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Dienstag, 18. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Gespräch unter Schüchternen „Was, wenn das jemand liest?“

 ·  Florian Werner hat ein Buch über die Schüchternheit geschrieben - eine „unterschätzte Eigenschaft“. Im Gespräch erzählt er, warum schüchterne Menschen für eine Gesellschaft wichtig sind, weshalb Schüchternheit zuverlässig macht - und wie sie sich doch überwinden lässt.

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© plainpicture/ponton Süß, die Kleine ist schüchtern. Doch was, wenn sie erwachsen wird?

Herr Werner, Sie haben ein Buch über Schüchternheit geschrieben, und Sie bezeichnen sich auch selbst als schüchtern. Mit einem Unbekannten ein längeres Gespräch zu führen, womöglich mit Blickkontakt und ohne Alkoholeinfluss, falle Ihnen „unsagbar schwer“, schreiben Sie. Wie geht es Ihnen nun, wo Sie mit einem Ihnen fremden Journalisten beim Tee im Café sitzen und ein Interview geben müssen?

Ach, eigentlich ganz gut. Ich gehe mal davon aus, dass Sie mir nichts Böses wollen. Schlimmer ist die erwartbare Bedrohung durch ein Gegenüber - zum Beispiel ein unangenehmes Telefonat, das einem bevorsteht und das man immer wieder hinausschiebt. Oder wenn man kalt erwischt wird aus dem Hinterhalt: Wenn man nichtsahnend in einer Tram sitzt, und jemand tritt einem auf den Fuß. Dann würde ich mich wohl erst einmal selbst entschuldigen.

Als Schüchterner, wenn ich mich auch mal outen darf, kann man sich in Ihrem Buch gut wiederfinden - etwa wenn Sie beschreiben, wie lange Sie selbst an unwichtigen E-Mails feilen. Sie gewähren dem Leser aber noch viel mehr Einblicke in Ihr Leben. Hat es Sie nicht große Überwindung gekostet, sich derart zu öffnen?

Einen gewissen psychoanalytischen Charakter hat so ein persönlicher Schreibprozess ja immer. Ich habe jeden Tag sieben, acht Stunden lang meine eigenen Abgründe und Ängste erforscht. Es ging mir danach meistens besser als vorher. Die Angst bleibt natürlich: Was, wenn das jemand liest? Da muss man dann wieder sehr von sich selbst abstrahieren und hoffen, dass die Freunde und Verwandten, die im Buch auftauchen, es nicht in den falschen Hals bekommen.

Ihr Buch nennen Sie ein „Bekenntnis zu einer unterschätzten Eigenschaft“. Inwiefern wird Schüchternheit unterschätzt: dadurch, dass sie die Schüchternen weit ärger belastet, als es sich ein Nicht-schüchterner vorstellt, oder in dem Sinne, dass es eigentlich doch eine ganz nette Eigenschaft ist?

Natürlich kann Schüchternheit sehr quälend sein. Sie ist aber auch eine Eigenschaft, die ihre Stärken hat, welche oft sowohl die Schüchternen selbst als auch die Nichtschüchternen übersehen. Zunächst einmal ist Schüchternheit ein normaler Bestandteil des Gefühlsrepertoires: Dass man vor Begegnungen mit Fremden oder sozial Höherstehenden eine gewisse Angst empfindet, ist vielleicht nicht notwendig, aber auch nicht anormal.

Zum zweiten ist es gesamtgesellschaftlich notwendig, dass es Schüchterne gibt. Wenn es nur Alphatiere gäbe, hätte man eine Weide mit lauter Leitbullen, die sich gegenseitig die Köpfe einrennen. Beim Fußball braucht man ja auch den Wasserträger und den, der den Pass spielt.

Sie selbst spielen Fußball in der Nationalmannschaft der Schriftsteller. Auf welcher Position?

Natürlich Verteidigung, wie es sich gehört für einen Schüchternen.

Der Psychologe Borwin Bandelow behauptet, dass Schüchterne durchaus attraktive Partner sind - weil sie dankbarer seien. Das finde ich nicht gerade schmeichelhaft.

Klingt ein bisschen nach Hund: der Schüchterne, der beste Freund des Menschen. Ich glaube, um auf Augenhöhe zusammenzuleben, braucht es doch mehr als Dankbarkeit. Aber es stimmt, Schüchterne sind treu in Beziehungen - vielleicht auch aus der Not geboren: Sie gehen eben nicht einfach so in die Kneipe und quatschen eine fremde Frau an. Aber sie erkennen vielleicht auch besser den Wert sozialer Beziehungen, weil sie diese nicht für selbstverständlich nehmen.

