Home
http://www.faz.net/-gun-7327z
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Helene Fischer Die Frische der Tannennadel

 ·  Vom Schlagerküken zur Entertainerin im Hochglanzformat: Helene Fischer ist sehr erfolgreich. Ihr Image: Makellos - und trotzdem normal. Gibt es bei dieser Frau keine Abgründe? Eine Begegnung im Zug.

Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (6)
© Mutter, Anna Helene Fischer

Ein Blick in das von Helene Fischer herausgegebene Hochglanzmagazin „Paradies“ genügt, um zu wissen, wie die Schlagersängerin sich selbst gerne sieht und wie sie von anderen gerne gesehen werden möchte: als eine Frau, die in viele Rollen schlüpfen kann, aber doch immer die eine bleibt - patent statt prätentiös, lebenslustig statt lebensgierig, eher hübsch als schön. Die Bilder des Magazins - Helene beim Mountainbikefahren, Helene beim „Büffeln“ von Englisch-Vokabeln, Helene „zum ersten Mal“ in New York - sind offensichtlich aufwendig produziert. Am Geld fehlt es der Sängerin, die mit ihren 28 Jahren bereits auf mehr als 50 Gold- und Platinauszeichnungen kommt und zudem vier „Echos“ und die „Goldene Kamera“ gewonnen hat, ja auch nicht.

Und selbst wenn sich bei Fischer auf den Fotos trotz aller Aktivität nie auch nur die kleinste Spur von Schweiß oder Schmutz zeigt, so lautet die wichtigste Botschaft doch: Ich bin eine von euch. Der lange Weg zu unserem Interview und der noch längere zu dem dazugehörigen Foto - „Drucken Sie doch unsere schönen Bilder aus dem ,Paradies’“ - schien dazu allerdings nicht recht zu passen.

Zunächst übertrafen sich gleich zwei Agenturen, die sich um Fischers Vermarktung bemühen, darin, hervorzuheben, wie beschäftigt und begehrt ihr Goldschatz sei; später konnten sie gar nicht genug bekräftigen, wie glücklich man nun doch sein müsse, dass es trotz des Drehs fürs „Traumschiff“ und vieler anderer Verpflichtungen mit einem Helene-Termin geklappt hat, und dann auch noch im ganz intimen Rahmen, auf einer Zugfahrt vom Frankfurter Flughafen nach Köln, wo Frau Fischer sogar noch einen Auftritt bei der „Schlagernacht“ von WDR 4 in der Kölner Lanxess-Arena haben würde, bei dem man selbstverständlich auch mit dabei sein dürfe.

Die Überraschung ist daher nicht gerade klein, als sich herausstellt: Helene Fischer ist - oder wirkt zumindest - ziemlich genau so, wie sie vorgibt zu sein. Nicht zickig zum Beispiel. Gescheit, professionell, humorvoll. Das merkt man, wenn man komische Fragen stellt und doch ganz vernünftige Antworten bekommt.

Sie sehen sehr gut aus, sind aber relativ klein. Wären Sie gern größer?

„Keine Frau findet sich perfekt. Bei mir ist es die Größe. Aber ich trage dann eben hohe Schuhe, damit ich nicht ganz untergehe, das geht also. Aber wenn ich mir etwas wünschen könnte, dann würde ich schon sagen: Ein paar Zentimeter mehr wären schön.“

(Eine andere komische Frage, wieder mit vernünftiger Antwort:) Trinken Sie Alkohol? Man hört über die Schlagerbranche ja so einiges . . .

