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Hans Küng bekommt den „Premio Nonino“ : Spiritus cum spiritu

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Hans Küng ist der Gewinner des diesjährigen „Premio Nonino“. Bild: dpa/dpaweb

Immer im Januar mischt die Familie Nonino ihre Heimat Friaul mit der Verleihung des „Premio Nonino“ auf. Der Preisträger 2012, Hans Küng, übte naturgemäß Kritik am Papst.

          Hans Küng stellte die anderen Preisträger des diesjährigen „Premio Nonino“ in den Schatten. Übermenschengroße Plakate kündigten einen Dialog des katholischen Theologen aus Tübingen mit dem in Kalifornien forschenden Neurologen Antonio Damasio im Theater von Udine im Friaul an – und schon eine Woche vor dem Ereignis waren alle 1500 Plätze vergeben sowie Küngs Werke in den meisten Buchhandlungen präsent.

          Eine Jury hatte für die Grappa-Familie Nonino die Preisträger für 2012 ausgesucht. „Aber Küng hätte auch unsere Idee sein können, er ist für die Familie wichtig“, sagte Antonella Nonino. „Wir sind katholisch und brauchen die Botschaft Christi, wie er sich dem Menschen nähert, und nicht die Botschaft der Kirche, die uns Schuldgefühle gibt. Viele in Italien sind trotz des Papstes, aber wegen Küng in der Kirche.“ Küng meinte gerührt: „Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass ich hier gemocht werde.“

          Immer im Januar mischt die Familie Nonino ihre Heimat Friaul auf, und ganz Italien nimmt Anteil. Der „Premio Nonino“ ist neben die großen Literaturpreise Strega in Rom und Campiello im Veneto getreten. Einige Ausgezeichnete wurden später sogar Nobelpreisträger wie der Schriftsteller V. S. Naipaul und der Lyriker Tomas Tranströmer. Beim 37. Mal wurden jetzt der chinesische Lyriker Yang Lian, der britische Historiker Michael Burleigh und eben Küng ausgezeichnet, aber auch der Zichoriensalat in Rosenform aus der Region um Gorizia. Die Noninos wollen, dass nur der Salat aus dieser Region „Rosa di Gorizia“ heißen darf. Die Auszeichnung weist auf den Anfang des „Premio Nonino“ 1975 zurück, als es der Familie darum ging, die landwirtschaftlichen Besonderheiten der Region zu preisen.

          Seither ist aus der Werbeaktion für Produkte der Region und den eigenen Grappa ein nationales Ereignis geworden. Hunderte Zuschauer erlebten in einer Halle der Brennerei die Preisverleihung mit, vor allen die Mittelständler, die aus dem Friaul eine blühende Region gemacht haben. Ein Freund der Familie kommentierte: „Für uns ist Rom weit weg und in gewisser Hinsicht Berlin näher. Wir verehren Frau Merkel, denn sie will nicht zulassen, dass sich Faulheit auf Kosten anderer lohnt.“ Ähnlich sieht es Cesare Romiti, einst Geschäftsführer von Fiat, der zu den Freunden der Familie gehört: „Wir brauchen den Klamauk der römischen Politik nicht. Wir arbeiten.“ Die Familie Nonino unterstützt Ministerpräsident Mario Monti und hofft darauf, dass er dem Druck der Politiker und Gewerkschafter widersteht, die sein Spar- und Wachstumsprogramm verwässern wollen.

          „Stolz macht nur die eigene Leistung“, lautete der knappe Kommentar von Giannola Nonino. Sie ist die „Mutter Grappa“. Während ihr Mann Benito mit mehr als 70 Jahren weiter die Brennerei betreut und die drei Töchter für Verkauf und Marketing zuständig sind, prägt sie Familie, Unternehmen und gesellschaftliche Ideale. So stand sie jetzt in der Halle mit dem immer wieder leeren Grappa-Glas in der Hand und führte durch die Preisverleihung. Auch auf Wunsch Küngs traten zwei Chöre mit der Hymne „Va, pensiero“ (Flieg, Gedanke) der Gefangenen aus „Nabucco“ auf. Der eine Chor bestand aus taubstummen Kindern, die schwarz gekleidet mit weißen Handschuhen die Melodie in die Halle malten - die Noninos unterstützen die behinderten Jugendlichen.

          Mit dem Lied wolle man nicht einer bestimmten Partei schmeicheln, sagte Giannola Nonino und meinte die „Lega Nord“, die diese Hymne pflegt. Küng fügte in dem fließenden Italienisch hinzu, das er sich an der Gregoriana während des Studiums angeeignet hat: „Ich denke bei diesem Lied nicht an die, die Italien spalten wollen, sondern an Italiens Einheit, wie sie Verdi vorschwebte.“ Er hoffe auf eine neue Wiedergeburt Italiens. „Es braucht ein Parlament, in dem die als ehrenwert Bezeichneten auch ehrenwert sind. Die Regierung Berlusconi stürzte Italien in die Krise, und Benedikt XVI. sagte dazu nicht eine Silbe. Hoffentlich unterstützt die Kirche jetzt Monti.“ Danach trug Küng in seiner Dankesrede sein Konzept vor, wonach es in einer Welt der Globalisierung auch eine „globale Ethik“ geben müsse.

          Der Seitenhieb gegen den Papst, seinen früheren Kollegen, war kein Einzelfall. Später am Abend warf er der Kirche vor, mit Verboten zu agieren. Aber eine Autorität gebe sich selbst auf, wenn sie den Menschen nicht die Freiheit lasse. Er sehe sich im loyalen Streit mit dem Papst, sagte er. Das „römische System“ habe keine Zukunft mehr, es lebe abgeschlossen wie einst der Kreml: „Diese Kirche geht dem Bankrott entgegen, aber die katholische Kirchengemeinschaft lebt.“ Das zeigte sich zu später Stunde: Da hockten die Töchter Nonino zu Küngs Füßen und ließen sich eine Bibelstelle zu einem weiblichen Apostel interpretieren.

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