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Kunstexperte Schweizer: „Niemand würde eine Rokoko-Skulptur als Stammeskunst bezeichnen“

„Niemand würde eine Rokoko-Skulptur als Stammeskunst bezeichnen“

Von MARIA WIESNER und LUTZ MÜKKE

10.04.2018 · Heinrich Schweizer hat sich lange mit afrikanischer Kunst bei Sotheby’s beschäftigt, ehe er in New York seine eigene Galerie eröffnete. Er erklärt, warum manche Stücke für Millionen versteigert werden und wie der Markt auf Restitutionsansprüche reagiert.

Neben wertvollen Bronzen gehören auch Elfenbeinschnitzereien wie diese Idia-Maske zu den Stücken, die einst von britischen Soldaten aus dem Königspalast in Benin-City entwendet wurden. Foto: Lutz Mükke

Herr Schweizer, Sie handeln mit vormodernen Kunstwerken aus Afrika und Ozeanien. Wie kam es dazu?

Als Sohn eines Bildhauers und einer Malerin bin ich in München aufgewachsen. In unserem Zuhause gab es Kunstwerke aus aller Herren Länder, und insbesondere afrikanische Kunst, mit ihrer Ausdruckskraft und thematischen Tiefe, hat mich früh fasziniert. Mit zehn Jahren habe ich begonnen, zu sammeln. Ich dachte aber nie, dass ich damit einmal beruflich zu tun haben könnte. Ich habe Jura mit Nebenfach Kunstgeschichte studiert und im Bereich Kunstrecht in Deutschland und an der Harvard Law School als Wissenschaftler gearbeitet, auch einiges publiziert. 2006 hat man mir bei Sotheby’s in New York als Quereinsteiger eine Stelle im Bereich afrikanische und pazifische Kunst angeboten. Dort war ich dann bis 2015 für alle großen Auktionen verantwortlich.

Wie entwickelt sich der Markt für afrikanische Kunst?

Bei Sotheby’s, Christie’s und den anderen wichtigen Händlern ist der jährliche Umsatz in den vergangenen Jahren von insgesamt circa zehn auf über 200 Millionen Dollar gewachsen. Das sind im Vergleich mit dem gesamten internationalen Kunstmarkt natürlich immer noch „Peanuts“, aber für dieses kleine spezialisierte Sammelgebiet ist es eine enorme Steigerung.

Armband aus Bronze, wie es in Benin-City in Nigeria hergestellt wird. 3D: Abby Crawford

Vor drei Jahren haben Sie Sotheby’s verlassen. Wieso?

Ich wollte meine eigene Galerie leiten und hier in New York ergab sich die Möglichkeit, Räume in bester Lage zu übernehmen.

Und wie laufen die Geschäfte?

Im Jahr verkaufe ich etwa ein Dutzend Kunstwerke, wobei jedes ein universelles Meisterwerk ersten Rangs ist. Wertmäßig bewegen wir uns im ein- und unteren zweistelligen Millionenbereich. Ich arbeite eng mit Museen und Sammlern zusammen. Die meisten kenne ich schon seit vielen Jahren.

Wie erklärt sich das rapide Marktwachstum für Afrikana?

Derart große Steigerungen können nur mit neuen Märkten erzielt werden. In den vergangenen zehn Jahren kamen die Käufer der „New Economies“ dazu, der Mittlere Osten, insbesondere Katar und die Emirate, Brasilien, Singapur, China. Europa und die Vereinigten Staaten sind zwar immer noch führend, aber der nun weltweite Wettbewerb hat die Preise auf ein neues Niveau gehoben.