Und auch wenn das jetzt wahrscheinlich ganz unschüchtern und arrogant klingt: Schüchterne, das belegen Studien, sind recht zuverlässig. Sie haben weniger Unfälle, und sie gehen vorsichtiger mit Geld um. Wenn man sich weit aus dem Fenster lehnt, dann könnte man sagen: Die Finanzkrise geht auf das Konto der Selbstbewussten. Die Milliarden anderer Leute zu verjuxen, das würde ein Schüchterner nie tun.

In früheren Epochen, schreiben Sie, war Schüchternheit gar nicht stigmatisiert. Das kam erst mit Demokratie und Kapitalismus.

Mentalitätsgeschichtlich betrachtet ist Schüchternheit ein Phänomen der Moderne; für den mittelalterlichen Menschen war sie als Kategorie nicht denkbar. Das hat viel mit einem zunehmenden Ichbewusstsein zu tun und einer größeren Sensibilität gegenüber Gefühlen. Dass Schüchternheit im großen Maßstab zum Problem wurde, das ist die dunkle Seite der Demokratisierung.

Mit der Aufhebung der ständischen Ordnung kam man viel öfter in die Verlegenheit, sich in Kreisen zu bewegen, deren soziale Codes man nicht beherrschte: dieses peinigende Gefühl, welches ist die richtige Gabel, welches das richtige Weinglas. Als krankhaft festgeschrieben wurden schüchterne Verhaltensweisen aber erst 1980, in dem amerikanischen Standard-Klassifikationswerk für Psychiater. Inzwischen ist die Sozialphobie in der westlichen Welt die dritthäufigste psychiatrische Diagnose nach Depressionen und Alkoholismus. Das ist eine erstaunliche Karriere.

Heute wird von jedem konsequente Selbstvermarktung erwartet. Ihr Lob der Schüchternheit könnte man freilich als den Versuch missverstehen, auch eine solche Eigenschaft marktkonform zu machen.

Es ist natürlich ein performativer Widerspruch, wenn man sich ausgerechnet mit dem Thema Schüchternheit ans Licht der Öffentlichkeit drängt. Andererseits wäre es schlimm, wenn man als Schüchterner über das Thema Schüchternheit gar nicht sprechen dürfte.

Laut Umfragen hält sich jeder fünfte Deutsche für schüchtern, in Amerika sind es 42 Prozent, in Japan sogar 57. Ist Schüchternheit also doch nicht so verpönt, wo sich so viele dazu bekennen?

Solche Umfragen werden natürlich nie interesselos durchgeführt, sondern meistens von Psychologen, die ihr Thema aufs Parkett bringen möchten. In Japan, vermute ich, bekennen sich auch deshalb so viele zur Schüchternheit, weil Zurückhaltung als eine sehr viel normalere und geachtetere Eigenschaft gilt. In vielen fernöstlichen Kulturen ist diese ichbezogene Selbstdarstellungskultur, wie sie bei uns vorherrscht, undenkbar.

Andererseits könnte man auch Ihnen eine gewisse Selbststilisierung vorhalten. Sind denn Schüchterne per se die besseren Menschen?

Natürlich besteht die Gefahr, dass da eine gewisse Koketterie mitschwingt, das ist ein schwer lösbarer Widerspruch. Eigentlich müsste das Ziel sein, aus dem Anspruchsdenken der selbstbewussten exposure culture herauszutreten und seine Schüchternheit nicht an die große Glocke zu hängen. Aber vielleicht brauchen wir dafür erst eine Quote für Schüchterne.

Woher kommt Schüchternheit?

Dafür ist sicher ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren verantwortlich, es gibt ja kein einzelnes Schüchternheits-Gen. Vieles ist der kulturellen Prägung zuzuschreiben: Ich erkenne mich stark in meinem Vater wieder, in seiner Art, auf die Welt zuzutreten. Und es hat sicher auch mit der Geschwisterhierarchie zu tun. Mein Vater ist der jüngste von vier Geschwistern, ich bin der Zweitgeborene von zweieiigen Zwillingen - und ich habe mich, so absurd das vielleicht klingt, auch immer als der Jüngere gefühlt.

