Die Mutter fragte: Wann willst du dich bei deinem Vater melden? Die Tochter antwortete: Bald. Sie begann zu weinen. Nachts träumte sie: Auf dem Dachboden der Großeltern drehte sich eine Spieluhr. Langsam kreisten die Pferdchen. Die Spieluhr leierte ein Schlaflied, bis es in der Dunkelheit erstarb. Am Morgen ging die Tochter im Schlafanzug ins Wohnzimmer. Die Mutter saß wie versteinert da. Setz dich zu mir, sagte sie. Dein Vater ist tot. Er hat sich erhängt.
Die Bücher ihres Vaters rochen nach abgestandenem Rauch. Die ganze Wohnung roch nach seinen Büchern, und er roch wie seine Wohnung. Er hatte viele rote und viele blaue Bücher. Er las ihr in ihrer Kindheit manchmal daraus vor. Lenin und Marx verstand sie nicht. Sie hörte lieber die Schallplatten von Otto. Sie konnte schnell mitsprechen, und sie lachten zusammen. Er baute mit ihr Staudämme und rettete Kaulquappen. Sie fuhren Kanu.
Er hatte viele Tabletten zu Hause, die er in einem Kästchen aufbewahrte, sortiert nach Wochentagen und Tageszeiten. Einmal durfte die Tochter sie nach Farben und Formen ordnen.
Er war sehr groß und beschwerte sich, dass die Medikamente ihn dick machten. Er weinte manchmal bei der Tagesschau. Weltschmerz nannte er das und erzählte viel von Dingen, die sie nicht verstand. Sie nickte trotzdem immer.
Über die Ärzte schimpfte er
Sie gingen zusammen ihre ältere Schwester besuchen. Die Schwester wohnte in einem Heim für behinderte Kinder und saß in einem Rollstuhl. Wenn der Vater die Schwester aus dem Rollstuhl hob und in das Gras auf eine Decke legte, durfte sie selbst mit dem Rollstuhl auf den Wegen fahren. Sie konnte das sehr gut. Ihre Schwester bekam Zitroneneis. Irgendwann ging sie nicht mehr mit ihrem Vater zur Schwester und besuchte ihn nur noch alleine.
Der Vater wollte sich einen Saab kaufen. Er sagte, ein Saab sei ein Philosophenauto. Der Saab-Händler hatte einen motorisierten Spielzeug-Saab, mit dem sie über den Parkplatz fahren durfte. Sie sollte das Auto aussuchen. Sie traute sich nicht. Sie kauften schließlich einen schwarzen Saab Cabrio und fuhren gleich damit nach Hause. Die Sonne schien. Es war das letzte Mal, dass sie das Auto sah. Sie fragte ihren Vater nie mehr danach.
Der Vater hatte viele Ärzte, über die er schimpfte. Die machen mich krank, sagte er. Der Ärzte wegen musste er so viele Tabletten schlucken und wurde dick. Dabei sei er nicht krank, man rede es ihm nur ein, sagte er. Wirklich krank sei das System. Sie kannte das System nicht und nickte.
Manchmal war ihr Vater nicht zu Hause, und sie konnte ihn am Wochenende nicht besuchen. Dein Vater ist im Krankenhaus bei seinen Ärzten, sagte ihre Mutter. Die Tochter fragte: Machen die ihn gesund? Sie passen auf ihn auf, sagte die Mutter.
Geh doch nach Köppern!
Zu ihrer Einschulung kamen Vater und Mutter. Der Vater hatte seine beige Jacke an, er trug ihre Schultüte und roch wie immer. Sie hatte ihn länger nicht gesehen, sein Bauch war noch größer geworden. Er rauchte. Sie war lange nicht zwischen beiden Eltern gelaufen und sehr aufgeregt. Von den anderen Kindern kamen auch beide Eltern und sie fand sich normal. Ihr Vater musste früher gehen, weil er gerade in einer Klinik wohnte. Sie sah ihn immer seltener.
An einem ihrer ersten Schultage hörte sie, wie ein Junge auf dem Schulhof einen anderen ärgerte. Geh doch nach Köppern! Ihr Vater wohnte manchmal in Köppern, es war ihr plötzlich sehr peinlich. Köppern war ein Irrenhaus. Alle in der Schule wussten das. Sie schwieg über ihren Vater. Manchmal musste sie notlügen, dann sagte sie, er sei schon tot.
Aber er lebte. An einem Dienstagnachmittag holte er sie einfach vom Flötenunterricht ab, um mit ihr ein Haus zu kaufen. Sie trafen Männer in Anzügen, die ihnen neugebaute Häuser am Waldrand zeigten. Die Tochter sollte sich ein Haus aussuchen. Sie dachte an den Saab. Die Anzugmänner waren sehr freundlich, aber die Tochter wusste, dass ihr Vater kein Geld für ein Haus hatte. Sie wollte nur schnell weg aus diesen leeren, bissig riechenden Häusern, deren Wände noch unverputzt und deren Gärten handtuchgroße Flächen mit aufgeschüttetem Bauschutt waren.
Ihr Vater brachte sie zurück in seine Wohnung. Er entschuldigte sich. Sie wusste nicht, wofür. Sie waren lange unterwegs gewesen, es hatte nichts zu essen gegeben, und sie war müde. Er redete auf sie ein. Sie verstand ihn nicht. Sie fragte nach ihrer Mutter. Er seufzte, schaute sie enttäuscht an und wählte die Nummer auf der knackenden Drehscheibe des Telefons. Es ist besser, du holst sie jetzt ab, sagte er zur Mutter. Es war Nacht. Ihre Mutter weinte, als sie in der Tür stand.
