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Heidi Klum Deine Welt ist der Ausverkauf

02.01.2005 ·  Das Topmodel hat einen Ratgeber herausgebracht und erklärt, wie der American dream auch bei Deutschen funktioniert. Man muß nur dran glauben - und kassieren. Hat sich das Model am Ende doch verrechnet?

Von Anke Schipp
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"Sie ist ein Model, und sie sieht gut aus" - es war 1978, als die deutsche Band Kraftwerk von der Frau ohne Namen sang, die kühl und unnahbar war. In den emotionslos vorgetragenen Liedzeilen klang die ganze Monotonie und Kälte des Geschäfts mit der Schönheit durch. Keiner konnte ahnen, wie schlimm es mal wirklich kommt.

Heidi Klum war damals fünf Jahre alt. Mit Vater, Mutter und Bruder lebte sie in Bergisch Gladbach, trug einen kurzen Fransenpony, später Dauerwellen, denn Mami war Friseuse. Und Mami konnte leckere Sauerkrautsuppe kochen mit je anderthalb Pfund Schweine- und Rindfleisch, Pilzen und einer Flasche Ketchup. Heidi war der Star in der örtlichen Bauchtanzgruppe. Die Eltern brachten ihr bei, optimistisch und selbstbewußt zu sein. Deshalb überstand sie auch die Teenagerzeit mit Akneproblemen und bösen Klassenkameraden, die Heidi "Pizzagesicht" nannten. 1992 machte sie Abitur.

"Wie mache ich eine Million in zehn Tagen?“

Nur wenige Jahre später änderten sich die Schauplätze: Jetzt saß Heidi in einem New Yorker Fernsehstudio bei David Letterman. Oder plauderte in Washington mit Bill Clinton. Oder räkelte sich im Sand von Mustique mit halbgeöffnetem Mund, als äße sie eine Blaubeere (keine Kirsche, denn das, sagt Heidi, wirkt unerotisch). Oder hörte sich Sätze über ihre neue Heimat sagen wie: "Hier in New York sind Leute aus der ganzen Welt, und deswegen ist es auch gerade so interessant."

Heidi Klum: Deine Welt ist der Ausverkauf

Eine Karriere, die viele Fragen aufwirft. Zum Beispiel die, was das für eine Familie sein muß, in der man am liebsten Sauerkrautsuppe ißt. Aber die entscheidende ist: Wie hat Heidi es nur geschafft, vom hübschen, aber eher durchschnittlichen Teenager aus der Provinz zum Weltstar zu werden? Antworten dazu liefert ihr gerade in Amerika erschienenes Buch "Heidi Klum's Body of Knowledge - 8 Rules of Model Behavior" (die deutsche Ausgabe kommt im Frühjahr heraus). Eine Mischung aus Autobiographie und Ratgeber nach dem Schnittmuster "Wie mache ich eine Million in zehn Tagen?" Wer 16 Jahre alt ist und von einer Karriere auf dem Laufsteg träumt, kann bei der Lektüre einiges lernen. Wer älter ist, auch: nämlich darüber, wie ein Mensch sich selbst zur Marke aufbaut und in einer Art Endlosschleife vermarktet.

Sie wollte ein Superstar werden

Denn Heidi Klum ist nicht das Mädchen, das mit ganz viel Glück wie zufällig auf den Laufsteg stolperte. Zwar begann ihre Karriere tatsächlich planlos (eine Freundin überredete sie, an einem Modelwettbewerb von RTL teilzunehmen, den sie gewann), aber dann biß sich Heidi an dem Gedanken fest, ein Superstar werden zu wollen.
Die erste Regel in ihrem Buch lautet deshalb: "Du mußt es wollen, Baby." Die kluge Heidi erkannte schnell, daß es noch andere hübsche, wenn nicht gar hübschere Mädchen gibt. Aber die verfügen nicht über eine eiserne Disziplin.

Heidi zieht nach New York. Dort geht sie mehrmals täglich auf Castings, fragt ihre Kolleginnen aus, wie das Business funktioniert, trainiert das "Mona-Lisa-Lächeln" (geschlossener Mund, aber an den Seiten leicht nach oben hochgezogen), putzt Klinken, macht Sport. Schließlich klappt es. Als sie auf den Titel von "Sports Illustrated" kommt, einem überwiegend von Männern gelesenen Katalog mit Bademode, hat sie es fast geschafft und der Australierin Elle MacPherson den Titel "The Body" abgeluchst. Talkmaster und Moderedakteure werden auf sie aufmerksam.

