09.10.2009 · In den Siebzigern war Gunter Gabriel ein gefeierter Countrysänger. „Hey Boss, ich brauch' mehr Geld“, sang Gabriel, und ganz Deutschland sang mit. Dann kam der Absturz. Jetzt trägt er Sakko und will es noch mal wissen.
Von Friederike HauptEin Comeback mit einem Song namens „Ich bin ein Nichts“ zu versuchen ist entweder besonders schlau (Feinde erstarren angesichts unerwarteter Selbstironie) oder doch recht doof (Feinde wittern Kapitulation und „haben es ja schon immer gesagt“). Weil aber Gunter Gabriel ziemlich lange, genaugenommen mehrere Jahrzehnte, Zeit hatte, sein Comeback zu planen und weil Gabriel-Bashing nach diesen eher traurigen Jahrzehnten allzu einfach und damit selbst recht doof wäre, soll die erste Annahme zumindest eine Chance bekommen. Der 67 Jahre alte Countrysänger Gunter Gabriel will also noch einmal den großen Erfolg. Nicht so einen großen wie den von Johnny Cash, als dessen deutsche Version „für Arme“ ihn Spötter bezeichnen; aber doch den Ruhm, das Geld und die Mädchen. So wie vor 35 Jahren, als man sich noch trauen durfte, den Chef um eine Gehaltserhöhung anzuhauen: „Hey Boss, ich brauch’ mehr Geld“, sang Gabriel 1974, und ganz Deutschland sang mit.
Heute sitzt Gunter Gabriel in der Hamburger Oberhafenkantine und singt immer noch. Zumindest, wenn er während des Interviews plötzlich Lust darauf bekommt; dann stimmt er den „Gockel-Song“ an, der davon erzählt, wie einem Mann das Gehirn einer Prostituierten eingepflanzt wird; im Rhythmus haut Gabriel auf die Tischkante, dass die Milchkaffeetasse vor ihm nur so bebt. Überhaupt scheint er noch ganz der Alte zu sein, auch wenn er sich der Plattenfirma zuliebe ein schickes graues Jacket über den Anthrazitrolli gezogen hat, damit in der Pressemappe stehen kann, der Gabriel sei „scheinbar runderneuert, wohlfrisiert, in ein gutsitzendes Sakko gekleidet“.
„Wer einmal tief im Keller saß“
Doch erzählt er erst einmal, ist er gar nicht mehr so wohlfrisiert – vom Saufen und Vögeln, Abstürzen und Aufrappeln. Vom ganz normalen Gabriel-Leben eben, das ihn so mitgenommen, eigentlich -gezerrt hat, dass eine Runderneuerung des Protagonisten wohl schon seit mindestens 30 Jahren ausgeschlossen ist. Episoden dieses Lebens hat der Sänger nun aufgeschrieben. „Wer einmal tief im Keller saß“ heißt die Autobiographie, und wer „einmal“ für einen Euphemismus hält, liegt nicht ganz falsch.
Schon Gabriels Kindheit erscheint im Buch in etwa so erfreulich wie eine Flasche Lebertran auf ex. Die sanfte Mutter stirbt 1946, der kleine Gunter ist gerade vier Jahre alt, der Vater prügelt fortan für zwei auf Sohn und Tochter ein. Doch mit Humor beschreibt Gabriel die Lichtblicke, die es auch gibt, Opa, Stiefmutter und die Performance, die ihn 1955 fürs Musikmachen begeistert: auf Klassenfahrt, als der Jugendherbergsvater „Am Brunnen vor dem Tore“ klampft. Später dann die ersten Auftritte im Jugendclub, der Job als Promoter, schließlich der erste Hit, „Er ist ein Kerl“.
Sex auf der Limousinenrückbank
Doch fast wie Beiwerk erscheint all das zuweilen neben den Erfolgen jenseits der Musik: bei Carin, Gabriele (die zur Nachnamenspatin für den als Günther Caspelherr Geborenen wurde), Marieluise und wie sie alle hießen. Das alles liest sich ungefähr so abenteuerlich wie Dieter Bohlens Lebensbeichte, kommt aber ohne Schmähungen der (hier noch zahlreicher vorhandenen) „Ex“-Freundinnen und -Frauen aus („Ich will mit niemandem abrechnen“) und schildert statt Penisfraktur lieber, wie beim Sex auf der Limousinenrückbank der Chauffeur diskret das Radio lauter drehte und den Innenspiegel wegklappte. Gar nicht so unglamourös, das Leben hinter den Kulissen der Heck’schen Hitparade, werden die Gabriel-Feinde zähneknirschend zugestehen müssen.
