Home
http://www.faz.net/-gun-73tep
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
50 Plus

Gespräch mit Fritz J. Raddatz „Stil braucht Lässigkeit“

Der Kritiker Fritz J. Raddatz gilt als stilvolle Persönlichkeit. Mit Timo Frasch spricht er über Kunst als Dekor, die Verwüstung der Sprache und Stil als Korsett für Unsichere.

© Henning Bode Vergrößern „Alles, was Geschmack und Stil heißt, heißt auch Bildung und Erziehung, und Erziehung hat immer mit Zwang zu tun.“ Sagt Fritz J. Raddatz.

Herr Raddatz, ich muss gestehen, ich habe länger als sonst überlegt, was ich zu unserem Interview anziehen soll. Sie sind ja, wie man aus Ihren Büchern weiß, sehr genau in der Beobachtung und noch schärfer im Urteil.

Das kann man sagen, ja.

Glauben Sie, die Leute haben inzwischen Angst, sich Ihrer Gesellschaft auszusetzen?

Es kann sein, dass Menschen durch die kleinen Zeremonien, die ich mir nach wie vor leiste, wenn ich Gäste habe, zwar nicht Angst, aber doch Vorbehalte haben, weil sie meistens zu Hause so nicht leben. Ich kann gut verstehen, dass manche das Ganze albern finden, weil sie nicht wissen, was ein Messerbänkchen ist, oder weil sie keine Ahnung haben, wie man mit meinem Spargelbesteck aus dem Ritz in Paris überhaupt umgeht. Manche mögen das Zeremonielle aber auch. Mein früherer Freund Günter Grass etwa hat mich einst gefragt, ob er wenigstens zwei seiner Söhne mal zum Abendessen mitbringen dürfte, damit die sehen, wie es in einem kultivierten Haus zugeht.

Wie sieht es mit der Kleidung aus?

Auch da erschöpft sich für mich Stil nicht in der Frage, welche Hemden jemand trägt, ob mit Manschettenknöpfen oder ohne, wenngleich ich auch darauf Wert lege.

Da dürften Sie oft enttäuscht werden.

Ich gehe ja jeden Tag in meine soziale Beobachtungsstation, ein wunderschönes altes Jugendstilschwimmbad in Hamburg. Punkt neun stehe ich jeden Morgen wie ein Schüler vor der Tür und gehe dann eine Stunde ins Außenbecken. Da beobachte ich unangenehme, zum Teil ekelhafte Dinge: dass die Leute zum Beispiel barfuß in ihre Schuhe steigen – und ich rede dabei nicht von den Schwimmlatschen. Man hört ja immer wieder das Gerücht, dass Strümpfe bei Gelegenheit sogar gewaschen werden. Nun frage ich mich: Wer wäscht denn die Schuhe, wenn die Leute mit ihren bloßen Füßen in die Lederschuhe gehen? Oder, was ich wirklich grauslich finde, auch eine Unsitte, Entschuldigung wenn ich sage: Ihrer Generation, die ziehen ihre Jeans auf den nackten Arsch. Ich nehme an, dass sie die Hose nicht täglich wechseln und wahrscheinlich auch nicht jeden zweiten Tag, was man normalerweise mit Unterwäsche tut. Das ist sehr unhygienisch und mir zuwider. Ich bekenne mich schuldig, dass ich noch Unterhosen trage, aber das ist offenbar out.

Wo sehen Sie das denn, dass die Leute nackt in ihre Hosen steigen? Gibt es dort keine Umkleidekabinen?

Es gibt nur Umkleideräume, das heißt, da steht jemand neben mir oder vor mir oder hinter mir, da kann ich das beobachten. Und da wir im Moment noch bei Stil und Sitte sind, bekenne ich mich auch schuldig im Sinne der Anklage, dass ich zum Beispiel ein Buttermesser benutze, selbst wenn ich keine Gäste habe. Was ich eher beobachte, selbst in sehr guten Restaurants wie dem Hamburger Vier Jahreszeiten, dass die Leute ihr Messer ablecken oder das Messer in der linken Hand hochhalten als wäre es eine Standarte. Manchmal habe ich das Gefühl, ich muss jeden Moment einen Arzt rufen, weil die sich gleich die Zunge abschneiden werden.

Fritz J. Raddatz - Der ehemalige Literaturchef der "Zeit" spricht mit Timo Frasch in Hamburg  zum Thema Stil, und zwar nicht nur in einem modischen Sinne, sondern ganz generell. D.h.: Stil als Charakterfrage, als Haltung etc. © Henning Bode Vergrößern „Wer wäscht denn die Schuhe, wenn die Leute mit ihren bloßen Füßen in die Lederschuhe gehen?“

Gestatten Sie es sich wenigstens zu Hause, leger gekleidet zu sein?

1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Schoßgebete im Kino Oh Gott, das darf mein Mann nicht sehen

Die Schönheit von Lavinia Wilson, das Glück der Bonobos und das Mitleid mit den Männern: Charlotte Roche und der Produzent Oliver Berben sprechen über die Verfilmung von Schoßgebete. Mehr

16.09.2014, 13:43 Uhr | Feuilleton
Jogi Löw bleibt Bundestrainer

Der 54-jährige sagte dem DFB, er habe nicht vor, seine Verpflichtung vorzeitig zu beenden - es gäbe nach dem Sieg der WM noch weitere Ziele. Er könne sich außerdem nichts Schöneres vorstellen. Mehr

23.07.2014, 17:06 Uhr | Sport
Kameramann Michael Ballhaus Dieser Blick liebt die Schauspieler

Er filmte Michelle Pfeiffer auf dem Klavier und drehte mit Fassbinder, Coppola, Scorsese: Der Kameramann Michael Ballhaus hat sie alle gesehen. Ein Gespräch. Mehr

14.09.2014, 16:52 Uhr | Feuilleton
Gute Laune beim Training nach dem Sieg

Nach ihrem furiosen Sieg gegen Portugal hat die deutsche Nationalmannschaft gut gelaunt trainiert. Dass Mats Hummels sich bei dem 4:0 verletzte, tat der Stimmung keinen Abbruch. Jogi Löw sagte, er gehe nicht davon aus, dass die Blessur weitreichende Folgen haben werde. Mehr

17.06.2014, 20:32 Uhr | Sport
FC-Trainer Stöger Die große Aufgeregtheit wird schon noch kommen

Fußball geht auch mit Humor: Peter Stöger will den 1. FC Köln aus dem Fahrstuhl holen. Der Trainer spricht vor dem rheinischen Derby gegen Gladbach über Drecksarbeit, die Wucht der Fans und seine rot-weiße Glücksbrille. Mehr

20.09.2014, 19:22 Uhr | Sport
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 29.10.2012, 12:15 Uhr