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Geschichten aus der Trinkhalle : Die einen hier, die anderen da, verstehste?

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Stammtische des Viertels: „Trinkhalle im Turm“ der Familie Özdemir (vorne links), „Trinkhalle an der Galluswarte“ von Natascha (hinten) Bild: Stefan Finger

Zwei Trinkhallen teilen sich eine Verkehrsinsel – als Konkurrenten, die doch vom selben Schicksal bedroht sind. Vom Niedergang der öffentlichen Stammtische.

          „Mein Schatz, willst du noch ein Bier?“, fragt Natascha, wirft den Kopf in den Nacken und lacht. Wenn sie nicht über die „Türken“ ein paar Meter weiter lästert, ist ihre Stimme sanft.

          „Aber klar! Wäre ich nicht verheiratet, würde ich dir sofort einen Antrag machen“, sagt Hans, setzt das Feuerzeug am Bierflaschenhals an, und der Kronkorken fliegt auf den Boden.

          19 Uhr, Feierabend, für Natascha heißt das: Rushhour. Die „Trinkhalle an der Galluswarte“ ist ihr Arbeitsplatz, geöffnet von 10 Uhr morgens bis 1 Uhr in der Nacht, sieben Tage die Woche. Auf den knapp fünf Quadratmetern mit gestapelten Getränkekisten und Haribo-Tüten verbringt sie mehr Zeit als in ihrer Wohnung. Geld verdient sie mit Kaugummi, Kleinigkeiten, vor allem mit Bier. Und während sie die Flaschen über den Tresen reicht, schaut sie immer auch darauf, wie viele drüben durch die Luke gehen.

          Die Trinkhallen-Kultur hat sich verändert

          Drüben, das ist, nur 20 Schritte entfernt, die „Trinkhalle im Turm“, auf derselben Verkehrsinsel, in demselben Flachbau an der Galluswarte, diesem jahrhundertealten Frankfurter Turm. Doch da, wo das Graffito aufhört und der Putz von der Wand bröckelt, verläuft eine unsichtbare Grenze. Mit denen da drüben redet Natascha nicht.

          Stattdessen zeigt sie mit ausgestrecktem Finger hinüber, dahin, wo zwei junge Männer sich laut anschreien. „Da hat wohl wieder jemand seine Miete nicht gezahlt“, sagt sie und kneift die mit dickem schwarzen Kajalstrich umrandeten Augen zusammen. Natascha war zuerst hier, mit ihrem hölzernen Einbauregal, in dem die Kümmerlinge neben den Jägermeistern und den kleinen Feiglingen liegen. Auf dem metallenen Fensterrahmen kleben Aufkleber von Fußballern vergangener Weltmeisterschaften wie stille Belege dafür, dass Natascha und ihr Bier schon seit zwanzig Jahren zur Galluswarte gehören.

          Trinkhallenbesitzerin Natascha
          Trinkhallenbesitzerin Natascha : Bild: Stefan Finger

          Die Trinkhallen wurden in den fünfziger Jahren gebaut. Das Gallus war ein traditionelles Arbeiterviertel, in den Adlerwerken wurden Motor-, Fahrräder und Schreibmaschinen produziert, die Arbeiter wohnten nicht weit. Das Mineralwasser, das in den Trinkhallen ausgeschenkt wurde, war Luxus, weil das Wasser aus der Leitung ungenießbar war. Arbeiter tranken Bier und Schnaps.

          Heute hat sich die Trinkhallen-Kultur verändert. Durch die langen Ladenöffnungszeiten werden die Supermärkte zu Konkurrenten, viele Büdchen müssen schließen. Die Laufkundschaft, die sich mal eine Tafel Schokolade oder ein paar Batterien kauft, wird das nicht stören. Die Stammkunden allerdings wissen nicht, wohin. Die Trinkhallen sind mehr als nur ein Warenangebot, sie sind öffentlicher Stammtisch eines Viertels.

          Kein leichtes Leben

          Erika tauscht die leere Bierflasche gegen eine volle. Erika muss nicht sagen, welches Bier sie möchte, Natascha weiß, es ist immer ein Binding, das Frankfurter Bier. Einen Euro kostet es, das billigste Bier ist das Felsgold für 80 Cent.

          Hans zieht eine abgegriffene Plastiktüte aus der Tasche. Bestellt vier Flaschen Bier.

          „Nimmst mich mit nach Hause?“, fragt Erika.

          „Nur, wenn du putzen kannst“, sagt Hans.

          „Das hatte ich früher doch schon, hau doch ab“, sagt Erika. Hans dreht sich um und geht.

