http://www.faz.net/-gum-8xqmv

Indigene in Brasilien : „Sie kommen, schießen und töten“

Die Indigenen Brasiliens demonstrieren gegen Staatspräsident Michel Temer – und wehren sich ohne Waffen. Bild: dpa

Die Regierung gesteht ihnen keine Rechte zu, Milizen der Agrarindustrie vertreiben sie: Ladio Veron, Führer der Guaraní-Kaiowá, spricht im Interview über den Kampf der Indigenen in Brasilien um ihr angestammtes Land.

          Sie haben zwei Namen: Ladio Veron und Ava Taperendy. Wie werden Sie lieber genannt?

          Ich nutze beide Namen.

          Weshalb?

          Ava Taperendy ist der Name, den mir meine Familie gegeben hat. Er bedeutet „Kleiner Weg des Lichts“. Den wollte ich bei den Behörden registrieren lassen, aber ich durfte nicht. Sie haben mir den portugiesischen Namen Ladio Veron gegeben.

          Vor ein paar Tagen haben in Brasília Indigene aus dem ganzen Land für ihre Rechte demonstriert – bis sie von der Polizei mit Tränengas und Gummigeschossen auseinandergetrieben wurden. Es waren Bilder wie aus einer längst vergangen geglaubten Zeit: schwerbewaffnete Männer auf Pferden gegen Indigene mit Pfeil und Bogen.

          Fast wie Krieg, oder? Etliche sind noch immer im Krankenhaus, zwei von den Xukuru, drei Maxacali und fünf Guaraní. Die werden wegen des Pfeffersprays wahrscheinlich das Augenlicht verlieren. Das ist das, was in Brasilien passiert: die Unterwerfung der indigenen Völker.

          Sie haben Geschichtswissenschaften studiert. Wie würden Sie die Geschichte Ihres Volkes, der Guaraní-Kaiowá, seit der Ankunft der ersten Europäer 1500 zusammenfassen?

          Es gibt die Guaraní an der Küste und die Guaraní-Kaiowá, die „aus dem großen Wald“. Die haben eher im mittleren Westen des Kontinents gelebt.

          Wo heute die Grenzen zwischen Brasilien, Paraguay und Bolivien verlaufen.

          Damals gab es keine Grenzen. Das war alles Kaiowá-Gebiet. Mit fast drei Millionen Menschen.

          Und dann?

          Lange interessierte sich niemand für die Gegend, in der die Kaiowá lebten. 1953 begann dann die Regierung, das Land in große Fazendas einzuteilen. Sie fällten den Wald und legten Monokulturen an. Bis in die neunziger Jahre wurden fast 400 Kaiowá-Dörfer zerstört. Paramilitärs töteten Kinder, Frauen, Männer. Die Regierung wies Reservate aus, kleine Stücke Land, wie in Massentierhaltung.

          Ladio Veron: Der Anführer der Guaraní-Kaiowá beklagt die Regierungsarbeit Michel Temers und greift die Agrarindustrie scharf an.
          Ladio Veron: Der Anführer der Guaraní-Kaiowá beklagt die Regierungsarbeit Michel Temers und greift die Agrarindustrie scharf an. : Bild: Reuters

          Wie viele Guaraní-Kaiowá leben heute in Brasilien?

          Wir sind noch etwa 45.000. Sie haben die Bevölkerung der Guaraní-Kaiowá fast ausgelöscht.

          Seit dem Ende der Militärdiktatur 1988 hat Brasilien eine demokratische Verfassung, die umfassende Rechte der indigenen Bevölkerung anerkennt – darunter den Anspruch auf ihre Gebiete.

          Die Verfassung sah eine Frist vor, in der die indigenen Gebiete festgelegt werden sollten: fünf Jahre. Aber bei fast allen indigenen Völkern Brasiliens steckt der Prozess noch heute irgendwo fest. Sie dürfen nicht zurück auf ihr Land.

          Wie ist es mit Ihrem Dorf Takuara?

          Takuara war ein Zentrum der Guaraní-Kaiowá. Hier kamen die Anführer zusammen, die Bewohner all der anderen Dörfer. Sie feierten große Feste wie die Taufe des Mais, die rituelle Taufe von Kindern und das Durchstechen der Lippen. Drei Monate dauerte das Fest manchmal. Dann kehrten sie in ihre Dörfer zurück.

          Und was wurde aus Takuara?

          In der Gegend wächst viel Mate. Der wurde von der Companhia Matte Larangeira gesammelt, zum Trinken als Matetee. In den fünfziger Jahren ging die Firma pleite. Und weil kein Geld mehr da war, zahlte sie ihre Angestellten aus, indem sie ihnen Land gab. Indigenen-Land. Takuara ging an einen ehemaligen Buchhalter, Jacinto. Er zerstörte die Gebetshäuser und tötete alle Indigenen, die dort waren.

          Was passierte nach 1988?

          Es wurden anthropologische Studien gemacht, die indigenes Land identifizierten und offiziell bestätigten. Die Regierung versprach uns: Wir werden dieses Land übergeben. Aber nichts passierte. Unsere Führer gingen nach Brasilia, um Druck zu machen. Die Regierung machte wieder Versprechungen. So ging das bis 1999. Dann beschlossen die Indigenen, auf ihr Land zurückzukehren.

          Also es zu besetzen?

          Wir sprechen von retomadas, Zurücknahmen.

          Ihr Vater, Marcos Veron, führte die retomada von Takuara an. Am 13. Januar 2003 wurde er deshalb ermordet. Wie erinnern Sie sich an diesen Tag?

          Es gab einen Angriff auf unser Lager. Sie haben auf uns geschossen, Leute niedergeschlagen und verjagt. Dann haben sie sich die Anführer geschnappt und vor unseren Augen getötet. Jedes Mal, wenn ich daran erinnert werde, geht es mir richtig schlecht. Deshalb will ich gar nicht mehr darüber sprechen.

          Was wurde aus den Mördern?

          Sie wurden verurteilt, bekamen zwölf Jahre und sechs Monate Gefängnis. Inzwischen sind sie aber wieder frei und bedrohen uns wieder. In diesem Kampf um unser Land habe ich schon vier Brüder verloren, meine drei Jahre alte Nichte und einen Onkel.

          Weitere Themen

          Bäume müssen nicht vermenschlicht werden Video-Seite öffnen

          Kritik an Peter Wohlleben : Bäume müssen nicht vermenschlicht werden

          Die Deutschen lieben den Wald. Der Förster Peter Wohlleben schreibt in seinen Büchern, Bäume liebten sich auch untereinander. Der Forstwissenschaftler Prof. Christian Ammer von der Georg-August-Universität Göttingen durchbricht jetzt die Bestseller-Idylle: Massensterben ist an der Tagesordnung, der Wald muss nicht vermenschlicht werden, um Bewunderung hervorzurufen.

          Wenn am Sonntagabend die Dorfmusik spielt

          Brasilien : Wenn am Sonntagabend die Dorfmusik spielt

          Drei Wochen lang ist Blumenau das Mekka bierliebender Besucher aus ganz Brasilien. Doch viele Einheimische fühlen sich nicht nur bei Blasmusik und Sauerkraut der Heimat ihrer deutschen Vorfahren eng verbunden.

          Topmeldungen

          Aufstieg bei den Konservativen : Der britischste aller Briten

          Jacob Rees-Mogg war schon immer anders. Mit fünf Jahren wurde er Mitglied der Tories, doch niemand sagte ihm eine große Karriere voraus. Nun steht er plötzlich im Rampenlicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.