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Held des Kalten Krieges : Der Mann, der die Welt rettete

Heimlicher Held: Petrow Bild: Amac Garbe; Freier Fotojournalis

Stanislaw Petrow, der als sowjetischer Oberstleutnant einst einen Atomkrieg verhinderte, ist dieses Jahr verstorben. Wie lief die Nacht ab, in der er über Leben und Tod entscheiden musste?

          Was bedeutet es, wenn der Tod eines Menschen, von dem es heißt, dass er die Welt vor atomarer Apokalypse bewahrt hat, fast vier Monate lang unbekannt bleibt?

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Dieser Mann, der Russe Stanislaw Petrow, starb am 19. Mai im Alter von 77 Jahren in Frjasino nordöstlich von Moskau. In der Nacht zum 26. September 1983 hatte der damals 44 Jahre alte Oberstleutnant, ein Ingenieur, Dienst im geheimen Raketen-Frühwarnzentrum Serpuchow-15, rund 100 Kilometer südlich von Moskau; so geheim war es, dass nicht einmal Petrows Frau und die beiden Kinder wussten, wo er arbeitete.

          Die Zeit war selbst für die Maßstäbe des Kalten Krieges angespannt. Dreieinhalb Wochen zuvor hatte die Sowjetunion ein südkoreanisches Passagierflugzeug abgeschossen, das ihren Luftraum verletzt hatte; alle 269 Insassen kamen ums Leben. Der amerikanische Präsident Ronald Reagan hatte die Sowjetunion als „Reich des Bösen“ bezeichnet, und die Sowjetführung fürchtete, die Amerikaner planten einen nuklearen Erstschlag.

          Nach 17 Minuten die Erlösung

          Im Frühwarnzentrum schlug bald nach Mitternacht das satellitengestützte System „Oko“ (Auge) Alarm. Von einer amerikanischen Basis im Bundesstaat Montana sei eine Interkontinentalrakete mit Ziel Sowjetunion abgeschossen worden. Sirenen heulten auf, an der Wand leuchteten rote Buchstaben: „START“.

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          Einige Kameraden seien aufgesprungen, berichtete Petrow später, aber er habe allen befohlen, wieder ihre Plätze einzunehmen. Er musste entscheiden: Ab einem feindlichen Raketenabschuss hatte die sowjetische Führung 28 Minuten Zeit, um – unwiderruflich – über einen Gegenschlag zu entscheiden. Dem Diensthabenden blieb eine Viertelstunde für die Unterrichtung. Petrow fiel auf, dass der Raketenstart laut dem System nur von einer Basis erfolgt sein sollte, doch war laut Instruktionen für einen amerikanischen Angriff mit Abschüssen vieler Raketen von mehreren Basen zu rechnen, um die Vernichtungskraft zu vergrößern. „Sicher war ich mir in dem Moment natürlich nicht“, sagte Petrow später. Er meldete seinem Vorgesetzten telefonisch falschen Alarm. Der Satellit, Kosmos-1382, meldete dann noch vier Starts, Petrow ging weiter von Fehlalarm aus. Bis aus den Daten der Bodenradare nach 17 Minuten klar war, dass tatsächlich keine Raketen heranflogen, habe er sich gefühlt „wie kurz vor dem Gang nach Golgatha“, sagte Petrow.

          Späte Ehrungen abseits der Heimat

          Ermittelt wurde, dass die Sensoren des Satelliten Sonnenstrahlen, die von Wolken in der Nähe der amerikanischen Basis reflektiert wurden, als Raketenabschüsse gewertet hatten. Das System wurde dann geändert, um solche Fehler zu vermeiden. Der ganze Vorgang wurde erst nach Ende der Sowjetunion bekannt, als der Leiter der Flugabwehr über die fragliche Zeit eine Schilderung veröffentlichte. Petrow selbst war schon 1984 aus dem Dienst geschieden. Dass er mit größter Wahrscheinlichkeit viele Millionen Menschenleben gerettet hatte, brachte ihm keine Auszeichnung oder Beförderung durch seine Vorgesetzten ein, die dadurch die Verantwortung für Fehler übernommen hätten. Stattdessen, beklagte Petrow, habe er einen Verweis bekommen, weil sein Dienstprotokoll nicht vollständig gewesen sei.

          „Ich vertraute damals meiner Erfahrung und meinem Gefühl, nicht den Computern. Danach trank ich einen halben Liter Wodka und schlief 28 Stunden.“So zitierte die „Bild“-Zeitung Petrow 1998 und bezeichnete den „mutigen Offizier aus Russland“ als „verarmt und traurig“, zumal Petrows Frau an Krebs gestorben sei. Man kann sich den Bericht auf einer Website ansehen, die Herr Karl Schumacher aus Oberhausen eingerichtet hat. Der Blick auf karl-schumacher-privat.de lohnt sich, denn Schumacher, von Beruf Bestatter und dank der Zeitungslektüre auf Petrow aufmerksam geworden, schildert anrührend Besuch und Danksagung in Frjasino noch 1998 und einen Gegenbesuch des Zeitzeugen 1999 in Oberhausen. Nach und nach berichteten immer mehr internationale Medien über Petrow, er erhielt im Westen etliche Preise. In einem Dokumentarfilm, „The Man Who Saved the World“ von 2014, sagt Petrow, er habe nur seine Arbeit getan, sei aber „die richtige Person zur rechten Zeit“ gewesen.

          Bekannt wurde sein Tod nun nur, weil sein Oberhausener Freund ihm am 7.September telefonisch zum Geburtstag gratulieren wollte. Dabei, schildert Schumacher, habe er von dem Sohn Petrows erfahren, dass der Vater schon am 19. Mai gestorben sei. Schumacher setzte eine Todesanzeige in die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“, die bald darauf berichtete. Über diesen Umweg gelangte die Nachricht vom Tod des Retters der Welt schließlich auch in deren russischsprachigen Teil.

          Quelle: F.A.Z.

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