21.08.2010 · Homestorys lehnt er ab, in die Talkshows will er nicht. Aber wenn Schlagersänger Hansi Hinterseer seine treuen Fans zum Wandern am Hahnenkamm in Kitzbühel ruft, kommen Tausende - auch von weither.
Von Timo Frasch, KitzbühelDie Gondeln der Hahnenkammbahn fahren an diesem Donnerstag nur halb so schnell wie an anderen Tagen. Die Leute, sagt die Polizei, sollen mehr Zeit zum Einsteigen haben als sonst, wenn in Kitzbühel Kraft, Schönheit und Jugend triumphieren. Die Leute, das sind heute vor allem die Fans des Kitzbüheler Sängers Hans Hinterseer, der dem volkstümlichen Schlager zugerechnet wird. Helene Fischer gehört in diese Sparte, Andy Borg oder Stefan Mross, alle drei Musiker, die Hinterseer gut leiden kann.
Zum neunten Mal hat er auf einen der beiden Kitzbüheler Hausberge zur Wanderung eingeladen. In der Vorankündigung dazu heißt es, der „sportliche Naturbursche“ werde seine Fans „im Wortsinne“ bewegen. Das stimmt. Jedenfalls sind sie von weither gekommen, um mit ihm, wie Hinterseer wirklichkeitsnah sagt, „a bissl spazieren zu gehen“: aus Dänemark, wo Hinterseer in diesem Jahr den ersten Platz der Albumcharts eroberte, aus den Niederlanden, viele auch aus dem Osten Deutschlands, wo diese Art musikalischer Datsche – „von traditionellen Tiroler Melodien über feurige Latino- bis hin zu Country-Klängen“ – besonders beliebt ist. Alles in allem, so frohlockt der Kitzbüheler Tourismusverband, füllt Hinterseer in seiner Woche – zwei Open-Air-Konzerte folgen auf die Wanderung – um die 40 000 Betten. Für die Kitzbühler ist es die einträglichste Zeit im Sommer, manche sagen sogar, sie würde nur noch getoppt, wenn im Januar die Prominenten zuschauen, wie sich die Abfahrtsläufer die Streif hinunterstürzen.
Rebellisch und aufsässig
Eine der Gondeln trägt den Namen von Hans Hinterseer. Jedem, der einmal einen Skiweltcup in Kitzbühel gewonnen hat, wird diese Ehre zuteil. Ja, für alle, die nicht wissen sollten, wer Hans – genannt „Hansi“ – Hinterseer ist, und schon gar nicht, wer er früher einmal war, was für die 9000 Fans am Berg ein Ding der Unmöglichkeit ist: Hinterseer, Sohn eines Slalomolympiasiegers, ist früher, in den siebziger Jahren, selbst Weltcuprennen gefahren. Damals galt er als rebellisch und aufsässig. Vor allem aber war er in den technischen Disziplinen so gut, dass es zum Gewinn des Riesenslalomgesamtweltcups reichte und dass sich später, als er zum Ende seiner Karriere in die Profiskitour nach Amerika gewechselt war, Farrah Fawcett von ihm das Skifahren beibringen ließ.
