http://www.faz.net/-gum-96gzs

Umstrittener Grundschul-Test : Ist „mutig“ typisch für Mädchen?

Mädchen rosa, Jungen blau: Kinder im Sommer 2013 in Berlin Bild: Picture-Alliance

Auf Facebook wird das Bild eines Grundschul-Ethiktests massenhaft geteilt. Es geht um Eigenschaften von Mädchen und Jungs. Das zuständige Ministerium zieht erste Konsequenzen.

          Jungs spielen mit Autos und sind mutig, Mädchen spielen mit Puppen und sind hilfsbereit. Mädchen sind ängstlich und haben Zöpfe. Jungs sind laut und mögen Lego. Was klingt wie eine Ansammlung von Klischees, ist in der vierten Klasse einer Förderschule in Sachsen-Anhalt offenbar Unterrichtsgegenstand gewesen. Und jetzt auch Gegenstand einer hitzigen Debatte auf Facebook. Dort wurde vor zwei Tagen das Foto eines Tests aus dem Ethik-Unterricht geteilt – dort und auf Twitter finden sich mittlerweile fast 2000 Shares. Die Aufgabe: Die Begriffe, die zu Jungen gehören blau und die, welche zu Mädchen gehören, rot einzukreisen. Dafür, den Begriff „mutig“ in rot einzukreisen, gab es nur einen halben Punkt.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Leonie Feuerbach

          Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin.

          „Ich finde das ist skandalös“, schrieb Sandra Goldschmidt, die den Test öffentlich machte. „Geschlechterstereotype nicht zu diskutieren und analysieren sondern zu zementieren und dann auch noch mit richtig oder falsch zu bewerten. Ich krieg mich kaum noch ein!“ Laut Goldschmidt stammt das Foto aus einer internen Eltern-Gruppe bei Facebook. Sie habe es von einer Bekannten, die anonym bleiben wolle.

          „Die 50er haben angerufen...“

          Manche Kommentatoren stimmten ein („Sexistische Kackscheiße“, „Die 50er Jahre haben angerufen und wollen ihr Unterrichtsmaterial zurück“). Andere waren sich hingegen sicher, dass es sich um einen Fake handeln müsse. Eine dritte Gruppe suchte nach Erklärungen. „Das Bild ist komplett aus dem Zusammenhang gerissen. Es ist der Anfang einer kompletten Lehreinheit“, schreibt etwa eine Nutzerin auf Twitter. Sie argumentiert: „Hier wurden Kinder absichtlich mit Stereotypen konfrontiert, eben DAMIT sie darüber nachzudenken beginnen.“ Die Bewertung resultiere daraus, dass „Dichotomien“ abgeprüft werden sollten. Gleichzeitig „ängstlich“ und „mutig“ in einer Farbe zu markieren sei nicht möglich und der Punktabzug daher gerechtfertigt.

          Um einen Fake, so viel ist inzwischen klar, handelt es sich nicht. Gegenüber FAZ.NET bestätigt das Bildungsministerium von Sachsen-Anhalt, dass das Papier dort im Unterricht eingesetzt wurde. Trotzdem bleibt vieles unklar. Ein Sprecher des Ministeriums verweist auf den Rahmenlehrplan des Landes, in dem nichts dergleichen vorgesehen sei. In den so genannten „niveaubestimmenden Aufgaben“, einer etwas konkreteren Orientierungshilfe für Lehrer, ist allerdings eine Einheit zum Thema „Typisch Mädchen – typisch Junge?“ enthalten. Hier sollen, ganz ähnlich wie auf dem öffentlich gewordenen Test-Blatt, typische Eigenschaften eingekreist werden.

          Es heißt dort aber auch: „Gibt es Wörter, die du mit beiden Farben einkreisen kannst? Erkläre es deinen Mitschülerinnen und Mitschülern.“ Das Kapitel endet mit aufklärenden Hinweisen zur Gleichbehandlung von Frauen und Männern und auf den Artikel 3 des Grundgesetzes. Eine Geschlechterzuordnung in Form eines benoteten Tests ist hier jedoch an keiner Stelle vorgesehen.

          Tatsächlich wurden die Antworten aber bewertet, wie auch das Bildungsministerium zugibt. Wie es dazu kam, kann der Sprecher nicht erklären. Die Seite entstamme einem „Gesamtkontext“, die Aufgabe sei „eingebettet in eine Reflexion über Stereotype“ gewesen. Gleichwohl sei das Arbeitsblatt aus Sicht des Ministeriums nicht „für eine Prüfung geeignet“ und werde auch „in Zukunft nicht mehr in Prüfungssituationen eingesetzt“. Die Lehrkraft habe ihre Intentionen den Eltern, der Schulleitung und einem schulfachlichen Referenten gegenüber erklären können und nun keine Konsequenzen mehr zu befürchten.

          Eine andere Mutter hat auf Facebook ein Foto von demselben Test hochgeladen. Ihr neunjähriger Sohn bekam ihrer Aussage zufolge eine 2, weil er Zöpfe Jungen zugeordnet hatte (falsch) und die Eigenschaft „mutig“ Mädchen (ein bisschen falsch). Sie sagt: Ihr Sohn habe mehrere Wörter in beiden Farben einkreisen wollen. „Nur eine Farbe“, habe die Lehrerin dazu gesagt.

          Weitere Themen

          Arbeit am Akkord

          ESC-Kandidaten im Camp : Arbeit am Akkord

          Die sechs Kandidaten für den deutschen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest stehen fest. Im Songwriting-Camp arbeiten sie intensiv an neuen Liedern für den Wettbewerb. Aber wie gewinnt man den ESC eigentlich?

          Hauptsache, Mensch

          Herbert Grönemeyer im Gespräch : Hauptsache, Mensch

          Er ist einer der erfolgreichsten deutschen Sänger: Herbert Grönemeyer spricht über sein neues Album „Tumult“, über die Fehler von Mesut Özil und Angela Merkel sowie über vergebliche Anrufe bei dem legendären Produzenten Rick Rubin.

          Topmeldungen

          Migranten aus Mittelamerika klettern am 29. Oktober auf den Anhänger eines Lastwagens, während eine Karawane von Menschen ihren langsamen Marsch zur amerikanischen Grenze fortsetzt.

          Flüchtlingstreck nach Amerika : Endstation Mexiko?

          Tausende Menschen schieben sich aus Honduras durch Mexiko in einer langen Karawane Richtung Amerika. Doch Donald Trumps Drohung zeigt bei den ersten Flüchtlingen Wirkung.
          Quirinale: Sitz der italienischen Regierung.

          Euro-Tief : Italien schwächt den Euro

          Der Wechselkurs der Gemeinschaftswährung fällt auf den niedrigsten Stand seit Juni 2017. Am Markt herrscht Einigkeit: Schuld daran ist Italien. Und das Verhalten der populistischen Regierung in Rom verheißt auch für die Zukunft nichts Gutes.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.