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Helen Hunt Eine Frau wie ein Leuchten

 ·  Gerade ist Helen Hunt mit „The Sessions“ im Kino, und für einen Oscar ist sie auch nominiert. Es wäre ihr zweiter. In der F.A.S. spricht sie über Nacktheit im Film, ihren Karrierebeginn und das Glück der späten Mutterschaft.

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© interTOPICS „Es ist mein Körper, es ist der Körper von jemandem, der Kinder bekommen hat“: Hunt ist eine Frau, die sich wohlfühlt in ihrer Haut

So was passiert auch nur in L.A. Da bestellt Schauspielerin Helen Hunt einen Hamburger mit Pommes, und der Kellner in dem Restaurant in Pacific Palisades, in dem wir uns zum Mittagessen getroffen haben, serviert den Burger ohne das Brötchen - weil er annimmt, dass die schmale Oscar-Gewinnerin demselben rigiden kalorienarmen, kohlenhydrat- und glutenfreien Essensregime folgt wie die überwältigende Mehrheit ihrer kalifornischen Mitbürger. Mit gespielter Enttäuschung blickt Hunt auf ihren Teller, wo reichlich Salat und Avocado das Brötchen ersetzen sollen: „Kriege ich ein Brötchen? Ich will wirklich ein Brötchen - und die Pommes frites. Ja, bitte“, sagt sie zum Kellner, um sich dann zu mir umzudrehen, die Augenbrauen angehoben, die hübschen blauen Augen schmal, und zu lachen. „Die haben vermutlich gesehen, wie ich reinkam, dachten, oh, eine Schauspielerin, und warfen das Brötchen in den Abfall“, sagt sie und bestellt ein Glas Sauvignon blanc - ein Bruch mit einer weiteren heiligen Regel in Hollywood: kein Alkohol zum Mittagessen.

Hunt zeigt in keinem Moment die bei vielen Schauspielerinnen üblichen Manierismen; den Morgen vor unserem Termin hat sie als freiwillige Helferin in der Schule ihrer achtjährigen Tochter Makena Lei verbracht. Sie trägt weit geschnittene Jeans, einen brauen Pulli und Flipflops, außerdem eine Perlenkette um den Hals und goldene Ohrknöpfe. Ihr glattes blondes Haar trägt sie lang und lose. Nach der Hälfte unseres Lunchs wird sie ihren Pullover ausziehen, unter dem sie ein graues Top trägt; ihre wohlgeformten Oberarme sind das glückliche Resultat von vielen Jahren Yoga. „An 360 Tagen im Jahr könnten Sie genau dasselbe darüber schreiben, was ich anhabe“, sagt sie lächelnd und dreht ihre Haare zum Pferdenschwanz. Hunt, 49, ist eine natürliche Schönheit, ein deutlicher Gegensatz zu den Ladys mit den schockgefrorenen Mienen, die man in dieser wohlhabenden Nachbarschaft sonst so sieht. Ihr ungeschminktes Gesicht, das ganz offensichtlich noch keiner Operation unterzogen wurde, ist viel in Bewegung; um ihre Augen zeigen sich Falten, wenn sie lächelt. Hunt ist eine Frau, die sich wohl fühlt in ihrer Haut.

Pragmatisch und unsentimental

Doch so ausgeglichen (und talentiert) Hunt sein mag, für ihre Rolle in dem Film „The Sessions - Wenn Worte berühren“, der gerade in den deutschen Kinos läuft und für den sie als beste Nebendarstellerin für einen Oscar nominiert ist, brauchte sie gute Nerven, musste sie darin doch nackt auftreten. „Ich konnte schlecht meinen Oscar“ - den sie 1997 für „Besser geht’s nicht“ mit Jack Nicholson bekam - „vor irgendwas halten“, meint sie grinsend. „Der Oscar hat nicht die richtige Form, um meinen Körper zu verstecken.“ Der Film nach einer wahren Begebenheit folgt der Geschichte des Journalisten Mark O’Brien, der durch Krankheit gezwungen ist, in einer Eisernen Lunge zu leben, und mit 38 endlich seine Jungfräulichkeit verlieren will: mit Hilfe der Sex-Therapeutin Cheryl Cohen Greene, gespielt von Hunt.