„Ja, natürlich, ab und zu jedenfalls, ein Glas Wein zum Essen oder einen Cocktail, wenn ich mal mit Freundinnen unterwegs bin. Das, was wir machen, ist letztlich auch ein Job, und wenn man dann die Bühne verlässt, dann ist man ein privater Mensch und kann machen, was man will. Wenn jemand, der noch sehr jung ist, mal morgens um fünf aus der Bar fällt, das finde ich gar nicht so schlimm, das gehört ja irgendwie auch dazu. Bei uns und selbst im Popbereich gibt es aber auch viele ganz Bodenständige, von denen man vielleicht denkt, die müssten doch das Hotelzimmer auseinandernehmen, die aber tatsächlich keinen Tropfen Alkohol anrühren. Dieses Klischeedenken, das In-Schubladen-Stecken, das ist manchmal ein bisschen mühsam.“

Neben uns im Zugabteil sitzt Fischers Manager Uwe Kanthak, der sie, die im Alter von drei Jahren mit ihren russlanddeutschen Eltern aus dem sibirischen Krasnojarsk nach Deutschland gekommen war, einst entdeckt hat. Ihre Mutter, eine Ingenieurin, die sich heute um die Finanzen der Tochter kümmert, schickte Kanthak eine Demo-CD; Kanthak leitete sie weiter an den Produzenten Jean Frankfurter, der Fischer ihren ersten Plattenvertrag gab.

„Ich glaube, der Erfolg, den Helene hat, der passiert alle zehn, zwanzig Jahre mal“, sagt Kanthak, der auch schon Rex Gildo und Michelle gemanagt hat. „So etwas ist aber nicht kalkulierbar. Wenn ein junger Fußballspieler Talent hat, dann wird er sich in der Regel durchsetzen. In unserer Branche hingegen nützt das ganze Talent nichts, wenn dich das Publikum nicht annimmt.“

Was das Publikum im Fall der Helene Fischer so gerne annimmt, ist natürlich ein höchst künstliches Produkt, so ist das eben im Schlagergeschäft, ein Produkt, das zu kontrollieren Künstlerin wie Management sich große Mühe geben. Fischers ganz besondere, eigene Qualität ist dann, bei aller Sexiness, diese Tannennadelfrische, eine gewisse Makellosigkeit, ja Unberührtheit, die es dennoch schafft, so zu wirken, dass sie bei anderen Frauen Bewunderung statt Missgunst hervorruft und Männer nicht ängstigt, sondern anspornt.

Frau Fischer, nach Ihrem Realschulabschluss sind Sie mit 16 Jahren an die „Stage & Musical School“ in Frankfurt gegangen, wo sie schließlich die Bühnenreifeprüfung als staatlich anerkannte Musicaldarstellerin ablegten. Die Alte Oper in Frankfurt werden Sie also kennen. Auf deren Dachfries steht: „Dem Wahren Schoenen Guten“. Worauf könnten Sie am ehesten verzichten?

„Wahr und gut, darauf kann man auf gar keinen Fall verzichten. Schön ist Auslegungssache.“

Was ist für Sie Heimat?

„Heimat ist ein interessanter Begriff, weil er für jeden etwas anderes bedeutet. Obwohl ich in Rheinland-Pfalz aufgewachsen bin, kann ich nicht sagen: Das ist meine Heimat. Wenn mich morgen jemand fragt, aus den und den Gründen, zieh mit mir da- oder dorthin, dann würde ich mitgehen. Ein starkes Heimatgefühl hatte ich noch nie. Meiner Familie, Eltern und große Schwester, die in meiner Nähe leben, geht es ähnlich. Wir haben hier zwar Freunde, auch Verwandtschaft lebt hier, aber ich bin nicht so verwurzelt, nicht so angekommen, dass ich sage: Da möchte ich bleiben. Auch wenn es so oft gesagt wird - für mich ist Heimat dort, wo meine Familie und wo Florian ist, egal wo.“

Keine Heimat also, jedenfalls nicht so, wie sie in der Branche üblicherweise besungen wird. Dafür: Florian. Gemeint ist natürlich der Volksmusik-Moderator Florian Silbereisen, mit dem sie 2005 beim „Hochzeitsfest der Volksmusik“ ein Duett gesungen hat und der inzwischen ein großflächiges Tattoo von Helene Fischer auf seiner Schulter trägt. So viel Offensichtlichkeit ist untypisch für die Beziehung der beiden, die inzwischen schon gut vier Jahre dauert, über die Fischer aber nicht viel sagen will. Nicht einmal in ihren Liedern.