Im Königreich Benin wurden Bronzen zur Erinnerung an wichtige Ereignisse angefertigt. Diese Kopfplastik eines getöteten Herrschers steht heute im Museum für Völkerkunde in Leipzig. Foto: Lutz Mükke
Die Reliefplatten zierten einst Wände und Säulen des Königspalastes in Benin-City. Sie erzählten die Geschichte des Volkes und dienten als Nationalarchiv. Foto: Lutz Mükke
Bereits im 16. Jahrhundert unterhielt das Königreich Benin Handelsbeziehungen mit europäischen Höfen. Der Einfluss zeigte sich auch in den Bronzen, wie in dieser eines Portugiesischen Schützen, die heute im British Museum in London ausgestellt ist. Foto: Lutz Mükke

Und auf dem afrikanischen Kontinent selbst?

Es gibt dort auch ein paar bedeutende Sammler, aber nicht in der gleichen Dichte wie in Amerika oder Europa.

Wie wichtig sind Museen für Ihr Geschäft?

Sehr wichtig. Der Preisanstieg für Afrikana geht Hand in Hand mit der Globalisierung von Kunstkategorien. Weltweit finden sie vormoderne afrikanische Kunst heute im Louvre in Paris, im Metropolitan Museum of Art hier in New York, im British Museum in London - mehr oder weniger in jedem Kunstmuseum, das einen zeitgemäßen enzyklopädischen Anspruch hat. Dazu zählt mittlerweile auch der Louvre Abu Dhabi. International hilft das sehr dabei, dass afrikanische Kunst als werthaltige Kategorie anerkannt wird. Deutschland gehört zu den ganz wenigen Industrienationen, wo Kunst aus Afrika immer noch fast ausschließlich in Völkerkundemuseen gezeigt wird. Es gibt kein einziges deutsches Kunstmuseum, das Afrikana dauerhaft ausstellt, abgesehen von der Berliner Sammlung Berggruen, wo sporadisch ein paar Skulpturen stehen, um den wegbereitenden Einfluss afrikanischer Plastik auf das Werk Picassos und der Kubisten zu illustrieren. Das hierzulande noch oft gebrauchte “Stammeskunst”, eine Wortschöpfung der Kolonialzeit mit rassistischem Unterton, ist symptomatisch für diesen Zustand. Niemand käme schließlich darauf, eine religiöse Skulptur des bayrischen Rokoko-Bildhauers Ignaz Günther als Stammeskunst zu bezeichnen. Aber worin besteht der Unterschied?

Der internationale Kunstmarkt erschließt also zunehmend auch afrikanische Kunst...

Ja, insbesondere im Spitzensegment. Die große Attraktivität afrikanischer Kunst liegt neben ihrer ungeheuren stilistischen Vielfalt und Qualität auch darin begründet, dass in den hergebrachten Kunstmarktsegmenten, in denen seit Jahrhunderten gesammelt wurde, Spitzenstücke kaum mehr gehandelt werden, weil das meiste längst in den großen Museen gelandet und so dem Markt entzogen ist. Kommt einmal ein Werk von Weltrang auf den Markt, ist der Preis exorbitant, wie letztens beim Salvator Mundi Leonardo Da Vincis der Fall, der bei Christie’s für 384 Millionen Euro verkauft wurde. So viel wurde noch nie für ein Kunstwerk bezahlt, aber es handelte sich eben um das letzte in privater Hand verbleibende Werk eines der bedeutendsten europäischen Künstler der vergangenen 500 Jahre. Kunstwerke vergleichbaren Rangs gibt es im Bereich afrikanischer Kunst, die erst seit wenigen Jahrzehnten von den großen Kunstmuseen gesammelt wird, noch zu Dutzenden in Privathand. Deshalb gibt es hier auch immer mehr Interessenten. Gab es 2006 vielleicht fünf Afrikana-Sammler, die Willens und in der Lage waren, mehr als eine Million Dollar für eine Skulptur auszugeben, sind es heute mehr als 100.

Dieser Beniner Gedenkkopf wurde im März im Würzbürger Kunstauktionshaus Zemanek-Münster versteigert. Foto: Zemanek-Münster

Woher kommen Ihre Kunden, die bereit sind, Millionen-Summen für Afrikana auszugeben?

