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Grand Prix Eurovision 1966 : „Ich musste Udo überreden anzutreten“

Merci Cherie: Hans R. Beierlein, der Manager, hat Udo Jürgens doch noch an den Flügel und zur Weltkarriere bringen können. Bild: BMC-Picture/Archiv

Hans Rudolf Beierlein, ehemaliger Manager von Udo Jürgens, im Gespräch über dessen Sieg beim „Grand Prix Eurovision de la Chanson“ im Jahr 1966. Was wäre aus dem Sänger geworden, wenn er damals nicht gewonnen hätte?

          Herr Beierlein, an diesem Samstag vor 50 Jahren gewann Udo Jürgens mit „Merci, Chérie“ den „Grand Prix Eurovision de la Chanson Européenne“ in Luxemburg und wurde zum Star. Sie waren sein Manager. Wann hatten Sie Udo Jürgens das erste Mal getroffen?

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Das war 1963. Ich war 34, hatte schon ein paar durchschlagende Erfolge als Musikmanager und leitete die deutsche Filiale eines französischen Plattenlabels. Udo Jürgens war fünf Jahre jünger als ich. Er kam damals in mein Büro in München. Seine Plattenfirma hatte ihn nach sieben erfolglosen Jahren, in denen man ihm peinliche Liebesschnulzen aufgezwungen hatte, gefeuert. Er spielte mir ein Tonband mit Eigenkompositionen vor, die in seiner Plattenfirma niemand hören wollte. Mich sprachen seine Kompositionen an, besonders der Liebessong „Tausend Träume“.

          Und das gab den Ausschlag?

          Wir machten einen Deal: Wenn sich die Platte 25.000 Mal verkauft, machen wir weiter – sonst heißt es Servus. Es gingen 75.000 Exemplare weg, vor allem in Udos österreichischer Heimat. Damals war mir längst klargeworden, dass hier ein Diamant auf den Feinschliff wartete.

          Was hatte er, was andere Künstler nicht hatten?

          Udo erinnerte mich an die französischen Chansoniers, er musste einfach seine eigenen Lieder interpretieren. Ich wurde Udos Manager, und zwar in einer Form, die bis dahin in Deutschland unbekannt war. Meine Mitarbeiter und ich kümmerten uns um jedes Detail – vom Einstecktuch bis zur Ehekrise. Mein Motto war: „Du musst komponieren und singen – alles andere machen wir.“

          Wie kam Udo Jürgens 1964 zum ersten Mal zum Grand Prix?

          Der „Grand Prix Eurovision de la Chanson“, wie der ESC damals hieß, war 1956 ins Leben gerufen worden und hatte einigen Künstlern zum Durchbruch verholfen. Mir war klar, dass ein erfolgreicher Auftritt bei diesem Wettbewerb, der in viele Länder übertragen wurde, Udos Karriere immens beflügeln würde. Beim deutschen Fernsehen wollte man von Udo 1964 nichts wissen, man entschied sich für eine Sängerin namens Nora Nova. Aber der Österreichische Rundfunk war von Udos Plattenerfolg angetan und ließ sich begeistern, ihn zu nominieren.

          Nora Nova bekam für ihr Lied „Man gewöhnt sich so schnell an das Schöne“ null Punkte, Deutschland landete damals mit Portugal, Jugoslawien und der Schweiz auf dem letzten Platz.

          Und Udo kam mit dem Lied „Warum nur, warum?“ in Kopenhagen sensationell auf den fünften Platz. Im Jahr drauf konnte ich den ORF überzeugen, ihn abermals in den Wettbewerb zu entsenden. Dieses Mal landete er in Neapel auf Rang vier mit „Sag ihr, ich lass sie grüßen“. Bei seinem Potential, das war mir klar, musste Udo nochmal einen Anlauf nehmen.

