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Gespräch mit Fritz J. Raddatz „Stil braucht Lässigkeit“

Der Kritiker Fritz J. Raddatz gilt als stilvolle Persönlichkeit. Mit Timo Frasch spricht er über Kunst als Dekor, die Verwüstung der Sprache und Stil als Korsett für Unsichere.

© Henning Bode Vergrößern „Alles, was Geschmack und Stil heißt, heißt auch Bildung und Erziehung, und Erziehung hat immer mit Zwang zu tun.“ Sagt Fritz J. Raddatz.

Herr Raddatz, ich muss gestehen, ich habe länger als sonst überlegt, was ich zu unserem Interview anziehen soll. Sie sind ja, wie man aus Ihren Büchern weiß, sehr genau in der Beobachtung und noch schärfer im Urteil.

Das kann man sagen, ja.

Glauben Sie, die Leute haben inzwischen Angst, sich Ihrer Gesellschaft auszusetzen?

Es kann sein, dass Menschen durch die kleinen Zeremonien, die ich mir nach wie vor leiste, wenn ich Gäste habe, zwar nicht Angst, aber doch Vorbehalte haben, weil sie meistens zu Hause so nicht leben. Ich kann gut verstehen, dass manche das Ganze albern finden, weil sie nicht wissen, was ein Messerbänkchen ist, oder weil sie keine Ahnung haben, wie man mit meinem Spargelbesteck aus dem Ritz in Paris überhaupt umgeht. Manche mögen das Zeremonielle aber auch. Mein früherer Freund Günter Grass etwa hat mich einst gefragt, ob er wenigstens zwei seiner Söhne mal zum Abendessen mitbringen dürfte, damit die sehen, wie es in einem kultivierten Haus zugeht.

Wie sieht es mit der Kleidung aus?

Auch da erschöpft sich für mich Stil nicht in der Frage, welche Hemden jemand trägt, ob mit Manschettenknöpfen oder ohne, wenngleich ich auch darauf Wert lege.

Da dürften Sie oft enttäuscht werden.

Ich gehe ja jeden Tag in meine soziale Beobachtungsstation, ein wunderschönes altes Jugendstilschwimmbad in Hamburg. Punkt neun stehe ich jeden Morgen wie ein Schüler vor der Tür und gehe dann eine Stunde ins Außenbecken. Da beobachte ich unangenehme, zum Teil ekelhafte Dinge: dass die Leute zum Beispiel barfuß in ihre Schuhe steigen – und ich rede dabei nicht von den Schwimmlatschen. Man hört ja immer wieder das Gerücht, dass Strümpfe bei Gelegenheit sogar gewaschen werden. Nun frage ich mich: Wer wäscht denn die Schuhe, wenn die Leute mit ihren bloßen Füßen in die Lederschuhe gehen? Oder, was ich wirklich grauslich finde, auch eine Unsitte, Entschuldigung wenn ich sage: Ihrer Generation, die ziehen ihre Jeans auf den nackten Arsch. Ich nehme an, dass sie die Hose nicht täglich wechseln und wahrscheinlich auch nicht jeden zweiten Tag, was man normalerweise mit Unterwäsche tut. Das ist sehr unhygienisch und mir zuwider. Ich bekenne mich schuldig, dass ich noch Unterhosen trage, aber das ist offenbar out.

Wo sehen Sie das denn, dass die Leute nackt in ihre Hosen steigen? Gibt es dort keine Umkleidekabinen?

Es gibt nur Umkleideräume, das heißt, da steht jemand neben mir oder vor mir oder hinter mir, da kann ich das beobachten. Und da wir im Moment noch bei Stil und Sitte sind, bekenne ich mich auch schuldig im Sinne der Anklage, dass ich zum Beispiel ein Buttermesser benutze, selbst wenn ich keine Gäste habe. Was ich eher beobachte, selbst in sehr guten Restaurants wie dem Hamburger Vier Jahreszeiten, dass die Leute ihr Messer ablecken oder das Messer in der linken Hand hochhalten als wäre es eine Standarte. Manchmal habe ich das Gefühl, ich muss jeden Moment einen Arzt rufen, weil die sich gleich die Zunge abschneiden werden.

Fritz J. Raddatz - Der ehemalige Literaturchef der "Zeit" spricht mit Timo Frasch in Hamburg  zum Thema Stil, und zwar nicht nur in einem modischen Sinne, sondern ganz generell. D.h.: Stil als Charakterfrage, als Haltung etc. © Henning Bode Vergrößern „Wer wäscht denn die Schuhe, wenn die Leute mit ihren bloßen Füßen in die Lederschuhe gehen?“

Gestatten Sie es sich wenigstens zu Hause, leger gekleidet zu sein?

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