08.02.2009 · Jahrelang war Brad Pitt ein begehrtes Sexsymbol, doch auf einmal wirkt er nicht mehr anziehend. Das nehmen wir zum Anlass, einmal darüber nachzudenken, wie sehr wir alle uns vom äußeren Schein, von der bloßen Hülle eines Menschen lenken lassen.
Von Peter LückemeierWir wollen heute einmal darüber nachdenken, wie sehr wir alle uns vom äußeren Schein, von der bloßen Hülle eines Menschen lenken lassen. Wie schnell wir einen anderen ablehnen, nur weil er hinkt oder Sachen von C&A trägt oder Hasenzähne hat. In dem wunderbaren Film „Burn After Reading“ spielt ja auch Brad Pitt diesen superbekloppten Fitnesstrainer und trägt Prekariatskleidung, und davon hat sich, wie er im stern erzählt, sogar seine große Liebe Angelina irritieren lassen: „Ich trug die Fitnesstrainer-Klamotten und hatte diesen bescheuerten Haarschnitt, und sie sagte: ,Ich muss dir ganz ehrlich sagen, Brad, zum allerersten Mal fühle ich mich sexuell nicht von dir angezogen.'“
Andererseits kann das Aussehen, zumal das asiatische, auch manchen Vorteil mit sich bringen. Der niedersächsische Wirtschaftsminister Philipp Rösler etwa, der in Vietnam geboren und in Deutschland adoptiert wurde, sagt auf die stern-Frage: „Wurden Sie in der Jugend blöd angemacht wegen Ihres Aussehens?“ ganz cool: „Nee, bei Asiaten denken immer alle, man kann Karate.“
Ein heißer Feger
Ja, der Schein kann aber auch in anderer Hinsicht in die Irre führen: Wer in Volksmusiksendungen Margot Hellwig (94) in ihren Quetsch-Dirndln erlebt, wie sie uns so innig beglückt mit wunderschönen Liedern über das Edelweiß vom Wendelstein, der ahnt zum Beispiel nicht, dass sie früher ein ganz heißer Feger war: „Mit 16 verliebte ich mich in meinen Lehrer“, verrät die sympathische Damenbartträgerin in Neue Welt: „Er beeindruckte mich auf den ersten Blick unglaublich. Ihm ging es genauso.“
Und was man auch nicht vermutet: Margot Hellwig (94) hat sich, bums, eine sehr plastische Erzählweise angeeignet, etwa wenn sie vom Tode ihres Stiefvaters berichtet, der mitten in den Aufnahmen von „Stille Nacht“ verstarb: „Herzinfarkt. Bums, tot. Mein Stiefvater trank aber auch jeden Tag eine Flasche Whisky, rauchte 80 Zigaretten.“ Falls Sie auch noch wissen wollen, was Margot Hellwig (94) von ihrer Mutti Maria Hellwig (118) gelernt hat, so ist es die Lebensfreude: „Mich zum Beispiel zu freuen, wie hübsch der Tau auf unseren Rosen funkelt.“
Moderne Erziehungsmethoden
Ja, das können wir gut nachvollziehen. Wir freuen uns derzeit sehr am Anblick unserer Sie wissen schon, neu und total süß, heißt Nadia, kommt irgendwo aus Tunesien oder Marokko, aber so goldig mit ihren schwarzen Augen und diesem Lächeln. Sie hat eine ganz süße, kurze Oberlippe und die weißesten Zähne, von der Figur wollen wir gar nicht reden, ach gerade kommt sie ins Büro, serviert einen Ananas-Cocktail und legt uns die Bunte hin, in der ein Artikel über die Methoden steht, mit denen der JU-Vorsitzende Philipp Missfelder erzogen wurde. Als Junge hatte er keine Lust zu lesen. Als er aber eine Levi's-Jeans haben wollte, sagte seine Mutter: „Okay, du kriegst sie. Aber vorher liest du diese Biographie von Levi Strauss.“ Was er dann auch tat. Bums, in einer Nacht war das Buch durchgelesen.
Im Übrigen hat die Finanzkrise, bums, jetzt auch den norwegischen Hof und Ralf Schumacher erreicht. In Oslo wollen Prinz Haakon und seine Mette-Marit den Palast streichen lassen, aber die 1,4 Millionen Euro vom Hilfsfonds für die norwegische Wirtschaft gesponsert bekommen. Bei Ralf und Cora scheint nach der knallharten Recherche von Neue Welt Schmalhans Küchenmeister geworden zu sein: „Er verkauft die Villa, seine Luxusjacht, und sie schließt ihre Modeboutique.“ Also, unser Mitleid hält sich in Grenzen. Der Mann hat Millionen verdient, nur weil er schnell Auto fahren kann, aber das können wir auch, nur gibt uns niemand etwas dafür. Aber wollen wir klagen? Tun wir nicht. Wir sind nämlich noch längst nicht so fertig mit der Welt wie der Schlagersänger Nino de Angelo, der nach dem Scheitern seiner nur neun Monate währenden Ehe in Neue Welt stöhnt: „Ich lasse keine Frau mehr an mich ran.“
Da verließ sie uns
Woran wir ja immer Freude haben, das ist die Bild-Zeitung. Erst schrieb sie dauernd über den wachsenden Lotto-Jackpot und verloste stündlich superteure Systemscheine an die Leser. Nachdem aber keiner mit dem Bild-Tippschein Multimillionär wurde, tröstet das Knallblatt jetzt die zu kurz Gekommenen mit einer Serie über Lotto-Tragödien, zuletzt: „Nach dem Millionengewinn wurden wir erpresst. Danach vergifteten sie unseren Hund und unser Pony.“ Noch gekonnter freilich fanden wir das Foto einer alten Dame und die Überschrift, nach deren Lektüre man wirklich richtige Aggressionen gegen Terroristen bekommt: „Terroristen entführen diese deutsche Omi (77)“.
Im Übrigen haben wir uns von Philipp Missfelders Mutter etwas abgeschaut. Als Nadia gerade ganz süß den Wunsch nach einer Original Wagner Steinofen Pizza Salami äußerte, sagten wir, bums, streng wie die Missfelder-Mutti: „Gern. Doch höre, Nadia. Die Original Wagner Steinofen Pizza Salami bekommst du erst, wenn du den kompletten Original Ring von Wagner gehört hast.“ Da verließ sie uns. Doofe Mutti Missfelder!
Die Welt des Boulevards
Peter Lückemeier Jahrgang 1950, Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
Jüngste Beiträge