Das Wetter gegen neun Uhr morgens ist weit entfernt von dem, was die Fans das „Hansi-Wetter“ nennen. Es ist trüb und regnerisch. Kurz steht in Frage, ob es überhaupt zu verantworten sei, die Leute auf den Berg zu lassen, auf dem man laut Hinterseer „dem Herrgott“ besonders nahe ist. Später, als sich der Schlagersänger auf einem Holzfloß, das entfernt an einen Erntedankaltar erinnert, über einen See rudern lässt, damit alle, die da stehen und staunen, einen Blick auf ihn erhaschen können, wird er über das Wetter so ungefähr sagen: „Leitl, seids froh, dass die Sonne an bissl aus de Wolkn schaut. Denkts an Pakistan. Sammer froh, dass es bei uns anders is und beschwer mer uns ned, wann ned immer die Sonne scheint.“ Hinterseer sieht dabei aus, als habe er selbst nie mit Regen zu tun. Dafür kann er nichts. Das wird der Herrgott so gemacht haben. Auf Fragen, was er noch wolle im Leben, ob er glücklich sei, pflegt Hinterseer zu sagen: „Ich fühle mich sehr wohl in meiner Welt. Natürlich habe ich auch meine kleinen Wehwehchen. Aber das Radl dreht sich dennoch weiter.“
Zielgruppe 45 plus
Die ersten Fans werden gegen zehn Uhr mit der Gondel nach oben gelassen. Was sind das für Menschen, die freiwillig darauf verzichten, sich mit ihrem Musikgeschmack über andere erheben zu können? Der Geschäftsführer von Sony Music Österreich, der früher mit Bohlen „Deutschland sucht den Superstar“ gemacht hat und Hinterseer am Nachmittag die erste goldene Schallplatte für die neue CD („Ich hab Dich einfach lieb“) überreichen wird, spricht von einem „Alters- und Fansegment“, das „stark an ein physisches Produkt gebunden“ sei. Hinterseer ist ein physisches Produkt, er lässt sich anfassen, umarmen, drücken. Was der Musikmanager aber auch gemeint hat, ist, dass sich die Hansi-Fans die Musik noch nicht massenhaft aus dem Internet herunterladen. Hinterseers Zielgruppe sei „45 plus“, zumindest was den Verkauf seiner Alben betrifft. Wenn es um seine Auftritte in Filmen („Da, wo die Liebe wohnt“) oder in seinen eigenen, immer quotenstarken Sendungen geht, liege sie wohl darüber.
Das Bild, das sich auf dem Berg präsentiert, ist bunter. Viele Kinder sind gekommen, von denen man einerseits sagen könnte, sie hätten keine andere Wahl gehabt. Andererseits darf man es auch mit Hinterseer halten, der die Kleinen für die Ehrlichsten überhaupt hält, weil sie sofort sagten, wenn ihnen etwas nicht passe. Einige Behinderte sind da, um die sich Hinterseer auch bei seinen Konzerten besonders kümmert; außerdem Frauen, die aussehen wie Mitglieder eines Kegelclubs und solche, die vor der Wanderung erst noch in der Trachtenabteilung im Oberpollinger in München gewesen sein müssen; genügend Männer um die 40, die nicht wegen ihrer Frauen gekommen sind, sondern eher umgekehrt. Schließlich sogar ein Fanclub aus dem schleswig-holsteinischen Wacken, aus der 1800-Einwohner-Gemeinde also, in der jedes Jahr das größte Heavy-Metall-Konzert der Welt stattfindet.
Ein schwieriges Verhältnis zum Vater
Gegen 12.30 Uhr schaut Hinterseer mit dem Motorroller an der Talstation vorbei, um zu sehen, wie es mit dem Transport nach oben vorangeht. Weißes Trachtenhemd, Jeans, feingliedrige Goldkette mit großem Kreuz, die Weste um die Hüften gebunden: Er biegt um die Ecke, als hätte Florian Silbereisen kurz zuvor seinen Auftritt angesagt. Wahrscheinlich kann er gar nicht anders. Und gebräunt ist er, was man hinreichend mit seinem ausgezeichneten Golf- und Tennisspiel sowie mit seiner schönen Terrasse erklären kann, von der aus er auf den Wilden Kaiser blicken kann. Im dazugehörigen Kitzbüheler Haus lebt er mit seiner zweiten Frau, mit der er seit 1982 nach allem, was man weiß und munkeln hört, tatsächlich glücklich ist. Auch die beiden Töchter, 21 und 24 Jahre alt, sind noch zu Hause und arbeiten für den Vater.
Viel mehr ist in der Öffentlichkeit über Hinterseers Familie nicht bekannt. Er lehnt Homestorys ab und meidet Talkshows, weil er erstens nicht weiß und vielleicht auch nicht wissen kann, was es über ihn und über alles andere groß zu sagen geben sollte, und weil ihn zweitens sein Leben, das nicht immer so war wie in seinen „Liadln“, gelehrt hat, dass eine intakte Familie das größte Glück auf Erden ist. Hinterseer ist 1954 als uneheliches Kind geboren worden. Seine Mutter, die ihn kurz danach weggab, kennt er nicht. Zu seinem Vater, der erst ständig im Skizirkus unterwegs war und mit dem sich der Sohn später, als er von ihm trainiert wurde, verkrachte, hat er ein schwieriges Verhältnis. Dennoch beschreibt Hinterseer seine Kindheit bei den Großeltern und seiner Tante auf der Seidlalm – ohne elektrisches Licht, dafür mit Tee, Zucker, Tieren und Musik – als glücklich.