          Früher, das muss bei Erika vor vielen Jahren gewesen sein. Fragt man Erika nach Jahreszahlen, weiß sie nicht so genau: War es 1993 oder 1999 oder in einem ganz andern Jahr? Sie ist die einzige Frau außer Natascha, die fast jeden Tag für ein paar Stunden kommt, ansonsten bleibt die Trinkhalle eine Männergesellschaft. Erika trägt ihre grauen Haare kurz geschnitten, das ist praktischer. Sie wohnt nicht weit. Mal redet sie mit jemandem, mal sitzt sie einfach da und schweigt und trinkt Schluck um Schluck.

          Gerade ist ihr danach zu reden. „Früher hatte ich selbst einen Kiosk“, sagt sie und blickt auf den Boden. „Mein erster Mann ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Dann konnte ich nicht mehr“, sagt Erika und nimmt einen Schluck aus der Flasche. In ihren wässrigen Augen, in denen rote Äderchen zu sehen sind, ist zu lesen, dass ihr Leben bisher kein leichtes gewesen ist. „Ich habe nicht einmal einen Führerschein, wie hätte ich das machen sollen?“, fragt sie, als müsse sie sich rechtfertigen. Natascha hört Wortfetzen mit. „Die redet doch nur“, sagt sie und wiegelt das Gehörte ab, weil sie die Geschichten in anderen Variationen schon oft gehört hat.

          „Es gibt schlimmere Trinkhallen“, sagt Erika. Sie verschränkt die Arme und will keine weiteren Fragen hören. In die Trinkhallen, wo die Junkies stehen, die Obdachlosen, da würde Erika nie hingehen. „Meine Freunde kommen erst nach der Schicht“, sagt sie, Stunden später werden sie allerdings immer noch nicht aufgetaucht sein.

          Keine Namen, keine Geschichte

          Erika sagt, sie arbeite in der Baureinigung, heute habe sie frei. „Im Sommer ist es besser als im Winter. Da ist der Boden nicht so dreckig.“ In die Trinkhalle nebenan geht sie nur, wenn Natascha mal wieder nicht offen hat. „Die einen hier, die anderen da. Verstehste?“, wiederholt Erika. Doch die Gier nach dem Bier überlagert auch dieses Gebot.

          Drüben, in der „Trinkhalle im Turm“, sitzt Özkan hinter Snickers, Schlümpfen und Kinderriegeln auf einem schwarzen Bürostuhl aus Leder. Sein Blick aus dem Büdchen ist auf die Mainzer Landstraße gerichtet, auf fahrende Autos und Männer in Anzügen, die von der Arbeit kommen. Während seiner Arbeit sieht er Natascha und ihre Kundschaft, die Alten, nicht.

          Özcan, einer der Özdemir-Brüder
          Özcan, einer der Özdemir-Brüder : Bild: Stefan Finger

          Auf der Metallabsperrung neben Özkans Tresen sitzt ein glatzköpfiger Jugendlicher. Sein Oberkörper ist nackt, die Muskeln zucken, Schweißperlen glänzen in der Abendsonne. Er schreit etwas auf Russisch. Ein Mann neben ihm, schwarze Jogginghose, Glatze. In seinen Händen hält er eine Metallkette und lässt sie durch die Luft zischen. Das sind die Leute, die bei Özkan trinken. Die Jungen.

          Özkan kennt keine Namen, keine Geschichten, für ihn sind sie Kunden, die er bedient. Er beobachtet, er geht nur dazwischen, wenn es laut wird. Özkan lässt sich so schnell nicht aus der Ruhe bringen. Er arbeitet seit 2003 in der Trinkhalle. Damals hat sein Bruder den Kiosk übernommen. Bier, Zigaretten und Twix sind das Familiengeschäft.

          Die Özdemirs haben Erfahrung mit dem Handel. Als die Kurden Mitte der neunziger Jahre aus der Türkei nach Deutschland kamen, hatten sie keine Ausbildung, die hier anerkannt wurde. Um nicht ohne Arbeit dazustehen, eröffneten sie einen Obst- und Gemüseladen. Dann übernahmen sie die Trinkhalle, in der vorher ein kleiner Tabakladen war.

