22.08.2006 · Er hat keinen Job, wohnt bei seiner Mutter und hat wahrscheinlich ein mathematisches Jahrhundertproblem gelöst: Grigori Perelman. Anerkennung verlangt der 40 Jahre alte Russe nicht - und lehnte die wichtigste Auszeichnung in seinem Fach ab.
Der Mathematiker Grigori Perelman hat eine der höchsten Auszeichnungen in seiner Wissenschaft abgelehnt und damit einen Eklat auf einem internationalen Fachkongreß in Madrid ausgelöst. Der Russe akzeptiere die Fields-Medaille nicht und sei daher auch nicht zur Entgegennahme in die spanische Hauptstadt gereist, teilte der Präsident der Internationalen Mathematischen Union (IMU), John Ball, mit.
Perelman ist der erste Wissenschaftler in der Geschichte, der die renommierte Medaille ablehnt. Der 40jährige, in der Presse zuweilen als Genie oder „intelligentester Mensch der Welt“ bezeichnet, brüskierte damit seine Kollegen aus aller Welt, die in Madrid zum 25. Internationalen Mathematikerkongreß zusammengekommen waren. Die Auszeichnung, die häufig mit dem Nobelpreis verglichen wird, vergibt die IMU alle vier Jahre auf ihrem im selben Turnus tagenden Weltkongreß.
Poincaré-Vermutung anscheinend gelöst
Der aus St. Petersburg stammende Perelman soll die sogenannte Poincaré-Vermutung, eines der schwierigsten Probleme der Mathematik, gelöst haben. Die Poincaré-Vermutung, die der große französische Mathematiker Henri Poincaré (1854-1912) vor rund 100 Jahren aufgestellt hatte, ist so kompliziert, daß sie nicht nur für Laien unverständlich ist, sondern auch die Künste vieler Experten übersteigt. Es geht dabei um die Frage, wie die Oberfläche von vierdimensionalen Körpern beschaffen ist. Das Thema hat weit reichende Bedeutung: Experten erhoffen sich davon Rückschüsse auf die Beschaffenheit des Universums.
Mehrere Mathematiker hatten schon geglaubt, den Nachweis erbracht zu haben, mußten aber später Fehler eingestehen. Perelman könnte das Jahrhundertproblem nun gelöst haben. Er schloß sich daheim in St. Petersburg jahrelang ein, bis er 2002 und 2003 seine Rechnungen im Internet veröffentlichte. Anschließend erläuterte er seine Arbeiten an mehreren Universitäten in den Vereinigten Staaten. Seither ist er von der Bildfläche praktisch verschwunden.
In seiner Beweisführung konnte bislang niemand größere Fehler entdecken. „Unter den Wissenschaftlern macht sich die Überzeugung breit, daß Perelman das Rätsel geknackt hat“, schreibt die britische Zeitung „The Guardian“. Um Anspruch auf die Million Dollar erheben zu können, müßte der Russe seine Arbeiten jedoch in einer anerkannten Fachzeitschrift veröffentlichen. Dazu machte er aber keine Anstalten.
Perelman: „Brauche keine weitere Anerkennung“
„Wenn sich zeigt, daß meine Beweisführung stimmt, brauche ich keine weitere Anerkennung“, sagte der Russe kürzlich Reportern der amerikanische Zeitschrift „The New Yorker“. „Ich habe von Anfang an gesagt, daß ich die Auszeichnung ablehnen werde. Die Medaille ist für mich völlig unbedeutend.“
Dem Wissenschaftler ist anscheinend nicht nur der Ruhm egal, sondern auch das Geld. Perelman könnte sich berechtigte Hoffnungen auf eine Belohnung von einer Million Dollar machen, die die amerikanische Clay-Stiftung ausgelobt hat. Das Preisgeld soll derjenige Mathematiker erhalten, der die Poincaré-Vermutung beweisen kann.
Kein „Aushängeschild der Mathematik“
„Perelman hat die Fields-Medaille abgelehnt, weil er sich von der Gemeinschaft der Mathematiker isoliert fühlt“, berichtete IMU-Präsident Ball. „Er hat eine etwas eigene Psychologie, aber das macht ihn auch interessant. Ich fürchte aber nicht um seine geistige Gesundheit.“ Perelman wolle nicht das „Aushängeschild der Mathematik“ sein.
Ball war im Juni nach Petersburg gereist, um Perelman zur Annahme der Auszeichnung zu bewegen. Er berichtete, der Russe habe einen Lehrstuhl als Professor abgelehnt und sei derzeit ohne Arbeit.“ Nach Medienberichten lebt Perelman am Stadtrand von St. Petersburg bei seiner Mutter.
Die anderen Preisträger akzeptierten
Der spanische König Juan Carlos überreichte drei weitere Fieldsmedaillen an den Mathematik-Professor Andrej Okounkow von der Princeton-Universität in den Vereinigten Staaten, Terence Tao von der Universität von Kalifornien in Los Angeles sowie den in Deutschland geborenen Franzosen Wendelin Werner. „Die Mathematik hilft uns, die Welt zu verstehen, in der wir leben“, sagte Juan Carlos. „Sie trägt außerdem dazu bei, die Zusammenarbeit zwischen Ländern, Gesellschaften und Kulturen zu stärken.“
Die IMU vergibt die nach dem kanadischen Mathematiker John Charles Fields benannten Medaillen seit 1936 alle vier Jahre an zwei bis vier herausragende Mathematiker unter 40 Jahren. Sie sind insgesamt mit umgerechnet rund 10.000 Euro dotiert. Der Franzose Werner, der 1968 in Deutschland geboren wurde, erhielt die begehrte Auszeichnung für Arbeiten zum mathematischen Verständnis physikalischer Systeme. Die Arbeit des Forschers von der Universität Paris-Sud repräsentiere eines der fruchtbarsten Zusammenspiele zwischen Mathematik und Physik, urteilte das Preiskomitee. An dem Weltkongreß in Madrid nehmen nach Angaben der Veranstalter 3500 Mathematiker aus 123 Ländern teil
na und?
Jörg Keller (malvis)
- 22.08.2006, 20:54 Uhr
Wer tickt richtig?
gisbert heimes (gisbert4)
- 23.08.2006, 01:59 Uhr
Poincaré-Vermutung - einfach mal erklaert!
Marc Rieger (rieger74)
- 27.08.2006, 09:50 Uhr