„Er ist die beste Medizin“
Um halb zwei sind alle oben. Der Tourmanager von Hinterseer, der gleichzeitig Bodyguard-Funktionen übernimmt, hat gut zu tun, um seinen Chef durch den friedfertigen Überschwang der Menschen zu geleiten. Die frühere Chefreporterin eines der Blätter, die Hinterseers Fans vor allem lesen, wischt sich eine Träne aus den Augen. Dann wird die „Fan-Hymne“ gesungen: „Ist unser Alltag manchmal grau und leer / und würden wir ihm gern entfliehn / Was uns dann hilft, heißt: Hansi Hinterseer / Er ist die beste Medizin.“ Das sagen sie alle, wenn man sie nach dem Warum fragt. Die Vorsitzende des 935 Mitglieder starken elsässer Fanclubs „Hans im Glück“ etwa, die jeden Tag zwei Stunden Arbeit investiert, um zum Beispiel Briefe von Hinterseers Management für die 80 Prozent der Mitglieder zu übersetzen, die kein Deutsch verstehen. „Wir kommen hier her, laden mit Hansi und in der schönen Natur unsere Batterien auf und sind dann wieder für ein paar Wochen glücklich.“ Ihr Mann, ein früherer Speditionsunternehmer, sitzt neben ihr und nickt. „Also“, sagt sie, „mit Verliebtheit hat das nichts zu tun, es geht darum, dass Hansi echt ist.“
Das sieht auch die Kriminalkommissarin aus Kerkrade so, die den Fanclub Niederlande-Belgien leitet. Sie hat Hinterseer Mitte der neunziger Jahre persönlich kennengelernt, als sie in Oberstdorf modelte, wo Hinterseer zu Beginn seiner Sangeskarriere ein kleines Konzert gab. Dass seine Frau auch Model sei, habe er zu ihr danach bei der Autogrammstunde gesagt. Und: Dass es in Holland noch keinen Hansi-Fanclub gebe. Schließlich: Dass er sich keine schönere Fanclubleiterin als sie vorstellen könne. Es kam, wie es Hinterseer („Jesus ist Jesus, dabei bleibts“) gewollt zu haben schien: Das älteste Mitglied des Fanclubs ist inzwischen 96, ein anderes soll mit Liedern wie „Was wär mein Leben ohne Dich“ aus dem Koma erwacht sein.
Bei der Oscar-Verleihung in der ersten Reihe
Gegen 15 Uhr folgt die Darbietung auf dem Erntedankfloß. Was Hinterseer sagt und playbackunterstützt singt, ist nicht immer genau zu verstehen, zumal dann nicht, wenn der Kamerahubschrauber des ORF über die Menge fliegt. Als er abgedreht hat, um danach, zu Beginn der Bergmesse, wiederzukehren, beschwört Hinterseer die Ruhe und die Stressfreiheit auf dem Berg. Man könnte es sich nun sehr einfach oder sehr kompliziert machen und sagen: Was bitte soll an dem ganzen Zirkus authentisch sein? Damit kann aber Hinterseer so wenig anfangen wie seine Anhänger. Er ist ein Mann, der bei der Oscar-Verleihung in der ersten Reihe saß und mit Vorstandsvorsitzenden bestens bekannt ist. Er hat die große Welt gesehen und wiederholt doch immer wieder die „kloinen, einfachen Worte und Wahrheiten“, die nach seiner Überzeugung immer die richtigen sind.
Gegen 18 Uhr läuft Hansi Hinterseer mit einer kleinen Schar von Fans, die sich den Marsch zutrauen, hinab ins Tal, entlang der berühmten Streif. Mausefalle, Steilhang, Lärchenschuss, Hausbergkante: Obwohl Hinterseer sagt, der Sport gleiche in vielem dem, was er heute als Sänger mache, so ist doch das Abfahrtsspektakel die Gegenwelt zur Fanwanderung – und nicht nur, weil bei dieser alle heil nach unten kommen. Hinterseer selbst, der die Streif als Kombinationsabfahrt schon einmal gefahren ist, vermag beides zu vereinen. Wie ihm das möglich ist, was es ihm gibt und wie er es aushält – das weiß wohl nur der da oben.