Der Markt im Spitzensegment verteilt sich zu 50 Prozent auf die Vereinigten Staaten und 50 Prozent auf den Rest der Welt, angeführt von Europa und dort vor allem Frankreich, Belgien, Griechenland, die Schweiz, und zwei, drei Sammler auch in Deutschland. Kunstliebhaber in Afrika sammeln derzeit eher Gegenwartskunst. Mit wachsendem Wohlstand könnte sich das aber ändern.

Wie reagiert der Afrikana-Markt auf Restitutionsansprüche wie für die Benin-Bronzen?

Hier muss man ein bisschen ins Rechtliche eintauchen. Was den Fall Benin besonders kompliziert macht, ist, dass der Sachverhalt über hundert Jahre zurückliegt und nicht nur die Rechtssysteme verschiedener heutiger Staaten – Nigeria, Großbritannien und die jeweiligen Länder, in denen sich die Kunstwerke heute befinden – betrifft, sondern auch die Systeme heute nicht mehr existierender Vorgängerstaaten, zum Beispiel des Deutschen Kaiserreichs. Der Fall liegt an der Schnittstelle zwischen Privat-, öffentlichem, Staats-, Verfassungs-, Kriegs- und Völkerrecht, sowie Rechtsgeschichte. 1897, als das damalige Königreich Benin von den Briten erobert wurde, gab es auch den Staat Nigeria noch nicht, Nachfolgestaat des Königreichs Benin und Vorgängerstaat Nigerias war nach Völkerrecht zynischer Weise das British Empire. Also wohin sollen die Benin-Bronzen zurückgehen? An den Staat Nigeria, an den Bundesstaat Edo, an die Mitglieder des Königshauses von Benin als Kollektiv, an den derzeit herrschenden Oba als Privatperson, oder vielleicht gar an Großbritannien? Auch sind mittlerweile mehr als 120 Jahre vergangen und die Objekte haben oft mehrfach den Besitzer gewechselt, wobei es dann unter Umständen zu gutgläubigem Erwerb, Verjährung oder Ersitzung gekommen sein könnte. Eine rechtliche Durchsetzbarkeit von Ansprüchen scheint nahezu unmöglich.

Neben der rechtlichen gibt es aber noch eine moralische Dimension und diese klaffende koloniale Wunde...

Recht und Ethik sollten theoretisch ja keine Gegensätze sein, praktisch gibt es aber eine große Kluft. Die Umstände, wie die Bronzen nach Europa kamen, machen die ethische Wertung einfacher als die rechtliche: Es ist eines der schwarzen Kapitel der Kolonialgeschichte. Da wurde gemordet und geplündert, und wurden Kunstwerke dem ursprünglichen Eigentümer mit Gewalt entwendet. Die eigentliche Frage ist, wie die heutige Generation der Europäer zu ihrer Vergangenheit als koloniale Aggressoren steht. Die Lösung des Konflikts ist dann eine politische.

Erschweren die rechtlichen und ethischen Unsicherheitsfaktoren den Handel mit Benin-Bronzen?