          Grand Prix 1966: Jürgens (links) und sein Manager Beierlein (Mitte)
          Grand Prix 1966: Jürgens (links) und sein Manager Beierlein (Mitte) : Bild: BMC-Picture/Archiv

          Wie viel Anteil haben Sie am Erfolg von Udo Jürgens im Jahr 1966?

          Um es in aller Bescheidenheit zu sagen: jeden denkbaren Anteil – außer, dass ich nicht komponiert und nicht gesungen habe. Udo sträubte sich mit Händen und Füßen, ein drittes Mal anzutreten. Ich musste alle meine Überredungskünste und einiges mehr einsetzen, damit er bereit war, sich noch mal diesem nerven- und kräftefressenden Wettkampf auszusetzen. Dabei hatten wir ein schönes Lied im Koffer – „Merci, Chérie“, von ihm komponiert, von Tommy Hörbiger getextet.

          Sie mussten ihn zu seinem Glück zwingen?

          Absolut! Udo wollte mehrfach vom Austragungsort Luxemburg abreisen. Und dann erschien auch noch am Morgen der Übertragung die „Bild“-Zeitung mit der Zeile „Udo Jürgens – ohne Chance“. Mit einem Freund kaufte ich damals alle erreichbaren Zeitungsexemplare auf, damit Udo nicht völlig die Nerven verlor.

          Das hat ihre Freundschaft sicher auf eine harte Probe gestellt?

          Damals stand unsere Zusammenarbeit auf der Kippe. Udo hätte fast hingeschmissen. Das änderte sich natürlich schlagartig in der Nacht, als er für Österreich den Grand Prix gewonnen hatte.

          Wie haben Sie den Sieg erlebt?

          Nachdem im Vorjahr France Gall gesiegt hatte, waren 1966 viele junge Mädchen ins Rennen geschickt worden. Udo fiel aus der Reihe – ein schlaksiger Jüngling, der am Flügel saß und mit seiner markanten Stimme das traurige Abschiedslied vortrug. Schon beim Applaus war mir klar, dass wir eine Chance auf den Sieg hatten. Als dann die Punkte abgefragt wurden, kam die Ernüchterung. Von Deutschland hieß es „zero points“. Auch Dänemark gab keinen Punkt. Aber dann drehte sich das Blatt. Udo bekam von den 18 Ländern fast doppelt so viele Punkte wie die zweitplazierten Schweden.

          Und dann?

          Wir haben uns in den Armen gelegen, Udo hat geheult, als die Anspannung gewichen war – und es gab eine nächtliche Feier, deren Einzelheiten ich der Welt ersparen möchte. Uns war beiden klar, dass Udo an diesem Abend den internationalen Durchbruch geschafft hatte.

          Was wäre aus Udo Jürgens geworden, wenn er damals nicht gewonnen hätte?

          Ich hätte wahrscheinlich versucht, ihn ein viertes Mal auf die Bühne zu zwingen. Möglicherweise hätte es einer von uns beiden nicht überlebt. Aber ohne den Sieg beim Grand Prix wäre Udos Leben anders verlaufen. Er wäre sicherlich ein begnadeter und erfolgreicher Komponist geworden, da gibt es für mich keinen Zweifel. Viele internationale Stars haben seine Musik in ihr Repertoire aufgenommen – Shirley Bassey, Matt Monro, Bing Crosby oder Sammy Davis junior, um nur einige zu nennen. Aber ob er als Interpret ohne meine klare Strategie und feste Hand so erfolgreich geworden wäre, bezweifle ich.

          Wie war er als Mensch?

          Udo war sensibel, unsicher, leicht zu beeinflussen. Es war für mich ein schlimmer Einschnitt, als er nach 14 extrem erfolgreichen Jahren die Zusammenarbeit mit mir aufkündigte. Glücklicherweise haben wir uns später wieder versöhnt und oft die Erinnerungen an die Nacht des Grand Prix 1966 zurückgerufen.

          Quelle: F.A.Z.

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