In Ihrem Buch beschreiben Sie, wie während Ihres Austauschjahrs in Amerika nachts ein Mädchen namens Michelle zu Ihnen ins Bett kriecht - und Sie zu schüchtern sind, aus der Situation etwas zu machen. Hatten Sie schon mal jemandem von Michelle erzählt?

(Lacht) Tatsächlich hatte ich meiner Frau und auch sonst noch niemandem von Michelle erzählt, die auch tatsächlich so heißt - was egal ist, weil sie das Buch vermutlich niemals lesen wird. Diese Erinnerung hat wirklich Jahrzehnte in einem Stübchen des Unbewussten geschlummert und ist plötzlich wiederaufgetaucht.

Sie schreiben auch, dass Ihnen dabei, Ihre heutige Frau näher kennenzulernen und ihr schließlich den Heiratsantrag zu machen, der Alkohol half. Überhaupt scheinen Ihnen legale Drogen im gewissen Maß akzeptabel, um Schüchternheit in den Griff zu kriegen.

Das war natürlich eine Stelle, mit der meine Frau gar nicht einverstanden war. Und ich versuche das ja auch zu problematisieren: Schüchterne sind prozentual gesehen sehr viel häufiger alkoholkrank als Nichtschüchterne und neigen generell eher zu Suchtkrankheiten. Diese Heiratsantragsszene ist sicher satirisch überspitzt. Was es einfacher gemacht hat, war, dass meine Frau zu dem Zeitpunkt ebenfalls etwas getrunken hatte - und dass wir schon lange zusammenlebten. Es war eher eine Pro-forma-Frage als eine, wo ich Angst vor Ablehnung hätte haben müssen.

Wird Schüchternheit mit dem Alter unangenehmer? Ein schüchternes Kind ist süß, ein schüchterner Mann wirkt leicht lächerlich. Und kann ich von meiner kleinen Tochter verlangen, alleine zum Bäcker zu gehen, wenn ich selbst es hasse, wenn im Geschäft ein Verkäufer auf mich zuspringt?

Ich gehe einfach überhaupt sehr selten in Geschäfte, um so eine Situation gar nicht erst aufkommen zu lassen. Aber ich glaube, dass im Alter die Anlässe für Schüchternheit seltener werden, wenn man sich in seinem sozialen und beruflichen Umfeld positioniert und auch deswegen auch weniger mit Fremden zu tun hat. In dem Moment, wo man heiratet, kommt man seltener in die Verlegenheit, unangenehme Gespräche mit Vertretern des anderen Geschlechts zu führen. Das Schlimme war ja früher die übermächtige Fremdheit, der erste Schultag in der neuen Klasse.

Sie neigen als Schüchterner zu dem, was Sie als kontraphobisches Verhalten bezeichnen: Sie stehen regelmäßig mit Ihrer Literaten-Band Fön auf der Bühne und sind sogar mal mit Reinhard Mey bei „Wetten, dass ...?“ aufgetreten. Wie war das?

Das war okay - ich war ja auch nur der dritte Playback-Bratscher von links. Aber ich habe mir die Aufzeichnung nie angeschaut. Eine Art Selbstbetrug: Ich sagte mir, die Kamera wird schon nicht auf mich gehen.

Loswerden kann man die Schüchternheit offenbar nicht. Hat Ihnen das Buch wenigstens geholfen, sich mit ihr zu arrangieren?

Ich würde jedem Schüchternen raten, ein Buch darüber zu schreiben.

Die Chance haben Sie jetzt vielen genommen.

Es ist kein therapeutisches Buch. Aber ich habe schon das Gefühl, dass es sich durch das Schreiben ein bisschen gebessert hat. Gestern Abend beim Fußballspielen gab es zum Beispiel ein Gerangel an der Torauslinie, und der Ball ging ins Aus. Ich habe zum ersten Mal, was ich sonst nie mache, selbstbewusst den Arm nach oben gerissen, wie es sich gehört für einen Fußballer: keine Ecke, sondern Abschlag für uns. So etwas schien mir immer arrogant und doof. Gestern hat der Schiedsrichter zum ersten Mal für mich gepfiffen.

Und wer von uns beiden winkt jetzt den Kellner herbei?

Ich würde mich gar nicht trauen, ihn heranzuwinken, sondern hineingehen und am Tresen bezahlen.

Einverstanden.

Die Fragen stellte Jörg Thomann.

Florian Werner: „Schüchtern“. Bekenntnis zu einer unterschätzten Eigenschaft. Nagel & Kimche, München 2012. 176 Seiten, geb., 17,90 Euro.

Quelle: F.A.S.
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