Aber eben auch nicht immer so glamourös. So unvergessen wie „Komm unter meine Decke“ sind die Prügeleien, in denen er vor Frauen nicht haltmachte; das vom Dauerrausch schiefe Alibigrinsen; die Zeiten in der „Beklopptenanstalt“; der 500.000-Euro-Schuldenberg, den Gabriel mit eigenen Händen abtragen wollte. Als er deshalb im Januar 2007 in der Fernsehsendung „Herman und Tietjen“ anbietet, 500 Wohnzimmerkonzerte für 1000 Euro je Show zu spielen und seine private Telefonnummer in die Kamera hält, verspottet ihn die „Bild“-Zeitung am nächsten Tag als Bettler.
Hausboot im Harburger Hafen
Doch Gabriel zieht es durch, spielt für krebskranke Mütter das letzte Konzert und vor Söhnen, denen seine Songs die Ehe retten sollen. Heute hat er auf seinem Hausboot, auf dem er im Harburger Hafen lebt, einen 8000- Euro-Whirlpool, den ihm ein Konzertgast spendiert hat. Das Geld ist zwar noch immer knapp - „aber wohlhabend sein und Wohlbefinden gehören nicht zusammen“, sagt Gabriel. Glück sei für ihn, im Bademantel und Schlappen zum Kiosk zu radeln, an der glitzernden Elbe entlang, und sich ein paar Brötchen zu holen. Dem schickt er mit rauher Stimme noch ein „Bin ja froh, dass ich überhaupt noch existiere“ hinterher, damit ein Kitschverdacht gar nicht erst aufkommen kann.
Gabriels Rückblick auf sein Leben, in dessen „Finale“ er sich nun sieht, fällt dementsprechend nüchtern aus: „Die Kernprobleme haben sich nicht gelöst. Ich bin nach wie vor ein Suchender, kann nach wie vor mit Glück nicht umgehen.“ Mit der langjährigen Freundin ist Schluss, die Angst, als Schlagerfuzzi wahrgenommen zu werden, immer noch da, der Erfolg des neuen Albums „Sohn aus dem Volk“ ungewiss. Das eingangs erwähnte Lied „Ich bin ein Nichts“, Gabriels Interpretation des Radiohead-Songs „Creep“, bildet den Abschluss. Davor 13 weitere Titel, Gitarre, Gabriel-Gebrumm, Gedanken übers Leben und Lieben.
Seit 20 Jahren in der Kreisklasse
Eher leise ist das Album, selbst Peter Fox’ „Haus am See“ covert er mit ein bisschen Altersweisheit zwischen den Zeilen, die vom Glück mit Familie und viel Natur erzählen. Yvonne Koch hört aufmerksam, leicht lächelnd, zu, als er davon erzählt, wie „geil“ er das Lied finde. Sie ist Gabriels älteste Tochter und seine Managerin, wuschelt ihm fürs Pressefoto die Haare zurecht, denkt für ihn mit, wenn er von früheren Zeiten träumt. Ihr Verhältnis ist gut, sie berichten von gemeinsamen Fahrradtouren von Berlin nach Venedig, Gabriel hat gerade sein Hausboot ausgebaut, damit die Enkel mehr Platz zum Spielen dort haben, und beinahe stolz berichtet er, dass Yvonnes Mutter Gabriele ihren jetzigen Lebensgefährten auf einem seiner Konzerte kennengelernt habe.
Auf ein gelungenes Comeback hofft die ganze Familie. Doch seit 20 Jahren lebe er in der Kreisklasse, sagt Gunter Gabriel, und er lebe da großartig. Klappt es nicht mit dem Erfolg, geht das Leben trotzdem weiter, trägt der Sänger die vor 25 Jahren in Nashville erstandenen Stiefel eben wieder zum Cowboyhemd statt zum neuen Sakko, tourt er in seinem schwarzen Sprinter mit dem abgenutzten roten Schlafsofa hinten drin eben wieder privat durch Deutschland statt zu seinen eigenen Konzerten.
Wie an seinem alten Auto („Limousinen brauch’ ich heute nicht mehr“) sei auch an ihm noch etwas Brauchbares dran, sagt Gabriel und sieht dabei ganz und gar zufrieden aus. „Das Getriebe kann man vielleicht noch nehmen.“