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Geschichte einer Tochter Ein Tag wie jeder andere

 ·  Sie war vierzehn und sah aus dem Fenster. Die Birken stäubten, es war Frühling. Setz dich zu mir, sagte die Mutter. Dein Vater ist tot. Er hat sich erhängt.

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© Illustration: Hinnerck Bodendieck Vergrößern Ihr Vater hatte ein Manie und sie fürchtete sich vor ihm.

Die Mutter fragte: Wann willst du dich bei deinem Vater melden? Die Tochter antwortete: Bald. Sie begann zu weinen. Nachts träumte sie: Auf dem Dachboden der Großeltern drehte sich eine Spieluhr. Langsam kreisten die Pferdchen. Die Spieluhr leierte ein Schlaflied, bis es in der Dunkelheit erstarb. Am Morgen ging die Tochter im Schlafanzug ins Wohnzimmer. Die Mutter saß wie versteinert da. Setz dich zu mir, sagte sie. Dein Vater ist tot. Er hat sich erhängt.

Die Bücher ihres Vaters rochen nach abgestandenem Rauch. Die ganze Wohnung roch nach seinen Büchern, und er roch wie seine Wohnung. Er hatte viele rote und viele blaue Bücher. Er las ihr in ihrer Kindheit manchmal daraus vor. Lenin und Marx verstand sie nicht. Sie hörte lieber die Schallplatten von Otto. Sie konnte schnell mitsprechen, und sie lachten zusammen. Er baute mit ihr Staudämme und rettete Kaulquappen. Sie fuhren Kanu.

Er hatte viele Tabletten zu Hause, die er in einem Kästchen aufbewahrte, sortiert nach Wochentagen und Tageszeiten. Einmal durfte die Tochter sie nach Farben und Formen ordnen.

Er war sehr groß und beschwerte sich, dass die Medikamente ihn dick machten. Er weinte manchmal bei der Tagesschau. Weltschmerz nannte er das und erzählte viel von Dingen, die sie nicht verstand. Sie nickte trotzdem immer.

Über die Ärzte schimpfte er

Sie gingen zusammen ihre ältere Schwester besuchen. Die Schwester wohnte in einem Heim für behinderte Kinder und saß in einem Rollstuhl. Wenn der Vater die Schwester aus dem Rollstuhl hob und in das Gras auf eine Decke legte, durfte sie selbst mit dem Rollstuhl auf den Wegen fahren. Sie konnte das sehr gut. Ihre Schwester bekam Zitroneneis. Irgendwann ging sie nicht mehr mit ihrem Vater zur Schwester und besuchte ihn nur noch alleine.

Der Vater wollte sich einen Saab kaufen. Er sagte, ein Saab sei ein Philosophenauto. Der Saab-Händler hatte einen motorisierten Spielzeug-Saab, mit dem sie über den Parkplatz fahren durfte. Sie sollte das Auto aussuchen. Sie traute sich nicht. Sie kauften schließlich einen schwarzen Saab Cabrio und fuhren gleich damit nach Hause. Die Sonne schien. Es war das letzte Mal, dass sie das Auto sah. Sie fragte ihren Vater nie mehr danach.

Der Vater hatte viele Ärzte, über die er schimpfte. Die machen mich krank, sagte er. Der Ärzte wegen musste er so viele Tabletten schlucken und wurde dick. Dabei sei er nicht krank, man rede es ihm nur ein, sagte er. Wirklich krank sei das System. Sie kannte das System nicht und nickte.

Manchmal war ihr Vater nicht zu Hause, und sie konnte ihn am Wochenende nicht besuchen. Dein Vater ist im Krankenhaus bei seinen Ärzten, sagte ihre Mutter. Die Tochter fragte: Machen die ihn gesund? Sie passen auf ihn auf, sagte die Mutter.

Geh doch nach Köppern!

Zu ihrer Einschulung kamen Vater und Mutter. Der Vater hatte seine beige Jacke an, er trug ihre Schultüte und roch wie immer. Sie hatte ihn länger nicht gesehen, sein Bauch war noch größer geworden. Er rauchte. Sie war lange nicht zwischen beiden Eltern gelaufen und sehr aufgeregt. Von den anderen Kindern kamen auch beide Eltern und sie fand sich normal. Ihr Vater musste früher gehen, weil er gerade in einer Klinik wohnte. Sie sah ihn immer seltener.

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