04.02.2012 · Geht Angela Merkel heimlich in die Disko, um dort stundenlang abzuhotten? Zumindest weckt „Die Aktuelle“ solche Assoziationen. Anders Karl Lagerfeld: Er wahre auch in privatesten Situationen stets Haltung, heißt es - selbst vor seiner Katze.
Von Jörg ThomannWenn wir denn den Herzblättern für etwas dankbar sind, dann dafür, wie sie unsere Phantasie anregen. Zum Beispiel Die Aktuelle mit ihrer Titelstory „Angela Merkel - Heimlich in der Disco!“ Sofort hatten wir da vor Augen, wie unsere Kanzlerin - Euro-Krise hin, Wulff-Theater her - einfach ausbüxt und, befreit von Bodyguards und Referentinnen, abhottet, als gäbe es kein Morgen mehr. Man darf nur nicht den Fehler machen, das Heft aufzuschlagen und den Text zur Schlagzeile zu lesen, in dem eine Merkel-Mitschülerin enthüllt, dass auch die junge Angela mal in einem Club war, das aber übrigens gar nicht heimlich.
Merkels ohnehin erstaunliche Sympathiewerte hätte die Disco-Story sicher noch verbessert. Die SPD will ja schon gar keinen Wahlkampf mehr gegen Merkel selbst machen; vielleicht versucht sie dem Wähler zu suggerieren, der Kanzler hieße Wulff. Dabei ist die Partei längst dabei, Merkel auf einem Feld zu besiegen, wo diese nicht mithalten kann: Sowohl Sigmar Gabriel als auch Hubertus Heil werden, wie Bild weiß, bald Vater. Das klingt nach hübschen Bunte-Homestorys, nach echter Glaubwürdigkeit in wichtigen Streitfragen (Krippenplätze!) und ein wenig nach Carla Bruni und Sarkozy. Wobei der trotz Nachwuchs in den Umfragen noch immer hinten liegt.
Ganz vorn im Dschungelcamp lag die Kampfdänin Brigitte Nielsen, 48, was ihr vom Bild-Kolumnisten Franz Josef Wagner ein - nun ja - Lob einbringt: Sie sehe aus „wie eine ehemalige 1a-Stripperin, die jetzt in der Garderobe arbeitet, so lala“, sie habe „eine fleischige Nase und herunterhängende Lippen. Nichts erinnerte daran, dass Sie einmal eine Sexbombe waren“, schreibt Wagner, der freilich selbst schon im Normalzustand aussieht, als hätte er drei Monate Dschungel hinter sich. Alles aber ist, wie gesagt, als Kompliment gedacht: „Sie ist eine Frau, die heute keine Titten mehr braucht.“ Obwohl sie natürlich noch welche hat. Nielsen selbst erklärt in Bunte: „Ich möchte unbedingt noch ein Baby. Im Camp ist mir klar geworden, dass ich den Rest meines Lebens mit meinem Mann verbringen will.“ Klar, wenn man die Tage mit Kakerlaken und komischen Rabenflüsterern verbringt, erscheint plötzlich der eigene Ehemann wahnsinnig attraktiv.
Quasi auch schon Bild-Kolumnist ist Thomas Gottschalk, dessen ARD-Show trotz vieler Bild-Hinweise keiner sehen mag. Also schreibt er nun selbst und hofft, quotenmäßig bald „Bergbahn“ zu fahren, nachdem es zuletzt „U-Bahn“ war. Es kann natürlich noch weiter bergab gehen, da fährt dann nur noch der Teufel seine Kohlenwagen durch die Quotenhölle. Wenigstens über Bild findet Gottschalk aber doch sein Publikum, dem er täglich erzählen kann, was es in seiner Show alles verpasst hat. Etwa jüngst das Bekenntnis Karl Lagerfelds, auch in privatesten Situationen stets Haltung zu bewahren: „Selbst vor meiner Katze lass’ ich mich nicht gehen.“
Wir haben das beherzigt und laufen vor unseren Guppys auch nicht mehr in Jogginghose herum. Apropos: Unser Gala-Horoskop empfiehlt als Wellness-Einheit „das bewusste Barfußlaufen daheim mit kuschelig dicken Socken“. Frage: Wie läuft man mit kuschelig dicken Socken barfuß? Und gleich zwei Fragen an Frank Zander, der jetzt, Glückwunsch!, siebzig wurde: Wo bekommt man denn diese „Model-Eisenbahn“, mit der Sie laut Goldenem Blatt gerne spielen, und wie viele Models passen da hinein?
Auch einem Model hat Bunte die Frage gestellt, wem es einen Oscar geben würde. Ihrem Mann, sagt Franziska Knuppe, weil er es schon lang mit ihr aushalte: „Und anders als bei Seal bin ich mir bei ihm sicher, dass er mich nicht verlassen wird.“ War denn die Knuppe mal mit Seal zusammen? Wir dachten, das war die Klum. Schauspielerin Katja Flint wiederum meint: „Ich würde meinen besten Freunden einen Oscar verleihen, denn Freunde sind sooo viel wichtiger als Filmpreise!“ Wenn aber, Frau Flint, die Freunde tatsächlich sooo wichtig sind, warum geben Sie Ihnen dann so einen blöden Oscar?
Ein Drehbuch-Oscar aber geht an Das Goldene Blatt für folgende Szene: „Es war für Kate (30) der vielleicht schönste Morgen seit ihrer Traumhochzeit im April! Denn die Herzogin wachte mit einem Gefühl der Glückseligkeit auf. Voller Freude berichtete sie beim Frühstück William (29) von einer wundervollen Begebenheit: ‚Schatz, ich machte diese Nacht eine zauberhafte Erfahrung. Mir ist deine Mutter Prinzessin Diana († 36, 1997) im Traum erschienen!“ Bald werde ein Baby kommen, habe Diana gesagt: „Alles wird gut.“ Sollte Kate Diana mit Nina Ruge verwechselt haben? Doch weiter: „William konnte sein Glück kaum fassen. Er nahm seine Kate in den Arm und strahlte sie an: ‚Genauso wird es kommen! Meine Mutter wacht im Himmel über dich. Wie traurig, dass sie ihre schöne Schwiegertochter nie kennenlernen konnte...‘“ Wer das dem Goldenen Blatt gesteckt hat? William oder Kate kaum, käme also nur Diana in Frage.
Wie ein Traum von Kate liest sich, was Susanne Kellermann, 35, und Fritz Wepper, 70, dazu bewog, ein Kind zu zeugen. Es geschah, so Kellermann in Bunte, auf Mallorca: „Ein kleiner Junge kam zu uns, setzte sich neben mich und fragte: ‚Willst du meine Mami sein?‘ Fritz gab er einen Kuss und sagte: ‚Ich liebe dich.‘ Dann ging er wieder. Er kam uns vor wie ein Engel, der uns eine Botschaft bringen wollte.“ Prompt bekamen beide „Tränen in den Augen, befeuchtete Seelenfenster, wie wir das immer ausdrücken“. Kommt uns recht spanisch vor, die Geschichte. Kann es sein, dass der kleine Engel sich vielmehr Weppers Brieftasche holen wollte?
Die Welt des Boulevards
Jörg Thomann Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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