          Hier die jungen Trinker, da die Alten

          Özkans Bruder ist verheiratet und hat einen Sohn, der neun Jahre alt ist. Der Kiosk allein reicht nicht, deshalb wird er bald ein paar Straßen weiter einen Kebab- und einen Pizzaladen eröffnen. Die Schichten am Kiosk teilen sie sich, die drei Brüder und der Schwager; so öffnen sie morgens um 6 Uhr, wenn die ersten ihre Zigaretten für die Arbeit kaufen, und schließen in der Nacht um 2Uhr, wenn die letzten Jugendlichen noch ihr Bier geholt haben. „Einer nimmt jeden Morgen Sonnenblumenkerne und eine Cola. Er müsste 3,50 Euro zahlen, doch er gibt mir immer einen 5-Euro-Schein. Stimmt so“, sagt Özkan und lacht, er hat strahlend weiße Zähne und trägt ein Ralf-Lauren-Shirt.

          Uwe zieht einen „Dildo to go“ aus seiner Fahrradtasche und gibt ihn rum. Uwe ist etwas über 40 und Stammkunde. „Hier am Turm ist mehr los. Drüben ist es langweilig, da hocken nur die Alten“, sagt er. Die reagenzglasförmigen Plastikflaschen mit dem „Dildo to go“- Sticker sind Uwes Geschäft. Seiner Chefin gehört der Vertrieb von partyschnaps-frankfurt.de. Ihr Büro ist nur ein paar Straßen entfernt, am Europagarten, dort, wo das neue Frankfurt entsteht. Das Frankfurt, das sich Leute wie Uwe nicht leisten können. Wohnungen von 100 Quadratmetern kosten dort 1400 Euro Kaltmiete. An der Trinkhalle macht er Werbung für seinen Handel und lenkt sich von der Arbeit vor dem Rechner zu Hause ab.

          Hier die jungen Trinker, da die Alten, der Neid ums Geschäft. Doch hinter der Konkurrenz, dem Streit, steckt eine Geschichte. Die mit dem Überfall. Bis heute ist nicht geklärt, wer schuld ist. Aber seitdem reden die Özdemirs und Natascha nicht mehr miteinander.

          Natascha erzählt die Geschichte so: Es war Ostern 2004. Ein Jahr nachdem die Özdemirs ihren Kiosk eröffnet hatten. Natascha wollte gerade schließen, da schlugen vier Männer mit Baseballschlägern die Fenster ein. Sie lag am Boden zwischen den Glasscherben und musste ins Krankenhaus. „Die von drüben wollten mir Angst machen, wollten, dass ich verschwinde, damit einer ihrer Brüder unsere Trinkhalle übernehmen kann“, behauptet sie. „Das wollten wir nicht zulassen. Man muss dem Feind die Zähne zeigen.“ Sie schiebt ihren Unterkiefer nach vorne.

          Der kleine Mikrokosmos ist bedroht

          Natascha erstattete Anzeige. Es kam zum Prozess, erzählt sie, und: „Ich habe verloren. Alle meine Zeugen waren betrunken, die hat der Richter nicht ernst genommen.“ Sie lacht. „Aber sie wissen jetzt: Ich gehe nicht, und wenn sie was machen, rufe ich die Polizei.“

          Die Özdemirs derweil bestehen darauf, mit der Attacke nichts zu tun zu haben; zur Konkurrenzlage sagt einer der Brüder: „Wir machen nur unsere Arbeit.“

          So oder so, der kleine Mikrokosmos, den sie mit Natascha teilen, ist bedroht. Für 3,83 Millionen Euro will die Stadt ab 2016 die Galluswarte umbauen, mehr Licht, mehr Platz, mehr Warte. „Trinkhallen ziehen manchmal ein problematisches Publikum an“, heißt es aus Frankfurts Planungsdezernat. Vielleicht werde dort ein Café entstehen. Klingt nach ungewisser Zukunft.

          „Es ist längst Zeit, ins Altersheim zu gehen“, sagt Natascha nur dazu. Und lacht. Einer ihrer Stammkunden hat ihr von den Plänen erzählt, doch sie nimmt das noch nicht wirklich ernst. „Wenn die hier wirklich einmal dichtmachen, dann muss ich halt schauen“, sagt sie. Aufhören, das kann sie noch nicht, weil sie über die Jahre keine Ersparnisse angesammelt hat. Sie sagt nicht, wie viel sie an einem Tag verdient, aber es muss reichen für die Miete des Ladens, die Miete der Wohnung in Offenbach, das Auto. „Damit wir nicht so enden wie die, müssen wir weiterarbeiten“, sagt sie und macht eine Handbewegung hin auf ihre Kunden, die an der Ecke stehen, mit dem Bier in der Hand.

          Die Özdemirs werden einfach einen neuen Kiosk eröffnen, irgendwo in Frankfurt. Denn Kunden, die gibt es ja überall.

          Quelle: F.A.S.

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