Warum?

„Mein Ansatz war nie, eine musikalische Autobiographie rauszubringen, weil ich eigentlich gar nicht so viel von mir preisgeben will. Vielleicht liegt das auch an meiner Branche, weil wir sowieso sehr nah an den Fans sind. Jedenfalls erzähle ich lieber Geschichten, in denen nicht unbedingt ich wiederzuerkennen bin, sondern in denen sich die Leute wiedererkennen.“

Die Bühne als Projektionsraum. Dort oben macht Helene Fischer alles Mögliche. Sie moderiert, tanzt, verrenkt ihren Körper. Dazu kommen Akrobaten und Zauberer, etwa in der „Helene-Fischer-Show“, Weihnachten vergangenes Jahr, mit der sie ganz erfolgreich versucht hat, sich in eine Entertainer-Tradition einzureihen, für die Caterina Valente oder Peter Alexander stehen. Selbstgeschriebene Lieder hat Fischer bisher nicht dargeboten. Am mangelnden Ehrgeiz kann es nicht liegen. Eher am fehlenden Stoff. Noch nie ist sie von einem Mann verlassen worden, noch nie hat sie sich dem Ort trockener Kälte ausgesetzt, an dem sie einst geboren wurde.

Würden Sie das, was Sie machen, dennoch als Kunst bezeichnen?

„Ich glaube nicht, dass das hohe Kunst ist, was wir da treiben. Das ist Unterhaltung - und das soll es auch sein.“

Fischers Tournee, die sie bis nach Dänemark und in die Schweiz führt, hat am Dienstag in der Freiheitshalle in Hof begonnen. Die Sängerin füllt inzwischen aber auch die Olympiahalle in München oder die O2-Arena in Berlin. Bald könnten gr0ße Stadienkonzerte dazukommen. Und immer wieder hört man aus dem Umfeld von Fischer, die schon als Kind Céline Dion nachgeeifert hat, das Wort Amerika. 

Wollen Sie künftig mehr auf Englisch singen?

„Ich würde nie dem, was ich erreicht habe, den Rücken zukehren. Dafür bin ich viel zu dankbar für alles, was ich bisher erleben durfte. Außerdem ist es auch gar nicht so einfach, den internationalen Markt zu erobern. Andererseits kann ich aber auch nicht sagen: Nein, das reizt mich gar nicht.“

Wir sind an der Lanxess-Arena angekommen. Im Auto zur Halle haben die Sängerin und ihr Manager über Castingshows gesprochen. Darüber, dass sie totgesendet werden. Fischer soll das nicht passieren. Eine Einladung in den „Fernsehgarten“ hat sie deshalb abgesagt, auch wenn die meisten Schlagersänger heute um jede Minute Medienpräsenz froh sein müssen. Nun also Köln: schmuckloser Hintereingang, zu dem die meisten sogenannten Interpreten, dem Typ nach in der Regel eher Nachtclubbesitzer als Verwaltungswirt, ganz gut passen. Jürgen Drews kommt, Karel Gott, Rosanna Rocci. Man spürt mehr, als dass man es sieht: Helene Fischer gehört da nicht so richtig dazu, nicht mehr zumindest.

Warum?