Sie malte ein Bild - ganz schwarz
Ihre Mutter begann zu erklären. Dein Vater ist krank, er ist manchmal sehr gut gelaunt und manchmal sehr schlecht, sagte sie. Wenn er sehr gut gelaunt ist, dann macht er verrückte und sogar schlimme Sachen, dann will er Autos oder Häuser kaufen. Dann muss er ins Krankenhaus. Da geben sie ihm Medikamente, damit er sich beruhigt. Die Tochter nickte nur.
Eine Woche nach dem Hauskaufausflug fuhr sie mit ihrer Mutter nach Frankfurt, um mit einer Frau zu sprechen. Die Frau hatte schwarz gefärbte Haare und viel Schmuck, der klimperte. Die Frau war keine Ärztin, aber hatte eine Wohnung mit viel Spielzeug und einem Wartezimmer für die Mutter. Was sie mit ihrem Vater zuletzt gemacht habe, fragte die Frau, als sie alleine waren. Sie antwortete nicht, sie schämte sich. Ob sie sich an die Tage danach erinnern könne, was sie da gemacht habe. Sie schwieg, sie wusste es nicht mehr. Sie dachte an ihre Mutter im Wartezimmer, die ihr gesagt hatte, dass die Frau dazu da sei, mit ihr zu reden. Sie dachte, ihre Mutter bezahle die Frau, und wusste, sie hatten wenig Geld. Sie musste erzählen, was die Frau hören wollte. Sie begann vorsichtig Geschichten über ihren Vater zu erzählen. Die Frau fragte nach und sie erfand immer mehr. Sie log über Abenteuer, die sie erlebt hätten und böse Sachen, die ihr Vater mache. Die Frau bat sie, ein Bild zu malen. Sie malte ein Bild so schwarz wie die Haare der Frau. Sie war sehr zufrieden mit sich. Es war das letzte Mal, dass sie nach Frankfurt in die Wohnung mit dem vielen Spielzeug musste.
Aber sie wusste jetzt, sie hatte ein Problem. Ein Problem, für das sich sogar fremde Frauen interessierten. Das Problem war ihr Vater. Sie lernte von ihrer Mutter das Wort: Manie. Wer eine Manie hat, der denkt, er sei der König von Deutschland. Sie kannte das Lied, sie hatte es oft mit ihrem Vater gehört: „Das alles und noch viel mehr, würd’ ich machen, wenn ich König von Deutschland wär’.“ Wer manisch ist, der kauft Sachen, die er nicht bezahlen kann. Der Saab sei von den Großeltern an den Händler zurückgegeben worden, erklärte ihre Mutter. Ein Haus konnte sich der Vater nie leisten.
Sie fürchtete sich vor ihrem Vater
Wenn sie ihren Vater jetzt manchmal noch sah, war sie sehr vorsichtig, weil man nicht sieht, ob jemand eine Manie hat. Ihr Vater merkte, dass die Tochter sich veränderte, und schimpfte auf die Mutter, wie er auf seine Ärzte geschimpft hatte. Er fragte seine Tochter: Hast du mich noch lieb? Sie nickte. Schau mir in die Augen, sagte er. Sie konnte es nicht.
Sie versuchte, ihr Vaterproblem zu vergessen. Das ging ganz gut, weil ihr Vater sie auch zu vergessen schien. Er meldete sich selten, und wenn, war er manisch, und dann durfte er sie nicht sehen. Sie fragte nicht mehr nach ihrem Vater, sie hatte Angst, er würde wieder Fragen stellen und böse werden. Er war ein Problemvater. Als sie nach der vierten Klasse die Schule wechselte, erzählte sie den neuen Kindern, ihr Vater sei sehr krank und auch gefährlich. Die anderen Kinder schauten dann ehrfurchtsvoll.
Ihre Klassenlehrerin in der neuen Schule wusste von ihrem Problemvater. Er kam manchmal ins Sekretariat und wollte, dass man sie ausrief. Er wurde weggeschickt und durfte die Schule nicht mehr betreten. Der Vater hatte jetzt sehr oft Manien. Von ihrer Mutter erfuhr sie, dass er manchmal von der Polizei in die Klinik gebracht wurde. Je mehr sie mit ihren neuen Freundinnen über ihren Vater sprach, desto mehr fürchtete sie sich. Und je älter sie wurde, desto mehr erfuhr sie auch über ihn. Die Schwester hatten sie nicht mehr zusammen besucht, weil der Vater Hausverbot in dem Heim für behinderte Kinder hatte. Der Hauskaufausflug war eine Entführung gewesen, und sie hatte danach fünf Tage lang kein Wort gesprochen - darum musste sie zu einer Therapeutin.
Sie sagte sich von ihrem Vater los
Vater und Tochter sahen sich nicht mehr. Er lauerte ihr einige Male auf dem Schulweg auf. Er fragte, wer Schuld sei, dass sie sich nicht mehr sähen, ob ihre Mutter es ihr verbiete, warum sie ihn hasse. Wenn sie einen weißen VW-Bus sah, wie den der Firma, in der er arbeitete, bog sie sofort ab oder rannte weg.
Er begann, ihr lange Briefe zu schreiben. Sie antwortete nicht. In einem Brief drohte er, sein Besuchsrecht mit einem Anwalt durchzusetzen. Sie war zwölf Jahre alt und schrieb erstmals zurück: Wenn man jemandem eine Chipstüte hinhält, heißt das noch lange nicht, dass er auch Chips nimmt. Sie sagte sich so von ihrem Vater los. Und sah ihn nie wieder.
Der Tag, an dem ihr Vater starb, war ein Tag wie jeder andere. Frühling. Die Großeltern gingen nachmittags einkaufen. Währenddessen erhängte der Vater sich auf ihrem Dachboden.
Sie war vierzehn und sah aus dem Fenster. Die Birken stäubten.