mein Busen“), die mindestens so originell war wie das in derselben Woche bei Bild abgedruckte Elaborat eines kauzigen „Klartext-Politikers“. Über ihre erste Liebe, die sie mit 13 fand, schreibt Katzenberger: „Er hieß Sven, und ich habe mit ihm per SMS Schluss gemacht. Ich hab ihm gesagt, dass ich keinen Bock auf eine Fernbeziehung hätte. Schließlich wohnte der zehn Kilometer weg von mir.“

Heute ist Katzenberger 23, also schildert sie eine Begebenheit aus dem Jahr 2000. Just in jenem Jahr haben auch wir unser erstes Handy erworben, da waren wir 29. Doch moderne Familien wie die Katzenbergers pflegen einfach einen natürlicheren Umgang mit der Technologie. So hat Mutter Katzenberger die kleine Daniela, wenn die nicht einschlafen wollte, bis zwei Uhr morgens im Fernsehen Horrorfilme schauen lassen. Danach ging sie freiwillig ins Bett.

Eisbergspitze oder Fassboden?

Möglich, dass Daniela Katzenberger bald ebenso „komplett überhyped“ ist, wie es der momentan stark unterhypede Sänger Dieter Thomas Kuhn gerade Thilo Sarrazin bescheinigt hat – ach Quatsch, natürlich Lena Meyer-Landrut. Schon jetzt nämlich wird Kritik laut. In der Leserbrief-Spalte von Bunte zum Beispiel, wo sich meist notorische Nebendarsteller und Kleinstsendermoderatoren tummeln, die auch mal in der Bunten auftauchen wollen, meldet sich diesmal kein Geringerer zu Wort als „Peter Fricke, Staatsschauspieler“, und zwar in Sachen Katzenberger. „Eine lebendige Demokratie braucht lebendige Vorbilder. Und zu denen gehören Sie sicher nicht, Frau Katzenberger“, rügt der Staatsschauspieler. „Nahrung braucht nicht nur der Körper, sondern auch der Kopf, Frau Katzenberger. Um das ,Leergut Kopf‘ zu füllen, kann man sich auch mit Schönheitsoperationen befassen. Und das reicht auch vorerst für die Präsenz bei Vox. Aber auch nur da . . .“.

Staatsschauspielerin aber, Frau Katzenberger, werden Sie so nicht! 7 Tage-Leserin Sigrid Wegener, Göttingen, hingegen schreibt: „Es ist immer wieder schön, Norbert Rier, den sympathischen Sänger der Kastelruther Spatzen, unverhofft zu treffen. Er nimmt sich jedes Mal Zeit für ein Gespräch, und natürlich darf das Erinnerungsfoto nicht fehlen.“ Seltsam: Wir selbst haben Norbert Rier noch nie getroffen, nicht mal unverhofft und schon gar nicht immer wieder. Sie werden, Frau Wegener, doch keine Stalkerin sein?

Lambert Dinziger schwärmt derweil im Goldenen Blatt von seiner Gattin, der Schauspielerin Christine Neubauer: „Es war mit ihr in über drei Jahrzehnten noch keine einzige Sekunde langweilig.“ Ach, wenn wir Fernsehzuschauer das doch auch sagen könnten! Das Echo der Frau indes präzisiert, dass Neubauer oft unterwegs sei und Dinzinger „mit ihr lieber nur einen glücklichen Abend in der Woche als sieben langweilige Tage“ verbringt. Demnach sieht Dinzinger seine Frau auch nicht häufiger als das ARD-Publikum, was seine Worte zum Thema Langeweile relativiert. Aufregend dürfte das Dasein der dänischen Kronprinzessin Mary sein, die zwei Kinder hat, nun Zwillinge erwartet und trotzdem nach Australien flog, was vom Goldenen Blatt metaphermutig kommentiert wird: „Das Drama um ihre Zwillinge erreichte nun die Spitze des Eisbergs.“ Oder gar den Boden des Fasses?

Doch kein alter Sack

Die Neue Welt wirft einen kritischen Blick auf die Politik und in den Bundestag, dessen Reihen, wie ein Foto belegt, oft leer sind: „Das Interesse scheint mehr als gering zu sein.“ Mehr als gering? Dann ist ja alles in Ordnung. Der bald achtzig Jahre alte Mario Adorf antwortet indessen auf die knappe Bunte-Frage „Ihr Leben als Sexsymbol?“ mit dem Satz: „Das ,S‘ können Sie weglassen.“ Was, fragen wir uns da, ist denn ein Exsymbol? Oder, wenn wir das zweite ,S‘ auch noch weglassen, ein Exymbol? Adorfs Arzt übrigens hat ihm gesagt: „Wenn man Sie ertrunken und ohne Papiere aus dem Wasser fischt, gehen Sie als 65-Jähriger durch.“ Ein komisches Kompliment. Muss er dazu erst ertrinken? Wir jedenfalls wären lieber 80 und lebendig als 65 und tot.

Schlagerproduzent Jack White wird am Donnerstag 70, hat eine Freundin, die 25 ist, und fischt im Gespräch mit Frau im Spiegel „aus dem Portemonnaie ein Attest. ,Von einem Herz-Kreislauf-Spezialisten. Ich habe mich im vergangenen Herbst untersuchen lassen. Mein biologisches Alter ist 41.'“ Dieses Attest also trägt er nun immer bei sich – womöglich, um junge Frauen, die er anbaggert, davon zu überzeugen, dass er doch kein alter Sack ist. Wir selbst haben uns diese Woche auch untersuchen lassen, unser biologisches Alter beträgt ungefähr 82. Das Attest heben wir auf: Es soll ja Frauen geben, die ältere Männer schätzen.

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Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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