Erfolgreiche Menschen spielen eine Rolle

Aber eines fehlt ihr noch: Persönlichkeit. "Es klingt vielleicht kraß", schreibt sie in ihrem Buch, "aber du mußt dich in einen Jemand verwandeln, um deine Haltbarkeit zu verlängern." Heidi konturiert ihr Image und stellt eine weitere Regel auf: "Verkaufe es!" Das heißt, spiele die Person, als die du von den Menschen gesehen werden möchtest. "Hört sich das unehrlich an?" fragt sich Heidi unumwunden. Und antwortet beruhigend: "Ich denke nicht. Es ist das Kennzeichen von erfolgreichen Menschen."

Heidis Rolle sollte sich fortan durch die Adjektive fröhlich, optimistisch, unkompliziert definieren. Daraus ergeben sich weitere ausgeklügelte Regeln im Umgang mit anderen Menschen: Halte Augenkontakt, lache oder lächle, flirte ein bißchen und stelle gute Fragen, "dann hinterläßt du einen guten Eindruck".

Man kann noch einiges lernen

Ihren Humor hält Heidi Klum für ihre größte Geheimwaffe. Eine Erkenntnis, die auf der Einsicht basiert: "Wenn man Witze über sich macht, zieht man die Leute auf seine Seite." Und so funktioniert der Trick: Heidi ist bei einer Schiffstaufe, aber leider total nervös - vielleicht geht die Flasche nicht kaputt, dafür die Frisur vom Wind. Als Heidi ihren Text aufsagen soll - ein Blackout. Was tun? Heidi improvisiert: "Ach, ich bin so nervös, ich habe total vergessen, was ich sagen sollte." Alle lachen, und Heidi findet die Zeit, auf ihren Spickzettel zu gucken. Noch eine Probe an Klumscher Schlagfertigkeit gefällig? Monaco. Heidi Klum soll bei einer Preisverleihung mit David Coulthard im Auto vorfahren. Ach, wie langweilig, denkt sich die muntere Rheinländerin und hat einen Einfall: Sie selbst setzt sich ans Steuer und nicht der Formel-1-Pilot. Die wartende Menge applaudiert begeistert. "Seht ihr", schreibt Heidi ihren Leserinnen, "Humor ist einer der Wege, sein Image hervorzuheben."

Ein anderer ist die Erotik. Heidi schildert nicht nur, wie man sich in der Öffentlichkeit am besten in Szene setzt. Auch zu Hause sollte man nichts dem Zufall überlassen und kreativ sein. Die Regel dazu lautet: "Überraschung ist ein Aphrodisiakum." Heidi verrät, daß Sex an unvermuteten Orten was ganz Tolles ist. Zum Beispiel, jetzt kommt's: unter der Dusche. Sicher ist auch noch niemand auf die Idee gekommen, Lippenstift-Botschaften auf den Spiegel zu schreiben. Von Heidi kann man einiges lernen.

Droht der Bohlen-Effekt?

Daß dem Tausendsassa aber nicht alles gelingt, zeigte die Moderation der amerikanischen Show "Project Runaway" - eine Art "Amerika sucht den Superdesigner". Die Oberflächlichkeit ihres Auftretens sei "flacher als der Busen von Kate Moss", schrieb die "New York Post". Vor kurzem sagte sie selbst in der "Zeit" den nachdenklichen Satz: "Ich bin das Opfer des Menschen Heidi Klum, ich bin zu einem Produkt geworden, das stets gehegt und umworben werden will."

Vielleicht ahnt der Superstar, wohin ihn die "8 Regeln des Modelverhaltens" geführt haben: Sie ist eine Marke (mit eigenem Logo!). Sie macht Werbung für teure Mode, für billige, für die selbstentworfene. Für Parfümerieketten, Fast food, Süßigkeiten. Sie steht für nichts und alles. Die Botschaft ihrer Marke beginnt zu verwässern. Droht jetzt gar der Bohlen-Effekt? Die Überdosis Prominenz - und die Kündigung von Werbeverträgen. Gerät der cleveren Heidi der American dream außer Kontrolle? Vielleicht sollte sie eine alte deutsche Regel in ihren Kanon aufnehmen: "Schuster, bleib bei deinem Leisten."

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 02.01.2005, Nr. 53 / Seite 47
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Jahrgang 1966, Redakteurin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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