22.01.2012 · Familienzuwachs überall: Jay-Z und Beyoncé verwöhnen ihre Tochter, und auch bei Victoria von Schweden gibt es bald Nachwuchs. Und William und Kate haben sich einen Hund gekauft.
Von Jörg ThomannStellt sich bei Ihnen auch allmählich Ermüdung ein über die stetigen Neuigkeiten in der Causa Wulff, über die geschenkten Bobbycars und Marmeladengläschen und was da noch alles gewesen sein mag, verbilligte Heizdecken, zwanzig Frei-SMS oder zwei Zirkus-Tickets zum Preis von einem? Diese Wendung nun aber darf man spektakulär nennen: „Drama im Schloss Bellevue - Christian Wulff - Entscheidung aus Liebe! Jetzt opfert er alles für seine Ehefrau“, posaunt Das Neue von seiner Titelseite. Nachdem er nämlich, lesen wir, „das Für und Wider genau abgewogen“ habe, „fällte er die Entscheidung, die nun sein ganzes Leben auf den Kopf stellt“: Der Bundespräsident tritt - nicht zurück. Und warum? „Er will seine flippige Ehefrau nicht verlieren“, die doch „so gerne Schlossherrin ist“.
Ob er sich da wirklich Sorgen machen muss? Stephanie zu Guttenberg ist ja auch immer noch mit ihrem Mann zusammen, obwohl der gar kein Amt mehr ausübt; andererseits ist er natürlich immer noch Schlossherr. Und sollte Stephanie ihn doch mal verlassen, hat er immer noch Claudia: Claudia Cieslarczyk, Frau-im-Spiegel-Chefredakteurin und treueste Guttenberg-Jüngerin der Republik. Als „unsere neuen Kennedys“ und „Lord Perfect und seine Lady“ hatte das Heft seine Idole einst gefeiert und versucht nun, die goldenen Zeiten neu einzuläuten: „Sie kommen zurück! Jetzt ist er in Deutschland gefragt wie nie“, frohlockt das Cover des obersten Gutti-Fanzines.
„Gefragt wie nie“ ist derzeit freilich auch Wulff, der prompt mit seinen Antworten kaum hinterherkommt. Und in ihrem trotzigen Bemühen, ihren Helden wieder hochzuschreiben, erinnert die Frau-im-Spiegel-Chefin an das Teenie-Mädel, das nicht wahrhaben will, dass Justin Bieber eine Freundin hat. „Das politische Parkett“, schreibt Cieslarczyk, sei für zu Guttenberg „wieder zum Greifen nah“, was zumindest insofern stimmt, als jemand, der stürzt, leicht auf dem Parkett landet. Und auch die arme Stephanie müsste als Rückkehrerin „für ihre Charity-Arbeit nicht immer über New York einfliegen“, so die mitfühlende Chefredakteurin. Ihr Pech, dass zu Guttenberg im selben Moment ankündigt, seiner vorerst gescheiterten Buße eine zweite folgen zu lassen. Vermutlich deshalb, weil ihm die Anbiederei der Frau im Spiegel inzwischen selbst peinlich ist.
Gefreut aber haben wir uns für Guido Westerwelle, den wir als entmachteten Kapitän der sinkenden FDP-Fregatte längst von Mann und Maus verlassen wähnten, der nun aber zu seiner Geburtstagsfeier, wie wir Bild entnehmen, „rund 850 Freunde und Top-VIPs“ begrüßen durfte, keine Facebook-Freunde, sondern angeblich echte.
Respekt auch für die vermeintlich doofe Paris Hilton, die in den vergangenen Jahren - sofern sie sich nicht, was bei ihr natürlich immer sein kann, verrechnet hat - 1,3 Milliarden Dollar verdient hat, wie Bunte weiß, mit Parfüms, Nachtclubs und Rennställen. Sollte sie einmal Kinder bekommen, so dürften diese in ähnlichen Verhältnissen aufwachsen wie das Töchterchen des Musikerpaars Jay-Z und Beyoncé. Die kleine Blue Ivy, die wohl besser Golden oder Silver Ivy hieße, darf sich laut Frau im Spiegel freuen über einen Schnuller mit 278 Diamanten (13,000 Euro), eine Silbertasse von Tiffany (390 Euro) und ein Schaukelpferd aus Gold (470.000 Euro). Die auf den ersten Blick recht kostspieligen Anschaffungen rentieren sich letztlich doch, weil noch so kräftige Kinderhändchen und -zähne diese Sachen kaum kaputtkriegen werden.
Nachwuchs erwartet ja auch Victoria von Schweden. So eine echte, neunmonatige Schwangerschaft ist eine harte Durststrecke für die Herzblätter, zu deren Kerngeschäft es zählt, wechselnden Prinzessinnen jede Woche „süße Geheimnisse“ anzudichten. Ist die Sache nicht erfunden und nicht mehr geheim, so wie jetzt bei Victoria, bleibt nur die Option, den Leserinnen eine schon erfolgte Geburt vorzugaukeln. Echo der Frau hat sich dafür die minimalistische Schlagzeile ausgedacht: „Victoria - Das Baby!“ Der clevere Verzicht auf den Zusatz „ist da“ schützt das Blatt vorm Vorwurf der Falschaussage. Noch kinderlos sind William und Kate, sie haben sich aber einen Hund gekauft. Einzig Die Aktuelle traut sich, daraus die Schlagzeile zu machen: „Süßer Familienzuwachs!“
Doch auch Trauriges hat das Aktuelle-Cover zu vermelden: „Große Sorge in Monaco! Fürstin Charlene - Sie spricht nicht mehr!“ Eine nicht unwichtige Ergänzung findet sich im Heftinneren: „Zumindest nicht in der Sprache ihrer neuen Heimat.“ Während die Südafrikanerin Charlene also mit dem Französischen fremdelt, hat das Casting-Sternchen Annemarie Eilfeld die Liebe zum Deutschen entdeckt: „Ich bin ein großer Fan der deutschen Musik, mir macht das Spaß. Ich bin damit happy und fühle mich in der Sprache angekommen.“ Es ist erfreulich, dass die Sängerin aus Sachsen-Anhalt mit ihren 21 Jahren endlich in der deutschen Sprache angekommen und dort so richtig „happy“ ist. Da wollen wir, die wir uns schon länger im Deutschen heimisch fühlen, ihr ein herzliches „Welcome“ zurufen.
Die Welt des Boulevards
Jörg Thomann Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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