Zunächst einmal stehen hochwertige Benin-Bronzen extrem selten zum Verkauf. Während meiner Zeit bei Sotheby’s habe ich in zehn Jahren eine bedeutende verkauft, einen lebensgroßen, wunderschönen Kopf den Oba von Benin darstellend, zweite Hälfte 16. Jahrhundert. Nachdem er von einem Mitglied des britischen Militärs 1897 aus Benin nach England verbracht worden war, wurde der Kopf 1935 von einem Museum in Amerika erworben. Da das Museum aber satzungsgemäß eigentlich nur Moderne Kunst ausstellen durfte, betraute man mich im Jahr 2006 mit dem Verkauf und der Kopf erzielte damals auf einer Auktion einen Weltrekord-Preis von 4.7 Millionen Dollar. So wie sich der Markt in den letzten Jahren entwickelt hat, ist die Skulptur heute das drei- bis vierfache wert. Im Hinblick auf die von Ihnen angesprochenen “Unsicherheitsfaktoren” muss man dann betonen, dass der seriöse Kunsthandel ein starkes Interesse an einer klaren Rechtslage hat. Und im Moment ist diese Lage sehr klar. Es müsste schon viel passieren, damit das Restitutionsthema auf breiter Front von den Diskussionen in Kuratorengremien Auswirkungen auf die politische und parlamentarische Willensbildung zeichnen und dann tatsächlich eine Veränderung aller beteiligten Rechtssysteme bewirken könnte. Viele der Benin-Bronzen befinden sich allerdings in staatlichen europäischen Museen und hier könnte jede Nation individuell viel einfacher politische Ziele umsetzen, indem man in Museen und damit in öffentlichem Eigentum befindliche Kunstwerke an Nigeria oder den Oba von Benin zurückgibt. Aber die offenen Fragen der Kolonialherrschaft sind politisch so unangenehm. Also meidet man sie öffentlich.

Aber die Debatte um das Humboldtforum in Berlin belegt ein starkes Interesse an diesen Themen und der französische Präsident Emmanuel Macron hat das Thema Restitution afrikanischen Kulturerbes erst kürzlich ganz oben auf die Agenda gesetzt.

Der Vorstoß Macrons ist wohl durchdacht und uneingeschränkt unterstützungswürdig. In Frankreich ist afrikanische Kunst hochangesehen, eine Reihe von Werken gilt als nationales Kulturgut und es gibt dafür neben einer erstklassigen Abteilung im Louvre mit dem Musée du Quai Branly-Jacques Chirac ein riesiges Museum direkt am Fuße des Eiffelturms, das jährlich über eine Million Besucher hat. Frankreich möchte das Modell des erst kürzlich eröffneten Louvre Abu Dhabi als Plattform für die Kulturen der Welt nach Afrika übertragen und wirbt um Partnerschaften mit afrikanischen und europäischen Staaten, um das Projekt an einem oder mehreren Standorten in Afrika zu verwirklichen. Macron spricht ganz offen darüber, Kunstwerke aus französischen Museen dauerhaft nach Afrika zu repatriieren. Es geht dabei vor allem um die Gestaltung einer gemeinsamen Zukunft Europas und Afrikas. Diese Art politischer Initiative ist genau richtig. Es ist schließlich nicht hinnehmbar, dass nahezu 100% des in Afrika geschaffenen Kulturguts heute in Europa und den Vereinigten Staaten sind, dabei oft zu Zehntausenden in die Depots von Natur- und Völkerkundemuseen gepfercht, und nahezu nichts in den Herkunftsländern zu sehen ist. Andersherum wäre es aber auch nicht im Interesse afrikanischer Nationen, afrikanische Kunstwerke ausschließlich in afrikanischen Museen zu zeigen. Nur im gemeinsamen Dialog kann die Frage nach den besten Standorten gelöst werden.

AUF DER SPUR DER RAUBKUNST

An der Recherchekooperation über den Benin-Kunstschatz arbeitete ein Team von nigerianischen und deutschen Journalisten in Europa, Afrika und den Vereinigten Staaten. In diesen Tagen erscheinen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und auf FAZ.NET weitere Beiträge zum globalen Handel mit afrikanischen Kunstgütern und den Wegen von Benin-Bronzen in westliche Museen. Die Recherchen, die monatelang dauerten, wurden unterstützt vom Journalistenverein „Fleiß und Mut“ und dessen „Kartographen-Mercator-Stipendienprogramm“. Weitere Projektpartner sind die panafrikanische Organisation Code for Africa sowie die Leipziger Volkszeitung.

Quelle: FAZ.NET

Veröffentlicht: 09.04.2018 14:29 Uhr