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Buch über SMS von Dieben : Er ist ihr treu geblieben, „falls sie fragt“

  • -Aktualisiert am

Er hätte die Kurzmitteilungen einfach achtlos löschen können. Aber so tickt er nicht: Lukas Adolphi bei einer Lesung. Bild: Henry Laurisch

Nachdem er sein geklautes Handy wiederbekommen hat, findet ein Mann drauf Hunderte SMS von den Dieben gespeichert – und macht daraus kurzerhand ein Buch.

          Ein junger Mann mit Fünftagebart und Trainingsjacke sitzt an einem Tisch in Saal 1 des Leipziger Congress Centrums. Es ist Samstag auf der Leipziger Buchmesse. Tausende Bücherfreunde schieben sich zwischen Verlagsständen umher, Manga-Fans machen in ihren Kostümen ein Selfie nach dem anderen, in Halle 3 brüllen sich Rechte und Linke an. Bei der Autorenrunde in Saal 1 geht es um erfolgreiches Publizieren. Die Tischgespräche mit Referenten aus der Branche drehen sich um weibliches Schreiben in exponierten Themenfeldern, allerlei Vermarktungsstrategien und das Rezept für Liebesromane. Auch der junge Mann hat etwas zu erzählen: „Wie es sich anfühlt, einen viralen Hit zu landen“ heißt das Thema, bei dem man aber im Grunde nichts lernen kann. Denn Lukas Adolphi, 29, hatte eine Idee, die sich nicht ohne weiteres nachahmen lässt. Vor allem hatte er Chuzpe. So ist aus einem Grafikdesigner ohne Job innerhalb weniger Wochen ein Ein-Mann-Unterhaltungsbetrieb geworden, der in Eigenregie über 3000 Bücher verkauft hat. Und das nur, weil Adolphi vor acht Jahren sein Handy gestohlen wurde. Seine Geschichte ist ein Märchen aus der Aufmerksamkeitsökonomie.

          An einem Sonntagabend im Oktober 2010 fährt Lukas Adolphi, damals ein Student im Fach Kommunikationsdesign mit einem Hang zu bunten Outfits, bei seiner Bank in der ostdeutschen Großstadt Halle vorbei, um Geld abzuheben. Als er die Sparkasse mit 30 Euro verlässt und gerade sein Fahrradschloss aufschließen will, packt ihn eine Hand im Nacken. „Dein Geld“, knurrt eine Stimme. Adolphi dreht sich um und steht zwei Typen gegenüber, zwischen 16 und 17 vielleicht. Adolphi schaut ihnen aus Angst gar nicht erst in die Augen. Sie wollen das Geld und sein Handy, ein gebraucht gekauftes Sony Ericsson K800i. Adolphi wehrt sich nicht, Gewalt lehnt er ab. Dann verschwinden die Typen mit der Beute um die Ecke.

          Adolphi ruft zittrig die Polizei, ein Streifenwagen kommt und dreht eine Runde am Bahnhof mit ihm. Doch die Diebe sind schon weg. Die Geschichte könnte hier zu Ende sein – bei einem jungen Mann, der sich noch wochenlang nachts auf der Straße aus Angst umdrehen wird. Im Frühjahr 2011 fischt Adolphi aber eine Zeugenvorladung aus seinem Briefkasten. Er soll gegen die Diebe aussagen. Es sind jugendliche Intensivtäter, die damals noch zur Schule gehen und kein Problem damit haben, bei anderen Überfällen ein Messer zu zücken. Vor Gericht fällt es Adolphi schwer, die Jugendlichen zu beschuldigen. Wie der Prozess ausgeht, erfährt er nicht. Doch ein paar Wochen später wird er den Jugendlichen, der ihn am Nacken packte, in der Innenstadt von Halle sehen. Offenbar ist er noch einmal mit einer Bewährungsstrafe davongekommen. Adolphi wird ihn noch besser kennenlernen, als ihm ursprünglich lieb war. Er wird wissen, wem er schreibt, wie er tickt. Er wird ihm seine Stimme geben, ihn als rücksichtslosen Macho verkörpern, der mit vier Mädchen gleichzeitig anbandelt, auf Lesebühnen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Er wird ihn Marco nennen. Eigentlich heißt der Jugendliche und alle seine Freunde anders.

          Vom Opfer zum Gewinner

          Als Adolphi sein Handy bei der Polizei aus der Asservatenkammer zurückbekommt, sind darauf Hunderte gesendete und empfangene SMS gespeichert. Marco hat das gestohlene Handy benutzt, zwei Wochen lang. Adolphi hätte die Kurzmitteilungen achtlos löschen können, doch so tickt er nicht. Im Studium macht er im öffentlichen Raum Guerrilla-Installationen mit rotweißem Absperrband, wobei ihn auch einmal die Polizei ertappt. Er baut gerüstartige Installationen für Musikfestivals und veröffentlicht einen Bildband über Bushaltestellen in Osteuropa. „Alle meine Projekte haben eine spielerische Komponente“, sagt Adolphi. Doch sie sind auch ein bisschen versponnen, brotlos. Das wird sich mit „die cops ham mein handy“ ändern. Adolphi wird vom Opfer zum Gewinner.

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