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Veröffentlicht: 01.02.2017, 12:30 Uhr

Autor des „Gentleman“- Buchs „Wer sich stillos kleidet, hängt sich selbst ab“

Egal ob Hartz-IV-Empfänger, Durchschnittsverdiener oder Chefarzt: Die meisten kaufen Kleidung möglichst billig und bequem. Der Autor des Standardwerks der Herrenmode, Bernhard Roetzel, ist verzweifelt. Ein Interview.

von
© Foto Erill Fritz Im Jahr 1999 erschien sein Buch „Der Gentleman“. Es gilt als Standardwerk der Herrenmode.

Herr Roetzel, in diesem Jahr war zuletzt viel die Rede von Abgehängten der Gesellschaft. Wer ist für Sie modisch abgehängt?

Wer sich stillos kleidet, hängt sich selbst ab. Und das machen leider inzwischen auch viele gebildete oder wohlhabende Leute. Einige bewusst, um eine Haltung zu demonstrieren. Andere aus Unwissenheit. Ignoranz ist allerdings keine Entschuldigung für unpassende Kleidung.

Woran liegt es, dass – obwohl Kleidung so günstig geworden ist – immer noch relativ wenige Menschen sich dem Anlass gemäß anziehen?

Es geht nicht darum, dass sich noch zu wenige Menschen anlassgerecht kleiden, vielmehr dass es immer weniger Menschen tun. Wolfgang Koeppen beschreibt in seinem Roman „Der Tod in Rom“, der Anfang der Fünfziger spielt, wie ein Komponist nach der Aufführung seiner Symphonie nicht auf der Bühne vor das Publikum treten will, weil er keinen Frack trägt. Selbst in den Siebzigern war es noch relativ üblich, dass man sich bei feierlichen oder ernsten Anlässen angemessen gekleidet hat. Natürlich gab es damals schon sogenannte Nonkonformisten, die Krawatten wegließen oder im Theater in Sandalen erschienen. Die fielen damals aber noch auf. Heute fällt man auf, wenn man im Theater einen dunklen Anzug trägt. Die meisten Leute wissen aus dem Fernsehen und dem Kino, wie sich Gäste von vornehmen Restaurants anziehen. Uns wurde aber jahrzehntelang eingehämmert, dass das nur Äußerlichkeiten sind, die von der Gleichheit der Menschen ablenken. Man wurde förmlich ermutigt, sich über alle Regeln hinwegzusetzen. Und es passiert einem ja auch nichts, wenn man in unmöglicher Kleidung erscheint. Wozu sich also die Mühe machen?

Zwischen den verschiedenen Schichten gibt es auch modisch Unterschiede. Welche haben Sie identifiziert?

Ich habe manchmal das Gefühl, dass es diese Unterschiede nicht mehr gibt. Wenn wir die Schichtzugehörigkeit am Bildungsgrad festmachen, sind sie kaum noch zu erkennen. Heute tragen viele Akademiker praktisch die gleiche Kleidung wie Hilfsarbeiter ohne Schulabschluss. Selbst wenn wir die Schicht am Einkommen oder Vermögen festmachen, sind Unterschiede nur noch minimal. Gucken Sie sich die sogenannte Prominenz an. Nur noch ganz selten trifft man Vertreter verschiedener Schichten an, die sich noch so kleiden, wie es vor vierzig oder sechzig Jahren üblich war. Also den Reeder aus Hamburg mit Villa im Elbvorort, der eine alte Tweedjacke von der Savile Row trägt, alte, aber gepflegte Brogues, einen uralten Gabardinemantel. Das sind Exoten, die man nur noch in Reservaten trifft, wie in bestimmten Teilen von München oder auch in Wien.

Welche Gemeinsamkeiten gibt es etwa im Allgemeinen zwischen einem Hartz-IV-Empfänger, dem Durchschnittsverdiener und dem Chefarzt?

Erstaunlich viele. Alle drei kaufen heute in der Mehrheit möglichst billige Kleidung, sie lieben es bequem und pflegeleicht, und alle drei haben oftmals eine Vorliebe für die sogenannte Funktionskleidung. Natürlich ist der Einkauf im Discounter für den Hartz-IV-Empfänger oftmals eine Notwendigkeit, beim Reichen dagegen Koketterie, manchmal geradezu eine Obszönität.

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Ich kenne übrigens auch Hartz-IV-Empfänger, die ihr Geld nicht zu den Billigtextilketten tragen und stattdessen von den Beständen aus besseren Zeiten zehren, die ihre Kleidung hegen und pflegen, sie stopfen, flicken und ausbessern. Diese Art von Sparsamkeit trifft man heute außer bei Grünen der alten Schule nur bei Adeligen und Leuten aus Familien mit altem Geld. Aber wenn ich Großgrundbesitzer bin oder Erbe eines großen Unternehmens, kann ich natürlich selbstbewusst die alten Maßanzüge vom Vater und Großvater auftragen und dann damit prahlen, seit Jahren nichts mehr gekauft zu haben.

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