Für die Schauspielerin bedeutete diese Rolle, dass sie den überwiegenden Teil ihrer Zeit auf der Leinwand völlig nackt war. „Angesichts dieser Aussicht fiel mir erst mal die Kinnlade runter“, sagt sie. „Aber dann dachte ich, ist es mir wichtiger, was die Leute von meinem Körper halten, oder ist es mir wichtiger, Teil einer Geschichte zu sein, die Schönheit besitzt und Menschen etwas gibt? Am Ende war mir Letzteres wichtiger.“ Verzichtete Hunt denn auf die Brötchen beim Burger, nachdem sie den Part übernommen hatte? „Ich bekam die Rolle zwei Wochen vor Drehbeginn, was glücklicherweise verhinderte, dass ich den eigenartigen, idiotischen und nutzlosen Versuch unternommen hätte, meinen 49 Jahre alten Körper zu verändern“, sagt sie, während sie ein Stück Artischocke in eine Buttersauce dippt. „Es ist mein Körper, es ist der Körper von jemandem, der Kinder bekommen hat, es ist der Körper, den Gott mir gegeben hat. Also, die Vorstellung, in meinem Alter so ein brutales Essregime anzufangen - NEIN.“ Wie reagierte ihr Partner (und Makena Leis Vater), der Produzent Matthew Carnahan, auf den Film? „Er fand, er sei schön, und er fand, ich sei schön, und das war alles, was ich hören musste.“

Lustig und unverkrampft ist „The Sessions“ aber auch, und das liegt nicht zuletzt daran, wie Hunts Cheryl ihren heiklen Job erledigt: pragmatisch und unsentimental. Um sich auf die Rolle vorzubereiten, verbrachte die Schauspielerin Zeit mit der echten „Sex-Therapeutin“: „Sie war sehr offen und redet mit großer Begeisterung und Ehrlichkeit über alles, ob das nun ein Orgasmus ist oder darüber, was sie zum Abendessen kocht.“

Tornadojägerin im sexy weißen Top

Der Einsatz hat sich gelohnt: Hunts jüngste darstellerische Leistung wird von vielen Kritikern als die bislang beste in einer Karriere beschrieben, welche nun auch schon fast vier Jahrzehnte umspannt. Aufgewachsen ist sie in New York, als Tochter eines Filmregisseurs und einer Fotografin; als Helen neun war, zog die Familie nach L.A. „Ich besuchte einen Schauspielkurs, weil meine Tante in einem war; es gefiel mir, und plötzlich hatte ich einen Agenten. Mich befiel das Schauspielvirus, aber ich habe nie gesagt, ich werde Filmschauspielerin“, sagt sie. Sie trat regelmäßig im Fernsehen auf, der Durchbruch aber kam Ende der neunziger Jahre mit der Serie „Verrückt nach Dir“ über ein junges Paar in Manhattan, für die sie viermal hintereinander mit dem Emmy ausgezeichnet wurde.

Mit diesem Erfolg im Rücken begann Hunt ihre Karriere auf der Leinwand, im Katastrophenfilm „Twister“ 1996; und wer könnte sie als Tornadojägerin im sexy weißen Top vergessen - „ich sollte einen Dollar kriegen für jedes von den Teilen, das verkauft wird“, sagt sie grinsend. Es folgten „Besser geht’s nicht“ inklusive Oscar 1997; „Was Frauen wollen“ 2000, an der Seite von Mel Gibson; und im selben Jahr „Verschollen“, in dem sie Tom Hanks’ Freundin spielte.

Verheiratet war sie selbst nur kurz, mit ihrem Kollegen Hank Azaria. Mit Carnahan ist Hunt inzwischen seit mehr als zehn Jahren zusammen, sie ist die Stiefmutter seines 15 Jahre alten Sohnes. Seit der Geburt der gemeinsamen Tochter 2004 hat die Schauspielerin mehr Zeit zu Hause als auf Filmsets verbracht. 2007 drehte Hunt das Drama „Then She Found Me“, für das sie auch am Buch mitschrieb und in dem sie neben Bette Midler spielte; gerade schreibt sie an ihrem nächsten Skript - wenn die Familie ihr Zeit dafür lässt.

„Ich freue mich darauf, 50 und einen Tag zu sein“

„Ein Teil von mir wünscht sich, ich hätte früher mit dem Kinderkriegen angefangen und hätte jetzt vier davon“, erzählt sie. „Aber so ist das eben nicht. Ich musste wie ein wildes Tier darum kämpfen, schwanger zu werden; ich habe eine ganze Menge dieser Fruchtbarkeitsbehandlungen über mich ergehen lassen.“

Und heute? „Ich weiß es mehr zu schätzen, dass ich Mutter bin, weil ich meine Tochter so spät bekam, mit 39 Jahren und 11 Monaten. Ich bin jetzt sicher ein besserer Mensch, als ich es in meinen Zwanzigern war; ich bin froh, dass ich meine Tochter der unvollkommenen Version meiner selbst aussetze, die ich heute bin, statt der Version, die ich damals war.“

Mit welchen Gefühlen blickt sie, die wohl immer eine Frau wie ein Leuchten sein wird, ihrem nächsten runden Geburtstag entgegen? „Ich freue mich darauf, 50 und einen Tag zu sein und zu sehen, dass die Welt nicht auseinandergefallen ist. Das wird nett.“

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