29.01.2012 · Die FDP profitiert vom Dschungelcamp, Ailton beweist Größe in der Niederlage, Jimi Blue schreibt Wörter richtig, die es gar nicht gibt und Lothar Matthäus wird von Vox „ganzheitlich“ mit der Kamera begleitet.
Von Jörg ThomannVor wenigen Tagen, als über Australien ein verheerendes Unwetter tobte, schien es so, als träfe das RTL-Dschungelcamp der gerechte Zorn des Himmels, der eine Sintflut schickte, um dem Sodumm und Gomorrha ein Ende zu bereiten. Mittlerweile aber ist das Wetter wieder besser geworden; auch der Himmel will wohl wissen, wer Dschungelkönig wird. Ailton wird es leider nicht, obgleich er sich den Titel mit einem Interview, das er der Bild gab, redlich verdient hätte. Mit dem Satz „Ailton immer gewinne, auch wenn verlier“ bewies er Größe in der Niederlage, welche sich dem mangelnden Zuspruch seiner Fans verdankte. Die nämlich, so Ailton, „rufi nicht an“, worüber er „ei bisse trau“ sei: „War kalt Dusch!“ Ehrliche Worte, die uns jetzt schon geflügelt vorkommen.
Das Gleiche gilt für den Twitter-Kommentar von Jimi Blue Ochsenknecht über die Performance seines ungeliebten Halbbruders Rocco Stark: „Dschungelcamp, wat fuer ne blamierung für die family“, klagte er. „Damit“, berichtet Frau im Spiegel, „kassierte er jedoch selbst hämische Kommentare - für seine mangelhafte Rechtschreibung.“ Das finden wir ein wenig oberlehrerhaft; bis auf den modischen Verzicht auf Großschreibung und Umlaute ist die Rechtschreibung doch völlig okay. Sogar das schwierige Wort „Blamierung“ ist richtig geschrieben, sieht man mal davon ab, dass es das gar nicht gibt.
Ein Profiteur des Dschungelcamps ist die FDP, die mal wieder in der Zeitung auftaucht, ohne dass es um ihren Untergang geht. Sebastian Czaja nämlich ist nicht nur der Ex-Freund des Dschungel-Nackedeis Micaela Schäfer, sondern auch Vorsitzender eines FDP-Bezirksverbands in Berlin. „Hübsch anzuschauen“ sei Micaela gewesen, erzählt Czaja der Bild-Zeitung, allerdings habe er schnell festgestellt, „dass wir unterschiedliche Ziele im Leben verfolgen“. Während Micaela das Ziel hatte, eine große Karriere zu machen, ging ihr Ex-Freund also zur FDP. „Ihr Dauer-Strip ist so tragisch“, befindet er jetzt, was uns ei bisse trau macht: Sollte ein FDP-Politiker nicht liberaler sein?
Noch größer heraus kommt bald Lothar Matthäus, der bei Vox eine eigene Doku-Soap bekommt und „in allen Lebens- und Liebeslagen“ gefilmt wird, wie Bild berichtet: „Von einer ,ganzheitlichen Begleitung‘ mit der Kamera ist die Rede.“ Mit anderen Worten: Für Matthäus ändert sich nix. „Dusche und Schlafzimmer sind tabu“, teilt er mit, was beunruhigend klingt: Soll heißen, Badewanne und Toilette sind es nicht? Gehen Sie, Matthäus, da bloß noch einmal in sich!
Kalt Dusch wiederum hat Seal abbekommen, für den die Trennung von Heidi Klum aber auch ihr Gutes hat: Er wird nun nicht mehr so häufig über sich selbst lesen müssen, dass er ein „Schmusesänger“ sei. Das ist ein von der Prominentenpresse geradezu manisch benutzter Begriff und so eklig, dass sich uns alle Nackenhaare sträuben und Seal selbst sicher auch. Der Haken dabei: Seal wird bald vermutlich überhaupt nichts mehr über sich zu lesen bekommen, da er ohne Heidi für all diese Blätter komplett uninteressant ist. Aber vielleicht hält er sich ja an Ailton und gewinne, auch wenn verlier.
Weit weniger Beachtung gefunden hat die Trennung des Schauspielers Karsten Speck von seiner Frau: „Wir gehen emotional eigene Wege“, erklärte er Bild. Das aber tun ja viele Ehepaare - muss man sich da gleich trennen? Mit Johnny Depp und Vanessa Paradis droht derweil das nächste Paar auseinanderzubrechen, Johnny soll ausgezogen sein und rufi nicht mal an. Eine Scheidung steht nicht an, weil beide nie geheiratet haben - was Depp laut Bunte mal so begründete: „Wir konnten uns auf keinen Nachnamen einigen.“ Ehrlich gesagt, wir wüssten sofort, für welchen von beiden wir uns entscheiden würden. Wir finden ja auch den Spitznamen nicht so toll, den Katharina Fürstin von Wrede im Goldenen Blatt offenbart: „Wegen meiner Leidenschaft für Galloway-Rinder werde ich von manchen Freunden ,Alpha-Kuh‘ genannt.“ Da möchten wir nicht wissen, wie ihre Feinde sie nennen.
Eine bekanntere Adlige, Victoria von Schweden, war bei Andruck der Herzblätter auch diese Woche noch nicht Mutter geworden, was gleich zwei Hefte nicht daran hindert, ihren Lesern das zu suggerieren. „Mama Victoria - Traumhafte Baby-Fotos“, ruft es vom Titelbild der Neuen Welt, die dann Fotos der Prinzessin mit ihrem Patenkind zeigt sowie Victoria selbst als Baby. Die Aktuelle wiederum titelt „Es geht los! Victoria - Sie ist in der Klinik!“ - und tatsächlich: Victoria hat kürzlich eine Kinderklinik besucht, freilich nicht, um dort selbst zu gebären.
Verblüfft hat uns übrigens die Behauptung eines Sängers der Klassik-Combo Adoro: „Mir hat mal ein Mann ein Päckchen in die Hand gedrückt. Darin war ein Brief von seiner Frau - und ihre Unterwäsche“, prahlt er in Frau im Spiegel. Sollte der Postillon gewusst haben, was er da überreichte, sorgen wir uns ehrlich um seine Selbstachtung. Vielleicht aber hat der Adoro-Sänger gar nicht gemerkt, dass er verwechselt wurde - mit dem Mann vom Waschsalon.
Die Welt des Boulevards
Jörg Thomann Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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