„Vielleicht liegt es auch daran, dass ich mittlerweile einen Bekanntheitsgrad erreicht hab, bei dem es gar nicht mehr so unanstrengend ist, zum Beispiel in ein Catering zu gehen. Früher hat das bei mir kaum jemanden interessiert, mittlerweile kommen aber viele an, um nach einem Autogramm zu fragen. Mich stört das sonst nicht, aber vor dem Auftritt ziehe ich mich doch lieber in meine Garderobe zurück.“

Drews tritt auf. Mag sein, dass er der König von Mallorca ist oder zumindest der Prinz von Arenal oder der Hofnarr des Bierkönigs. Die Königin in der Lanxess-Arena ist an diesem Spätnachmittag jedenfalls Helene Fischer. Sie ist nach ihm dran. Der etwa halbstündige Auftritt läuft wie geschmiert - Ich will immer wieder. . . dieses Fieber spür’n -, nur die Windmaschine wird zur falschen Zeit angeschaltet - Immer wieder mich an dich verlier’n -, Helene trägt keinen Hermelinmantel wie Drews, sondern schwarze Hose, weiße Bluse - Ich will immer wieder neue Sterne seh’n -, hinter der Bühne sagt einer, das ist gesanglich mit Abstand das Beste, was heute geboten wurde -, Immer wieder mit dir tanzen geh’n -, sogar die Begleiterin von Rosanna Rocci kann jedes Lied auswendig - Wenn die Nacht beginnt, dann brauch’ ich dich -, Helene verabschiedet sich wie eine Theaterschauspielerin mit einer tiefen Verbeugung -, Nimm dir Zeit für mich -, eine Zugabe noch, dann Abgang.

Wir fahren zurück. Als wir in den Zug einsteigen, hält Fischer noch einen Blumenstrauß in der Hand, den sie von einem Fan geschenkt bekommen hat, die Bühnenschminke hat sie noch nicht abgewaschen. In drei Stunden wird sie zu Hause sein, irgendwo in Hessen, ohne Florian, der in Niederbayern wohnt.

Sie wird heute Nacht also nicht dieses Fieber spürn, sich an niemanden verliern, sich nicht betrinken, sondern sich in ihrer Wohnung ins Bett legen und vielleicht noch das Buch auf ihrem Nachtkästchen zur Hand nehmen, von dem sie nur noch den Titel weiß, „Die weißen Lichter von Paris“, nicht aber den Autor, weil sie den Einband abgemacht hat und auf dem bloßen Buch der Name des Autors gar nicht steht.

Das Buch liest sie schon sehr lange, weil es so dick ist, ein historischer Roman. Meistens liest sie Romane, auch Krimis, erst letztens einen Bestseller, Moment, wie heißt er, „Karfreitag“, sehr lustig, nicht düster. Das ist gut, denn sie will vor dem Einschlafen in eine andere Welt eintauchen und sich nicht noch aufwühlen lassen. Wir gehen ins Bordbistro, Fischer bestellt Erbsensuppe und Bionade. Außer uns im Bistro: Mehrere Schalke-Fans, nicht mehr ganz nüchtern. Auch sie sind Sänger:

“Schalke ist so supergeil, olé, Schalke ist so supergeil, olé.“ Zwei von ihnen kommen langsam näher, gucken immer wieder auf Helene Fischer. „Michelle?“, sagt einer zum anderen, als sie bereits am Nebentisch sitzen. Der andere erwidert: „Kylie Minogue?“ Schließlich fragt einer Fischer nach Zigaretten. Sie fragt zurück: „Darf man denn hier überhaupt rauchen?“ Und dann, zu Manager Kanthak gewandt, lachend: „Wenn der raucht, dann bekommt er aber Ärger mit mir, du!“

Der Schalke-Fan sagt schließlich, auf das „Paradies“-Heft auf unserem Tisch blickend: „Sind Sie eigentlich ein Promi oder so?“ Fischer lächelt wieder und zuckt mit den Schultern. Nach knapp einer Stunde Fahrt sind wir wieder am Frankfurter Flughafen. Wir steigen aus. Kurz bevor der Zug nach irgendwo weiterfährt, kommt der Schalke-Fan, der danach immerzu an das Wort „Paradies“ denken wird, an die gerade noch offene Tür gerannt und schreit: „Mein Gott, ich bin so blöd, jetzt weiß ich, wer Sie sind! Helene Fischer! Ich find Sie echt gut!“

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1979, Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Jüngste Beiträge