Im Alter von 84 Jahren ist am Dienstag René Leudesdorff in Flensburg gestorben. Leudesdorff war 1950 einer der beiden Studenten, die mit einer spektakulären Aktion schlagartig bekannt wurden: der friedlichen Besetzung Helgolands. Helgoland war im April 1945 von 1000 britischen Flugzeugen unbewohnbar gemacht worden. Innerhalb von eineinhalb Stunden fielen etwa 7000 Bomben auf Deutschlands einzige Hochseeinsel. Nach dem Zweiten Weltkrieg nutzten die Engländer die Insel weiter als Übungsplatz für Bombenabwürfe. Angeblich haben sie die Insel sogar vernichten wollen.
Am 20. Dezember 1950 landeten René Leudesdorff und Georg von Hatzfeld auf Helgoland und hissten drei Fahnen – die der Europäischen Bewegung sowie die Deutschland- und die Helgolandfahne. Die publizistische Wirkung der kleinen Seereise ausgerechnet in der nachrichtenarmen Weihnachtszeit war ungeheuer. Von da an dauerte es nur noch ein gutes Jahr, bis die Engländer die Insel an Deutschland zurückgaben. Die beiden Studenten bekamen später für ihre Tat das Bundesverdienstkreuz, Ehrenbürger von Helgoland wurden sie auch. Hatzfeld wurde Politiker und Verleger, 2000 starb er.
Leudesdorff wurde Pfarrer und Journalist. Er war zwölf Jahre lang Geschäftsführer des Diakonischen Werkes in Hessen und Nassau und anschließend zehn Jahre lang Pfarrer im nordfriesischen Dagebüll. Von 1990 bis 1995 kümmerte er sich in Bensheim um die Christoffel-Blindenmission. Fünf Jahre lang widmete er sich bis 2003 der romanischen Klosteranlage in Jerichow in Sachsen-Anhalt.
Auch die Initiative der Evangelischen Zehntgemeinschaft geht auf ihn zurück: Jährlich opfern einige Pfarrer im Ruhestand ein Zehntel ihrer Zeit der Vertretung von Kollegen in Brandenburg und Sachsen-Anhalt. Ein halbes Jahrhundert lang begleitete Leudesdorff zudem publizistisch den Deutschen Evangelischen Kirchentag. Als Sohn der Bauhaus-Künstlerin Lore Ribbentrop-Leudesdorff war er viele Jahre lang Mitglied im Vorstand des Bauhaus-Archivs Berlin.
Freilich darf nicht verschwiegen werden, dass es einen Streit um die Urheberschaft der Helgoland-Aktion gab. Hubertus Prinz zu Löwenstein-Wertheim-Freudenberg, ein Journalist, Schriftsteller, Dozent und Politiker, hatte sich schon lange vor dem Dezember 1950 für die Rückgabe Helgolands eingesetzt und in Aufrufen auf das Schicksal der Insel aufmerksam gemacht. Neun Tage nach den beiden Studenten landete auch er auf der Insel – und mit ihm Journalisten.
Leudesdorff und Löwenstein kannten sich nicht, aber Hatzfeld war eine kurze Zeit lang Assistent bei Löwenstein gewesen. Mag sein, fünf Jahre nach Kriegsende interessierte das Thema Helgoland eben nicht mehr nur die Helgoländer selbst, sondern die ganze Bundesrepublik, lag die Sache also in der Luft. Allerdings hatten weder Leudesdorff noch Hatzfeld Helgoland zuvor gesehen oder irgendeine Bindung dorthin. Wie auch immer: In der St. Laurentiuskirche in Dagebüll-Fahretoft ist am 15. Juni Gelegenheit, von Leudesdorff an seiner alten Wirkungsstätte in einem Gottesdienst Abschied zu nehmen.
Vielleicht benennt die Bundesmarine ...
K. Peter Luecke (microplan2002)
- 07.06.2012, 15:12 Uhr