22.03.2005 · Nein, sie ist nicht nur eine Mätresse des Königs und ihr steht mehr zu als eine „Morgengabe“. Camilla muß Queen werden. Eigentlich. Was der britische Verfassungsminister auf eine unfein laute Frage antwortete.
Von Bernhard Heimrich, LondonWäre der Labour-Abgeordnete Andrew Mackinlay so adlig wie sein neuestes Opfer, hätte er einen Terrier im Wappen. Tony Blair reibt sich wahrscheinlich heute noch verstohlen die Waden, wenn er an die Zeit vor zwei Jahren zurückdenkt, als sein bissiger Parteifreund im Untersuchungsausschuß über den Irak den Mund aufmachte. Jetzt hat Mackinlay sogar den Prinzen Charles gebissen.
Das heißt, er hat dem Verfassungsministerium unfein laut die Frage gestellt, über die man an vielen Adressen heimlich brütet: „Ist die Heirat des Kronprinzen mit Camilla Parker Bowles morganatisch?“ Zur Strafe hat er schriftlich die schroffeste Antwort der Parlamentsgeschichte bekommen: „Nein.“
Seither bemüht sich das Höflingskollektiv von Clarence House, dem Stadtpalais der rüstigen Verlobten, diese kurze Auskunft so wortreich wie möglich zu verharmlosen. Es hilft aber nichts, denn inzwischen haben schon zu viele Untertanen herausbekommen, was „morganatisch“ ist und was „nein“ bedeutet.
Alles, nicht nur die Morgengabe
Wie der Rest des Arrangements stammt „morganatisch“ aus dem Mittelalter und hat etwas zu tun mit der deutschen „Morgengabe“. Wenn der Mann adlig ist oder gar königlich und sie nicht, bekommt die Ehefrau nach vollbrachter Hochzeitsnacht nur die Morgengabe, eine Art Mitgift, und nichts weiter. Sie tritt nicht in seine Titel ein, und die Kinder erben nicht seinen Adel.
In diesem Land kommt das selten vor, denn normalerweise heiratet ein englischer Prinz nicht seine Mätresse. König Edward VIII., der es 1936 dennoch tun wollte, mußte abdanken. „Debrett's Correct Form“ von 1999, der 375 Seiten lange, unerläßliche Führer durch das mittelalterliche britische Klassensystem von heute, erörtert zwar Dinge wie den richtigen gesellschaftlichen Umgang mit der „Witwe eines Mannes, der Lord geworden wäre, hätte er seinen Vater überlebt“; doch morganatische Verhältnisse werden nicht einmal in Betracht gezogen.
Das „Nein“ des Staatsministers Leslie vom Verfassungsministerium bedeutet folglich, daß Camilla alles bekommen wird, nicht nur eine Morgengabe. Sie wird also tätsächlich einmal automatisch „Queen“ werden.
„Prinzessin von Wales“
Nur ein Gesetz könnte das ändern, aber diese „Lex Camilla“ müßte nicht nur in London verabschiedet werden, sondern in 17 Staaten des Commonwealth. Im ersten Schock nach der Enthüllung begütigen die Sprecher aller befragten Ämter von der Premierskanzlei über das Verfassungsministerium bis zum Juniorpalast, diese Sache werde erst in langer, langer Zeit spruchreif, denn Ihre Majestät - gemeint ist immer noch Elisabeth II., nicht Camilla - erfreue sich robuster Gesundheit.
Dabei übersieht man angestrengt die zweite Falle hinter diesem „Nein“: Wenn sie den Prinzen von Wales nichtmorganatisch heiratet, wird Camilla ebenso automatisch auch „Prinzessin von Wales“, und zwar schon am 8. April. Der Abgeordnete Mackinlay hat im Rundfunk ungefähr gesagt, das sei doch wieder einmal typisch, und die Camilla-Kamarilla habe die Nation angeschwindelt.
Doch richtig frech gelogen hat eigentlich niemand. In der Verlobungsdeklaration heißt es nur in Hofsprache raffiniert, Camilla werde nach der Heirat den Titel Herzogin von Cornwall „benutzen“. Dieser Titel gehört aber ohnehin zum Sortiment, das dem Prinzen und seiner Frau anhängt wie eine Schleppe.
„Say nothing, If you can't say something nice“
Auch Diana war unter anderem Herzogin von Cornwall gewesen, hatte das aber nicht eigens auf dem Briefpapier vermerkt. Und nun wird Camilla unter anderem Prinzessin von Wales. Zum Fall der Thronfolge wiederum vermeldet die Erklärung züchtig, Camilla „hat die Absicht“, nur den Titel „Princess Consort“ zu führen, Prinzessin-Gemahlin. Mit „Absichten“ wie dieser ist aber auch schon der Weg ins Standesamt von Windsor gepflastert. Prinz Charles hatte aus nur zu gutem Grund einmal hochoffiziell erklärt, er habe „nicht die Absicht, noch einmal zu heiraten“.
Über die Rechtslage könnte man vielleicht streiten, denn es gibt keine festgeschriebene Verfassung. Um so fester steht aber, daß heute 70 Prozent der Briten eine „Queen Camilla“ für inakzeptabel halten. Dafür ist diese Frau immer noch zu deutlich in Erinnerung als der böse Geist, der die Ehe des Thronfolgers mit der „Prinzessin des Volkes“ vergiftet hatte.
Alles andere sagt - oder sagt eben lieber nicht - die volkstümliche Poetin Pam Ayres, die erst im vergangenen Herbst von der Königin ausgezeichnet worden war. Als sie um ein Gedicht zur nahenden königlichen Hochzeit gebeten wurde, lieferte sie diese Zeilen ab: „My mother said: / ,Say nothing, If you can't say something nice.' / So from my poem you can see / I'm taking her advice.“